Winter-Tests Die Eismacher von Arjeplog

Fräulein Smilla hatte vielleicht das bessere Gespür für Schnee, doch wenn es um Eis geht, macht Mattias Jonsson keiner etwas vor. Er ist Ice-Maker im schwedischen Arjeplog, der Hochburg für Autotests. Jonsson rollt den Erlkönigen jeden Morgen einen weißen Teppich aus.


Die Szenerie wirkt gespenstisch. Es ist vier Uhr morgens, und die Polarnacht liegt wie ein schwarzes Samttuch über dem zugefrorenen See. Weiter hinten am Horizont bohren sich zwei starke Scheinwerfer in die Dunkelheit. Sie kommen schnell näher, der Lärm schwillt an, und plötzlich verschwindet alles ringsum in einer riesigen Schneewolke. Das war nicht irgendein Fahrzeug, sondern eine 20 Tonnen schwere Fräse, deren 470 PS starker V12-Motor den Schnee in turmhohen Fontänen in die Frostluft schleudert. Am Steuer sitzt Mattias Jonsson.

Er ist ein so genannter Ice-Maker und lebt in Arjeplog. Das Dorf, in dem es im Februar nachts durchaus bis auf minus 40 Grad abkühlt, ist das Winterhauptquartier der Autotester, die hier Prototypen den letzten Schliff geben. Weil sie vor allem die Fahrwerksregelsysteme am liebsten ungestört auf Handlingparcours und rutschigem Untergrund - im Fachjargon Dynamikfläche genannt - abstimmen, präpariert Jonsson allmorgendlich das Eis auf den zugefrorenen Seen. "Wir müssen fertig sein, bevor morgens die ersten Tester kommen", sagt der Enddreißiger, während sein Kollege mit einer Art überdimensionaler Kehrmaschine Schneereste wegfegt und ein anderer das Eis so blank poliert, dass man sich fast drin spiegeln kann.

Eis ist für Jonsson nicht gleich Eis. Ähnlich wie in einer Gelateria hat auch er diverse Sorten im Angebot. Allerdings redet er nicht über Geschmacksrichtungen, sondern über Reibwerte. "Wir können das Eis bürsten, polieren, mit riesigen Fräsen aufrauen oder verkratzen. Wir können die Haftung der Reifen mit zusätzlichem Wasser vermindern oder mit Sand erhöhen", zählt er auf. Wenn es sein muss, spielt Jonsson auch Frau Holle und legt mit der Fräse einen exakt fünf Zentimeter dicken Schneeteppich auf die Testbahn.

Jonsson macht den Job erst seit drei Jahren. Doch seine Firma "Ice Makers" gibt es schon seit 1973. "Damals haben die ersten Hersteller damit begonnen, in Arjeplog aufs Glatteis zu gehen, um Autos zu testen", erinnert sich David Sundström, der heute 85jährige Pionier unter den Eismachern.

Immer wieder mal bricht eine Schneefräse durchs Eis

Was ihnen damals 16.000 Kronen pro Saison eingebracht hat, ist heute ein Millionengeschäft, das Dutzende von Mitarbeitern ernährt. "Allein Ice Makers schickt jeden Morgen bis zu 25 Leute auf die zugefrorenen Seen und bereitet für fünf Autohersteller und -zulieferer den Untergrund vor", erklärt David Sundströms Sohn Lars.

Sicherheit ist für die Ice-Maker das oberste Gebot. "Wenn wir das erste Mal auf den See gehen, tragen unsere Fahrer eine Rettungsleine, und sie haben Krallen dabei, mit denen sie sich zur Not wieder an Land ziehen könnten." Und in ihrem Overall steckt eine kleine Sauerstoffflasche. Auch wenn das Eis hin und wieder laut knackt und man meterlange Risse sieht, besteht für die Autotester keine Gefahr. "Wenn die Versuchsfahrten beginnen, waren wir vorher schon mit den 20-Tonnern auf dem Eis unterwegs", sagt Jonsson. "Es ist noch nie etwas passiert", sagt der Eismann. Das gilt zumindest für die Kunden. "Wir haben in den letzten 30 Jahren mindestens ein halbes Dutzend Schneefräsen versenkt", erinnert sich Senior-Chef Sundström.

Die Teststrecken werden jedes Jahr identisch gestaltet

Nur auf Mutter Natur und den Wettergott mögen sich die Ice-Maker inzwischen nicht mehr verlassen. Deshalb helfen sie beim Gefrieren ein bisschen nach und beginnen bereits im November mit der Eispflege. "Sobald man auf den See fahren kann, verdichten wir den Schnee an der Oberfläche, damit sich leichter Eis bilden kann", erläutert Jonsson. Immer wieder wird die Schneedecke mit Spezialgerät gepresst.

Ist das Eis dick genug, wird schließlich der überschüssige Schnee geräumt. "Dann markieren wir die Teststrecken." Die werden exakt nach GPS-Koordinaten auf die Eisfläche gezirkelt - und zwar jedes Jahr gleich. "Wir brauchen bei unseren Testfahrten absolut vergleichbare Ergebnisse", erklärt BMW-Entwickler Christian Thalmeier das Vorgehen. "Egal auf welchem See in dieser Saison gefahren wird, ist die Strecke deshalb bis auf die letzte Kurve identisch mit der des vorangegangenen Jahres."

Für Autotests reichen 30 Zentimeter Eisdicke

Wie dick das Eis ist, messen Jonsson und seine Kollegen mit Bohrungen und mit einem Radarsystem, das pro Sekunde zehn Berechnungen anstellt. "Für Autos genügen etwa 30 Zentimeter, die schon Ende November erreicht sind", sagt der Eismacher. Damit allerdings die schweren Maschinen eingesetzt werden können, muss das Eis zirka 60 Zentimeter dick sein; und wenn Lastwagen oder Busse getestet werden, dann sollte das Eis mindestens 70 Zentimeter haben. "Das ist für schwedische Verhältnisse nicht viel", sagt Jonsson. "Normalerweise ist das Eis im Februar oder März mehr als einen Meter dick."

Die Kunst der Eismaker ist zwar vergänglich, doch das Verfallsdatum ist überraschend spät: Während die Seen rund um Arjeplog spätestens im Mai oder Anfang Juni aufgetaut sind, schmilzt das immer wieder verdichtete Eis der Teststrecken viel langsamer. Wenn Jonsson ausnahmsweise mal Zeit hat zum Fischen, schwimmt deshalb selbst im Hochsommer immer mal wieder ein Brocken Teststrecke vorbei.



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