Wintererprobung BMW X1 Feinschliff im Frost

Von überall reisen Romantiker ins finnische Rovaniemi, um dort den angeblich echten Weihnachtsmann zu treffen. Für Christian Billig hat das omnipräsente Merry X-Mas jedoch eine andere Bedeutung. Der BMW-Ingenieur stimmt hier das Modell X1 ab. SPIEGEL ONLINE war dabei.


Kleine Geländewagen liegen im Trend. Seit den großen Allradlern die Klimadebatte und die Kraftstoffpreise entgegenschlagen wie Springfluten einem maroden Deich, entwickeln vor allem die deutschen Nobelmarken mit Hochdruck neue, kleine Kraxler. Mercedes GLK und Audi Q5 waren nur der Anfang. Auch in der bislang vom VW Tiguan und ein paar asiatischen Herstellern dominierten Klasse darunter wird es künftig voller.

Den Anfang macht nach bisherigem Stand der Dinge wohl der BMW X1. Während Audi noch am Q3 arbeitet, der Mercedes BLK derzeit noch nicht mehr als ein glaubwürdiges Gerücht ist und über Volvo XC30 oder Land Rover LRX angesichts der Krise kaum noch gesprochen wird, haben die Bayern ihren Benjamin auf dem Autosalon in Paris bereits als Studie enthüllt.

Dass der knapp 4,50 Meter lange Allradler tatsächlich auf die Straße kommen wird, beweist BMW in diesen Tagen mit Testfahrten im finnischen Rovaniemi, wo SPIEGEL ONLINE den Entwicklern über die Schultern schauen konnte. Ab Herbst 2009, so die Planung, soll der X1 dafür sorgen, dass die Zulassungszahlen für die X-Modelle weiter steigen. Zehn Jahre nach dem Debüt des ersten X5 hat BMW bislang rund 1,3 Millionen Geländewagen verkauft. Und in München würde es niemanden stören, wenn die zweite Million schneller geknackt wäre.

Im hohen Norden also, wo angeblich der Weihnachtsmann seinen Wohnsitz hat, geben die BMW-Ingenieure dem elektronisch geregelten Allradantrieb den letzten Schliff. Die weitgehend von 1er, 3er und X3 übernommene Antriebstechnik ist nach einem kompletten Testjahr mit Einsätzen rund um den Globus validiert. "Die Hardware steht", sagt Entwickler Christian Billig. Doch bietet die Software noch reichlich Einflussmöglichkeiten, um den Charakter des wohl knapp 33.000 Euro teuren Wagens zu prägen.

Mit Karacho durch die Schneewehen

Während im Werk Leipzig bereits an der Fertigungsstraße gearbeitet wird, schlittert der Experte für die Regelsysteme noch immer über das abgeschirmte Prüfgelände und lotet aus, wie viel Spielraum die Elektronik dem Fahrer lassen soll. "Traktion und Stabilität stehen für uns an erster Stelle", beteuert Billig, während der X1 einen tief verschneiten Waldweg entlang fegt und durch kniehohe Schneewehen sticht. Doch wie in den meisten BMW-Modellen kann man auch im X1 die elektronischen Helfer auf Knopfdruck stufenweise zurückschrauben.

Dann kommt es auf das Gefühl der Tester an. "Bei solchen Abstimmungsfahrten wird entschieden, wie viel Schlupf und welche Driftwinkel wir zulassen, bevor wir den Wagen elektronisch wieder einfangen", erläutert der Ingenieur und flitzt durch eine Slalomgasse, die auch Skifahrern Spaß machen würde – allerdings in umgekehrter Richtung. Denn in diesem Fall geht es im Zickzack bergauf.

Als Sparversion gibt es ein Heckantriebs-Modell

In Fahrt gebracht wird das Auto von einem Benzinmotor, den man auch mit abgeklebtem Typenschild unschwer als Sechszylinder identifiziert. Die Maschine klingt nicht nur kernig und kraftvoll, sondern schiebt den leichtesten Allradler in der BMW-Flotte mit mehr als 250 PS schwungvoll voran. Die steilen Pisten des Testgeländes machen ihm ebenso wenig Mühe wie der Sprint auf dem Handlingparcours. Dabei wirkt das Auto leichtfüßig und handlich. Attribute, die auch im Stadtverkehr oder auf Alpenpässen hilfreich sind.

Zunächst dürfte der Sechszylindermotor die stärkste Motorvariante werden. Außerdem plant BMW mindestens einen kleinen Benziner und wohl zwei Vierzylinder-Diesel, so dass die Leistungspalette bei 150 PS beginnen dürfte. Einen Hybridantrieb wird es vorerst nicht geben. Nur eine abgespeckten Variante mit Heckantrieb. Zusammen mit den Maßnahmen aus dem Efficient-Dynamics-Baukasten und eventuell einer Start-Stopp-Automatik gilt ein Verbrauch von fünf Litern als erreichbar.

Wer den Sichtschutz lupft, erlebt eine Überraschung

Während an der Software noch gefeilt wird, ist das Design längst eingefroren. Auch an den Platzverhältnissen ändert sich nichts mehr: Obwohl eine Handbreit kürzer als der X3, geht es im X1 bei der ersten Sitzprobe recht bequem zu. Das Interieur wird zwar noch von schwarzem Stoff verhüllt; doch wer den lupft, blickt auf eine moderne Instrumententafel mit eleganten Schaltern, die den X3 richtig alt aussehen lässt.

Obwohl die wenigsten Kunden mit einem X1 offroad fahren werden, wurde es für solche Einsatze abgestimmt. Entwickler Billig: "Wir haben das Auto viel härter ran genommen, als es die meisten Käufer je tun werden." Hitzeerprobung im amerikanischen Death-Valley, Staub und Sand in der Wüste, Geländefahrten auf dem Parcours der Katastrophenschützer und nun schon der zweite Winter am Polarkreis – die bislang 15 Prototypen und ihre Fahrer haben schon viel gesehen und noch mehr mitgemacht. Dass dabei nicht alles glatt ging, zeigt ein Blick unter die Heckklappe: Dort liegt eine Schaufel, denn manchmal sind auch einem Allradler die Schneewehen zu hoch.

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