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Bunte neue Autowelt

Foto: Chris Noltekuhlmann

Auto-Visionen von der CES Bits statt Benzingeruch

Die Consumer Electronics Show in Las Vegas ist der neue Nabel der Autowelt. Das erste Sony-Auto, ein neues VW-Flaggschiff, ein Solarmobil für alle: die aufregendsten und buntesten Neuheiten im Überblick.

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What happens in Vegas, stays in Vegas? Von wegen! Für das private Unterhaltungsprogramm der über 30 Millionen Besucher im Jahr mag das vielleicht auch heute noch gelten. Doch wer nicht zum Spielen oder für die Shows nach Sin City kommt, sondern stattdessen auf der CES ausstellt, der hat eine Botschaft und schickt sie von hier aus in die Welt. Für die Autoindustrie ist der Auftritt auf der Techmesse Consumer Electronics Show zentral.

Während der Pariser Salon im letzten Herbst zum Trauerspiel verkommen ist , die Detroit Motor Show nur noch als Regionalmesse durchgeht und der Genfer Autosalon auch für dieses Frühjahr wieder abgesagt wurde, füllt die PS-Branche die eigens für sie errichtete West Hall mit gigantischen Ausstellungsflächen. Dort muss sie sich nicht mehr zwischen Handyhüllen, Lautsprecherkabeln oder Spülmaschinen verstecken. Caterpillar hat sogar einen gewaltigen Muldenkipper aufgefahren. John Deere stellt einen Hightech-Trecker aus, der mit seinem Ausleger ein ganzes Fußballfeld auf einmal düngen kann. Aber auch die kleineren Exponate ergeben in ihrer Vielzahl ein reiches Programm.

Früher, so gibt Industriepräsident und CES-Gastgeber Gary Shapiro gern zu, habe man die Autohersteller als verstaubte Hardware-Produzenten abgetan. »Doch mittlerweile ist die Branche von einem gewaltigen Wandel erfasst und zum Treiber des Fortschritts geworden«, billigt der Hausherr den vermeintlichen Blechbiegern zu. Als Stammgäste seiner Show gewinnen sie zunehmend an Bedeutung. Nicht umsonst gibt es mittlerweile Überläufer wie Sony, die öffentlich um die Aufnahme in den Kreis der Autohersteller buhlen, und Tech-Giganten wie Apple oder Google, denen man solche Pläne zumindest nachsagt.

Allerdings sind die Themen auf der CES ganz andere: Vollgas interessiert in Vegas keinen, und mit Leistung lässt sich auf der Messe auch niemand locken. Software und nicht mehr Hardware bestimmt das Geschäft, sagt Shapiro, der Autos eher als »Devices« sieht und als Plattform für Applikationen und Datendienste – und die PS-Bosse geben ihm recht. BMW-Chef Oliver Zipse jedenfalls spricht in seiner einstündigen Keynote vor 3000 Zuschauern in einem der großen Hoteltheater kein einziges Mal über den Motor jener Designstudie, die seine Mannschaft für die Messe auf die Räder gestellt hat .

Geht es bei den klassischen Automessen, wenn sie denn überhaupt noch stattfinden, noch immer um Prunk, Protz und PS und um die Mobilitätswende, haben sie das in Las Vegas längst hinter sich gelassen. Leistungsstarke Supersportwagen sieht man allenfalls als Blickfang in den Hifi-Hallen. Der Elektroantrieb ist bei den meisten mittlerweile so selbstverständlich, dass man kaum mehr ein Wort darüber verliert.

Digitalisierung ist das Gebot der Stunde, und glaubt man Zipse, geht es dabei um mehr als die Größe der Bildschirme oder die Rechenleistung. Genauso wenig wie mit vielen Zylindern kann die Industrie die CES-Gäste noch mit üppigen Zoll-Angaben beeindrucken. Aufmerksamkeit erzielt man mit Vernetzung und der Verschmelzung von realer und virtueller Welt. Deshalb holen die Hersteller immer mehr »Content« vom Holoride-Spiel mit VR-Brille über Hollywood-Streaming bis hin zu Onlinegames ins Auto und eifern wie BMW mit dem Mixed Reality Slider in der Studie i Vision Dee dem Metaverse des Facebook-Chefs Mark Zuckerberg nach.

Daneben gibt es vor allem von den Zulieferern viele kleinteilige Innovationen, die das Fahren effizienter oder intelligenter machen sollen. Das reicht vom beheizten Sicherheitsgurt bei ZF, der für wenig Watt viel Wärme im Elektroauto schaffen und so für mehr Reichweite sorgen soll, bis hin zu schärferen Sensoren und schlauerer Software fürs autonome Fahren.

Das ist allerdings bei den Pkw-Herstellern aktuell kaum noch ein Thema und verlagert sich zunehmend in den gewerblichen Bereich: So stehen auf der CES so viele fahrerlose People Mover, dass man kaum glauben mag, vor der Halle doch noch in ein bemanntes Taxi steigen zu müssen. Es gibt von der Hightech-Schubkarre für die letzte Meile bis hin zum Truck jede Kategorie an Robo-Lastern. Keiner davon erntet so viel Aufmerksamkeit wie der Caterpillar 777. Denn erstens ist er mit mannshohen Reifen und einer Pritsche groß genug für eine Aussichtsterrasse und das gewaltigste Fahrzeug auf der ganzen Show – und zweitens kommen er und seine knapp 300 Kollegen bereits auf fast 100 Millionen Kilometer ohne Fahrer. Und jeden Tag kommen zwei komplette Erdumrundungen dazu. Was für Mercedes & Co. noch Zukunftsmusik ist, ist für die Amerikaner deshalb längst Alltag.

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Aber eine Messe in Las Vegas lässt sich nicht nur mit ernsten Themen bespielen. Ein bisschen Show und Spaß muss schon sein. Mercedes zum Beispiel ist auf den Hund gekommen und lässt den guten alten Wackeldackel im digitalen Orbit auferstehen. BMW-Chef Zipse stellt eben nicht nur ein neues Auto vor, sondern sorgt zusammen mit Gaststars wie Arnold Schwarzenegger, David Hasselhoff, Herbie und Kitt auch noch für das Happy End einer Lovestory auf der Showbühne. Und statt ihre Autos normal zu lackieren, haben VW und BMW spezielle Oberflächen entwickelt, die elektronisch gesteuert ihre Farbe wechseln können und nun mit den Leuchtreklamen auf dem Strip um die Wette funkeln.

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Bunte neue Autowelt

Foto: Chris Noltekuhlmann

Psychedelische Landschaften fernab der Realität im Head-up-Display, digitale Dackel auf dem Bildschirm in der Mittelkonsole, Lenkräder wie Spielekonsolen, grinsende Grills und Karosserien mit Chamäleon-Effekt – natürlich ist vieles überzeichnet und nicht alles ernst gemeint, was hier gezeigt wird, räumt BMW-Entwicklungschef Frank Weber ein. Er spricht dabei sicher auch für seine Kollegen bei der Konkurrenz: »Ein bisschen Show gehört eben zu jedem Messeauftritt.« Erst recht hier in der Wüste: Viva Las Vegas!

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