Pilotprojekt Das Problem mit Scheuers U-Bahn-Post

Verkehrsminister Scheuer will den Lieferverkehr in Großstädten reduzieren und Warensendungen künftig mit Nahverkehrszügen verteilen. Verkehrsverbände melden Bedenken an.
Um den Verkehr der Innenstädte zu entlasten, könnten bald U-Bahnen die Aufgabe von Paketlieferwagen übernehmen

Um den Verkehr der Innenstädte zu entlasten, könnten bald U-Bahnen die Aufgabe von Paketlieferwagen übernehmen

Foto: Christoph Soeder/ DPA

Weil immer mehr Menschen online Waren bestellen, verstopfen die Paketlieferwagen zunehmend die Innenstädte. Ein Problem, gegen das Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nun mit kreativen Ideen vorgehen möchte. Er schlägt vor, Pakete und Päckchen künftig mit U- und S-Bahnen oder der Tram zu transportieren. "Ich wäre dazu bereit, ein Pilotprojekt mit einer Stadt zu machen, wo wir eine U-Bahn umbauen und eine spezielle Paket-U-Bahn daraus machen", sagte der CSU-Politiker gegenüber der "Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft".

Laut Scheuer könne so eine Paketbahn beispielsweise nachts von zwei Uhr an, also nach Betriebsschluss, fahren und Pakete sowie Päckchen zu Zwischenlagern - sogenannten Mikro-Hubs - an Haltestellen in einzelnen Stadtteilen transportieren. "Wir installieren Mikro-Hubs, von dort aus können die Lieferanten die Waren mit einem Elektro-Lastenfahrrad weitertransportieren", sagte Scheuer. "Es geht darum, dass wir oberirdisch Verkehr reduzieren."

Mit dem Onlinehandel boomt auch die Paketbranche. Im vergangenen Jahr bestellten Verbraucher in Deutschland Waren und Dienstleistungen im Wert von 94 Milliarden Euro und damit rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr, wie aus Zahlen des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel hervorgeht. Die Paketdienste erwirtschafteten in Deutschland der Bundesnetzagentur zufolge 2019 rund 18,78 Milliarden Euro. Tendenz steigend: 2018 lagen die Erlöse noch bei 17,66 Milliarden Euro. Wenn künftig Pakete auch per U-Bahn - oder per Straßenbahn - durch Großstädte transportiert würden, könnte das den automobilen Lieferverkehr um bis zu 20 Prozent reduzieren. 

Verkehrsverbände offen für Scheuers Vorschlag

So genial die Idee auf den ersten Blick scheint, so viele Probleme bringt sie mit sich. "Nachts beziehungsweise nach Betriebsschluss werden in den U-Bahn-Systemen notwendige Reparaturen und Instandhaltungen durchgeführt, die man während der normalen Betriebszeit nicht umsetzen kann", sagt Oliver Wolff, Chef des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).

Bei der Hamburger Hochbahn hat man ähnliche Bedenken. "Während des Betriebsschlusses bleibt uns ein maximales Zeitfenster von vier Stunden", sagt Christoph Kreienbaum von der Hamburger Hochbahn. In dieser Zeit seien viele Arbeitszüge auf den Schienen unterwegs. "Aber wir wollen und können nicht ausschließen, dass es Lösungen geben wird, die wir heute noch nicht kennen", so Kreienbaum. Die Hochbahn sei dafür, in diese Richtung weiterzudenken.

Sollte das Konzept funktionieren, würden davon aber längst nicht alle profitieren. "Damit löst man das Problem nur in den Großstädten, die ein gut ausgebautes U-Bahn-Netz haben", sagt VDV-Sprecher Lars Wagner. Zudem sei es umständlich, die Pakete erst nach unten in den U-Bahn-Schacht zu transportieren und am anderen Ende wieder nach oben zu befördern. Dennoch sei auch der VDV offen für Scheuers Pilotversuch. Um den Ausstoß klimaschädlicher Emissionen zu verringern, sei die Verlagerung von Gütern auf die umweltfreundlichen Verkehrsmittel zwingend notwendig. "Um dies zu erreichen, sollte man auch auf den ersten Blick ungewöhnliche Ideen durchaus diskutieren und abwägen", sagt VDV-Chef Wolff. Der Verband schlägt vor, sich dabei auf Straßenbahnen zu konzentrieren. Diese würden oberirdisch fahren, wodurch sich die Pakete auch besser verladen ließen.

In Dresden fährt bereits eine "Paket-Tram"

Auch der Logistikriese Deutsche Post DHL sieht Scheuers Vorstoß positiv. "Grundsätzlich begrüßen wir staatliche Initiativen, die Maßnahmen für noch nachhaltigere Logistik unterstützen", erklärte ein DHL-Sprecher. Der Konzern will bis 2050 seine logistikbezogenen Emissionen auf null senken und setzt vor allem auf den Ausbau einer E-Transporter-Flotte. Ob und wie sich ein nächtlicher U-Bahn-Einsatz in die Prozesse der Paketdienstleister integrieren lasse, wäre im Detail zu prüfen.

Die Idee, Pakete per U-Bahn oder Straßenbahn zu verschicken, ist nicht neu. So gab es in Berlin bereits entsprechende Überlegungen. Dort hatten etwa in den Dreißigerjahren Güterstraßenbahnen Pakete ausgeliefert. In der US-Großstadt Chicago wurden eigens Tunnel für den Warentransport per Metro gebaut. Aufgrund des Aufschwungs bei Lastwagen wurde die unterirdische Belieferung aber 1959 eingestellt.

Doch es gibt auch Beispiele aus neuerer Zeit. In Dresden fährt die sogenannte Cargo-Tram, eine Straßenbahn, die Bauteile für den Autohersteller Volkswagen liefert. Auf einer 5,5 Kilometer langen Strecke transportiert die Tram Pkw-Teile vom Logistikzentrum am Bahnhof Dresden-Friedrichstadt zur "Gläsernen Manufaktur", in der VW den E-Golf baut. 

Das unterirdische Schweizer Transportsystem Cargo Sous Terrain soll den Güterverkehr auf den Straßen reduzieren. Die erste Teilstrecke soll ab 2031 den Raum Härkingen-Niederbipp mit Zürich verbinden.

Das unterirdische Schweizer Transportsystem Cargo Sous Terrain soll den Güterverkehr auf den Straßen reduzieren. Die erste Teilstrecke soll ab 2031 den Raum Härkingen-Niederbipp mit Zürich verbinden.

Foto: nitindesign

In der Schweiz arbeitet man gerade an der Entwicklung eines unterirdischen Güterverkehrssystems. In einem dreispurigen Tunnel zwischen wichtigen Logistikzentren im Schweizer Mittelland sollen Güter rund um die Uhr mit rund 30 Kilometern pro Stunde transportiert werden. An Zugangsstellen sollen die Pakete vollautomatisch mit Liften ins System befördert oder entnommen werden. 

Bis es in Deutschland so weit ist, müssen noch viele Hürden genommen werden. Neben den logistischen Unwägbarkeiten müssten auch die Gesetze angepasst werden. So seien Straßenbahnen und Nahverkehrszüge derzeit nur für den Personentransport vorgesehen, heißt es beim VDV. In einem weiteren Schritt müsse die Finanzierungsfrage geklärt werden. Denn wenn nachts die Züge und Trams rollen sollen, benötige man zusätzliches Personal sowie spezielle Fahrzeuge, die für Paketlieferungen geeignet seien.

cfr/dpa
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