Winterfahrtraining Eistanz auf Rädern

Es wird rutschig: Kaum fällt der erste Schnee, werden manche Autofahrer panisch, reißen am Lenkrad – und landen im Graben. Wie es besser geht, kann man lernen. Immer mehr Pkw-Lenker lassen sich daher von Autoherstellern bereitwillig aufs Glatteis führen.


Klaus Heimerl hat die Ruhe weg. Auch wenn sich die junge Frau im BMW M3 nun schon zum dritten Mal um die eigene Achse gedreht hat, bleibt der Polizist ganz locker. Mit Nerven wie Drahtseilen und einer Stimme wie ein Märchenonkel erklärt er immer und immer wieder, wie sie mit dem Boliden sicher übers Eis kommt. Heimerl arbeitet heute in Zivil, die Schlitterpartie findet in Arjeplog statt, kurz vor dem Polarkreis. Und die nervöse Fahrerin rutscht auch nicht über die Straße, sondern über einen meterdick gefrorenen See. Dort arbeitet der bayerische Polizist für ein paar Wochen im Jahr als Instruktor beim BMW-Wintertraining und führt die Schüler aufs Glatteis, um ihnen die Angst vor Eis und Schnee zu nehmen.

"Viele Autofahrer geraten beim Anblick der ersten Schneeflocken in Panik", sagt Heimerl. "Und sobald es tatsächlich glatt wird, machen sie dicht, verspannen und reagieren vollkommen falsch." Doch Fahren auf Eis und Schnee sei kein Hexenwerk, das könne man problemlos lernen. Heimerl schickt gerade wieder eine Gruppe auf den Slalom-Parcours, wo sie die Autos allein mit sanftem Gas-Geben durch die Hütchengasse zirkeln.

"Wer das richtige Gefühl fürs Auto entwickelt und ein paar einfache Grundregeln beherrscht, der kommt auch unter widrigen Umständen nicht ins Schleudern", sagt der Experte. Doch so selbstverständlich die Autofahrer ihre Wagen mit Winterreifen, Frostschutz und Eiskratzer für die kalte Jahreszeit rüsten, so sehr vernachlässigen sie oft die eigene Vorbereitung. Und so müssen Instruktoren wie Heimerl auch alten Hasen immer wieder erklären, dass bei Glätte Sanftmut gefragt ist. "Keine hektischen Bewegungen an Gas, Bremse und Lenkrad, dann bleibt man mühelos auf der Ideallinie." Der andere Tipp lautet: "Üben, üben, üben. Das nimmt die Angst, schult die Reflexe und man lernt, wie sich das Auto in der jeweiligen Situation verhält."

Natürlich könnte man Übungs-Pirouetten auch nach Ladenschluss auf dem leeren Parkplatz eines Supermarktes drehen. Doch sicherer und besser sind professionelle Trainings. Die Autohersteller bieten zunehmen spezielle Wintertrainings an. Für Preise, die bei ein paar hundert Euro beginnen und bis weit in die Tausender reichen, üben bei diesen Veranstaltungen die Teilnehmer dann an einem Tag oder gleich während einer ganzen Woche unter kundiger Leitung das Chauffieren im Winter. Solche Eistanz-Kurse auf Rädern werden sowohl in den Alpen als auch am Polarkreis angeboten.

Erst Autofahren im Schnee, dann buntes Programm

BMW zum Beispiel hat in dieser Saison das Tagestraining im Modell 123d in Lungau, zwei Tage mit dem 330i in Sölden, vier oder fünf Tage auf dem M3 in Arjeplog und sechs Tage in Anttila auf dem Lehrplan. Audi hat mit der Ice experience im vergangenen Jahr bei 220 Winter-Events fast 5000 Teilnehmer bei der kontrollierten Rutschpartie begrüßt und in diesem Jahr ein ähnliches Pensum geplant. Porsche führt im Katalog der Sport Driving School ein halbes Dutzend Kurse vom Präzisionstraining für Ersttäter in den Alpen bis hin zum Master Training Ice Force im finnischen Ivalo. Und bei Mercedes stehen Kurse für Amateure und Berufsfahrer in Saalfelden und im schwedischen Sorsele auf dem Programm.

AMG wiederum hat in Arjeplog am Polarkreis ein eigenes Driving Camp eingerichtet, zum dem sogar Gäste aus Asien und aus der arabischen Wüste eingeflogen werden. VW schickt zwei Gruppen mit Passat CC und Scirocco nach Norwegen, und Lamborghini lässt den Stier auf der Haube des Gallardo in Livigno oder Cortina d'Ampezzo durch den Schnee stöbern.

"Kommt Dir der Baum zu nah', bist Du zu schnell"

Natürlich dienen diese Touren nicht nur dem Training der Fahrsichereit. "Der Spaß soll dabei auch nicht zu kurz kommen", sagt BMW-Manager Frank Isenberg, der das Fahrertraining der Bayern leitet und den Wintertouren durchaus Erlebnischarakter attestiert. "Das ist auch eine Form der Kundenbindung, bei der wir unsere Marke ins rechte Licht rücken können." Trockene Theorie im Schulungsraum und danach Übungen wie früher beim Zirkeltraining passen kaum zu diesem Anspruch. Deshalb lockern die Instruktoren das Programm nicht nur mit sportlichen Übungen auf, sondern zu jedem Training gehört auch ein buntes Rahmenprogramm.

Da stehen dann Abendessen in Jurte oder Iglu und Fahrten mit dem Skibob oder dem Hundeschlitten auf dem Plan. Und einen Promifaktor haben die Touren bisweilen auch. Denn hin und wieder sitzt bei Porsche zum Beispiel Walter Röhrl hinterm Lenkrad, und bei BMW steckt unter der dicken Fellmütze bei manchen Terminen Rallye-Legende Rauno Aaltonen. Der fliegende Finne hat im hohen Norden nicht nur Heimvorteil, sondern als Mitentwickler des BMW-Trainingsprogramms auch die meiste Erfahrung. Und er hat mit Abstand die besten Sprüche parat. Wo Instruktor Heimerl nur mit dem Kopf schüttelt, sorgt der Rallye-Rentner mit ebenso einfachen wie einleuchtenden Weisheiten für Lacher: "Kommt Dir der Baum zu nah', bist du zu schnell."



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