Wohnwagen-Urlaub Weg vom Gartenzwerg-Image

Ob rollende Holländer auf der Autobahn oder standfeste Dauercamper in Timmendorf - Urlaub mit dem Wohnwagen gilt nicht gerade als hip. Doch das Image vom spießigen Haus am Haken bröckelt: Die Hersteller setzen auf moderne, preiswerte Wohnwagen für junge Familien.


Wer zur Sommerzeit einen deutschen Campingplatz ansteuert, fühlt sich mitunter wie in einer Neubausiedlung: Mächtige Wohnwagen stehen in Reih und Glied, davor liegen gut gepflegte Vorgärten mit Zäunen, Stiefmütterchenbeeten und freundlich winkenden Gartenzwergen. Man kennt sich seit 20 Jahren, und nach der Sportschau wird gegrillt. Die Wohnwagen selbst sind lang wie ein normales Reihenhaus breit, äußerst komfortabel ausgestattet, Schrankwand und weiße Spitzenvorhänge inklusive, und tragen meist Namen wie Prestige, Excelsior oder Exclusiv. Doch in die Flotte der Luxusanhänger mischen sich jetzt immer mehr kleine, kompakte und schick anzusehende Wohnwagen, die mit der bräsigen Gemütlichkeit ihrer großen Brüder nicht mehr viel gemein haben.

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Wohnwagen: Familienferienhäuschen auf Rädern

"Paul & Paula" ist so ein Vertreter der neuen Generation von Camping-Anhängern: Ein modern designter Wohnwagen, der gezielt für junge Familien und Paare entwickelt wurde, die bislang nicht mit einem Haus am Haken in den Urlaub gefahren sind. Der Einstiegspreis liegt bei nur 5555 Euro, was im Vergleich zu herkömmlichen Caravans, die locker mehr als 30.000 Euro kosten können, geradezu ein Schnäppchen ist. "Wir wollten etwas Cooles für kleines Geld bieten", sagt "Paul & Paula"-Entwickler Arnd Sünner vom sächsischen Hersteller GFB GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in Großenhain bei Dresden wurde eigens für das neuartige Anhänger-Konzept gegründet, vom Anhängerhersteller Stema sowie der Funke & Will AG, die bereits mit dem leichten Sportwagen YES (Young Engineers Sportscar) auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Seit Januar nun wird das neue Anhänger-Konzept produziert - mehr als 120 Bestellungen liegen bereits vor, 500 Stück sollen diesen Jahr verkauft werden. Die Namen Paul und Paula stehen dabei für unterschiedliche Design-Varianten des innen 3,27 Meter langen Campers, der einer vierköpfigen Familie Platz bietet. Hell und freundlich präsentiert sich vor allem das Interieur. "Wichtig war uns, mit modernen Werkstoffen und Farben ein jugendlich-frisches Ambiente zu schaffen", sagt GFB-Sprecher Arnd Sünner. "Eiche-Funier rustikal hat bei uns keine Chance." Allerdings zeigt sich, dass nicht allein die anvisierte Zielgruppe angesprochen wird vom Konzept des kostengünstigen, feschen Wohnwagens. "Auch ältere Paare interessieren sich stark für Paul & Paula. Offenbar gibt es quer durch die Generationen einen Trend hin zum spontanen, individuellen und preiswerten Reisen", so Sünner. "All-Inclusive-Urlaub ist bei unseren Kunden absolut out."

Ein noch junger Trend, den Christille Beaulieu vom Caravaning-Industrie Verband Deutschland (CIVD) bestätigt. "Caravaning ist in", sagt die Wohnwagen-Expertin. "Viele Menschen entdecken das Reisen mit dem Wohnanhänger für sich." Dabei werden vermehrt preiswerte, kleine Modelle gekauft statt der großen, mobilen Luxusvillen. Wer bislang mit dem Zelt unterwegs war, will jetzt offenbar mit einem festen Dach über dem Kopf reisen - ohne auf die Vorteile des Campens zu verzichten: die Möglichkeit, jeden Tag woanders zu sein und sich spontan für einen Urlaubsort entscheiden zu können. "Das sind oft junge Familien, die früher mit ihren Eltern gecampt haben, heute selber Eltern sind und sich auf die Urlaubsform ihrer Jugend besinnen", beschreibt Christille Beaulieu das Reiseverhalten der neuen Camper-Generation.

Deshalb reagieren auch die großen Hersteller auf die neuen Camper-Wünsche. Hymer zum Beispiel hat 2005 rund 1220 Wohnwagen mehr verkauft als im Vorjahr, darunter auch viele Modelle für "jüngere Vielfahrer", wie Sprecherin Monika Metzler sagt. Vor allem die Variante "Feeling", die ab 12.500 Euro kostet, sei stark gefragt: "Wir merken, dass vermehrt peppiges, junges Design gefragt ist und sich die Branche weg vom Gartenzwerg-Image bewegt", so Metzler. Eine Richtung, die zum Beispiel auch Hersteller Eifelland von der Knaus Tabbert Group einschlägt. Das Modell Deseo ist mit einem Einstiegspreis von 5999 Euro ein ebenfalls preiswertes Familienferienhäuschen auf Rädern. Neu ist hier vor allem das praktische Innendesign, bei dem alle Stauräume aus Stoff sind und die Schränke mit Reisverschlüssen geöffnet werden.

Ob mit diesen neuen Caravan-Varianten allerdings die Kleingarten-Idylle von den deutschen Campingplätzen verschwindet, muss bezweifelt werden. Noch immer fallen auf den bundesweit 3624 Campingplätzen von den jährlich rund 134 Millionen Übernachtungen rund 40 Millionen auf Touristikcamper und stolze 73 Millionen auf Dauercamper. Den 285.687 Standplätzen für mobile Touristen stehen 375.707 Plätze für Dauercamper gegenüber. Und hier stehen vorwiegend traditionelle, große Anhänger - winkender Gartenzwerg inklusive.



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