Verkehrswende Barcelona schränkt den Autoverkehr in der Innenstadt weiter ein

Barcelona hat gute Erfahrungen gemacht mit sogenannten Superinseln – verkehrsarmen Quartieren mit Vorrang für Radfahrer und Fußgänger. Nun soll das Prinzip auf große Teile der Innenstadt ausgedehnt werden.
Verkehrsberuhigte Straße in Barcelona: Mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger, keine Durchfahrt für Autos

Verkehrsberuhigte Straße in Barcelona: Mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger, keine Durchfahrt für Autos

Foto: Gunnar Knechtel / DER SPIEGEL

Die Idee ist so einfach wie genial: In der rasterförmig angelegten Neustadt Barcelonas werden zwei mal zwei oder drei mal drei Häuserblöcke zu sogenannten Superilles, also Superinseln, zusammengefasst. Der Autoverkehr muss außen rum, rein dürfen nur Anwohner und Lieferwagen zu bestimmten Zeiten – und auch dann darf nur bis zu zehn km/h schnell gefahren werden.

Radfahrer und Fußgänger haben Vorrang, die ehemaligen Kreuzungen werden zu Plätzen. 2017 war die erste Superinsel fertig, allerdings im vergleichsweise verkehrsarmen Viertel Poblenou, seit vergangenem Oktober ist auch der Bereich um den Markt Sant Antoni eine verkehrsberuhigte Insel. Nun will Barcelona das Modell auf einen deutlich größeren Bereich ausdehnen und damit große Teile der Innenstadt abdecken.

21 Straßen in der als Eixample bezeichneten Neustadt, einer Stadterweiterung aus dem 19. Jahrhundert, sollen nun zu einer Super-Superinsel werden, erklärte die Stadtverwaltung Barcelonas. Dabei soll nach Angaben der Stadt jede dritte Straße grüner werden und jeder Anwohner höchstens 200 Meter von einem der 21 neu geschaffenen Plätze oder einer begrünten Straße entfernt wohnen. Außerdem sollen Fußgänger deutlich mehr Platz bekommen – 33,4 Hektar, um genau zu sein. Zusätzlich sollen durch Bepflanzung 6,6 Hektar Grün entstehen. Die Arbeiten werden nach Angaben der Stadt im Jahr 2022 beginnen, die Kosten liegen bei 36 Millionen Euro.

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Verkehrswende in Barcelona: Superblocks

Foto: Gunnar Knechtel / DER SPIEGEL

Durch den Wachstumsschub der einzelnen Superinseln zur Megainsel könnte Barcelona gleich zwei Probleme lösen. Einmal das der schlechten Luftqualität, denn auch in Barcelona werden Schadstoffgrenzwerte für Stickoxide und Feinstaub regelmäßig überschritten. Gleichzeitig stehen einer Recherche des SPIEGEL zufolge jedem Bewohner der Stadt im Schnitt nur 6,6 Quadratmeter Grünfläche zur Verfügung, in der Innenstadt sind es sogar nur 1,85. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt dagegen mindestens neun Quadratmeter pro Kopf.

Die Umbaumaßnahmen bieten den Anwohnern also mehr Lebensqualität, dennoch sind Einschränkungen des Autoverkehrs umstritten. So räumte Xavi Matilla, Chefarchitekt der Stadtverwaltung Barcelona, im Oktober dem SPIEGEL gegenüber ein, es habe anfänglich viele Zweifel an den Superinseln gegeben, besonders von Ladenbesitzern und Anwohnern.

Diese hätten sich jedoch zerstreut, inzwischen wollten viele am liebsten in einer der Superilles leben, erklärte Matilla damals. Eine Datenanalyse des SPIEGEL zeigte zudem, dass der Verkehr in den Inseln deutlich zurückgegangen ist. Zwar verlagerte sich ein Teil des Verkehrs auf Parallelstraßen, der Verkehr brach durch die Superinseln jedoch nicht zusammen und die Auswirkungen blieben insgesamt gering.

Gleichzeitig soll der Autoverkehr nicht über Nacht ausgeschlossen werden. Zuerst sollen die quer durch das Gebiet verlaufende Carrer del Consell de Cent sowie drei kreuzende Straßen umgebaut werden. Zusätzlich sollen vier Kreuzungen zu Plätzen umgebaut werden. Wie genau die jeweiligen Straßen und Plätze künftig aussehen, soll in einem Ideenwettbewerb ermittelt werden.

Dabei gibt es dem Nachrichtenportal Bloomberg  zufolge Vorgaben: Mindestens 80 Prozent der Straße sollen im Sommer im Schatten von Bäumen liegen, und mindestens 20 Prozent der Oberfläche sollen wasserdurchlässig sein, um Regenwasser besser aufsaugen zu können. Anschließend sollen sich die Superinseln nach und nach über den gesamten Stadtteil ausbreiten, bis 2030 dann alle 21 Straßen umgebaut sind.

ene
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