Temporäre Spielstraßen Berliner Sperrstunde

Autos müssen draußen bleiben: In Berlin entstehen während der Coronakrise Spielstraßen auf Zeit, um Kindern mehr Raum zu geben. Daran entzündet sich Kritik, doch die Idee findet zunehmend Nachahmer.
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Leben auf der Straße

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In der Bänschstraße in Berlin-Friedrichshain gilt sonntags jetzt Schrittgeschwindigkeit. Oder besser gesagt: Krabbelgeschwindigkeit. Ein Baby im Strampelanzug robbt über den Asphalt, der mit bunter Kreide bemalt ist. Kinder spielen Federball oder fahren Roller. Nur eine Sorte von Verkehrsteilnehmern sieht man nicht: Autofahrer.

Die Szene erinnert an ein Straßenfest. Temporäre Spielstraße darf sich die Bänschstraße neuerdings nennen: Jeden Sonntagnachmittag wird dort zwischen 13 und 19 Uhr der Auto- und Radverkehr ausgeschlossen. Dann haben Kinder freie Bahn.

Gestartet hat das Verkehrsprojekt der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Es will Kindern Freiraum zum Spielen ermöglichen - denn der ist wegen der Corona-Pandemie seit Wochen eingeschränkt. Spielplätze waren lange gesperrt, Sportplätze und Schulhöfe sind teils noch immer tabu.

"Wir stellen öffentliche Straßen zur Verfügung, damit Kinder mehr Platz zum Bewegen mit Rollern, Fahrrädern oder auch zum Spielen mit Straßenmalkreide haben", erklärte die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Und rief Bürger und Nachbarschaftsinitiativen auf, bei der Einrichtung und Betreuung der Spielstraßen mitzuhelfen .

Mehr als 400 Helfer halten Autofahrer fern

Friedrichshain-Kreuzberg gehört zu den am dichtesten besiedelten Stadtvierteln in Europa. Angesichts von nur 6,4 Quadratmeter Grünfläche pro Einwohner sind Spielplätze und Parks hier schon in normalen Zeiten überfüllt.

Zwei Wochen nach dem Aufruf der Bürgermeisterin ist das Ergebnis bemerkenswert. Der Bezirk hat 18 temporäre Spielstraßen aus dem Stand eingerichtet. Mehr als 400 "Kiezlotsen" registrierten sich, um das Projekt ehrenamtlich zu betreuen. Ihre Hauptaufgabe: Verwirrte Autofahrer zu unterrichten, die plötzlich vor Straßensperren stehen.

Ausgenommen von den Sperrungen sind laut Bezirksamt nur Rettungsdienste sowie "sehr dringende Anlieferfahrten". Zudem sollen Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen Zugang zum Pkw erhalten.

Zur Spielstraße in der Bänschstraße ist auch Michael Siebers mit seinen beiden Kindern gekommen, die beiden fahren Inlineskates. Freunde aus Schule und Kita sind auch da. "Eigentlich wollten wir nur kurz vorbeischauen", sagt Vater Siebers und blickt auf die Uhr. Zeit fürs Abendbrot. "Aber jetzt krieg ich sie hier gar nicht mehr weg."

Von der Eröffnung der Spielstraße erfuhr die Familie über einen Aushang im Mietshaus. Wegen der Corona-Pandemie waren die umliegenden Spielplätze wochenlang gesperrt. Auch in den wenigen Parks durfte man sich nicht lange aufhalten.

Straßenverkehrsordnung sieht Spielstraßen schon lange vor

Die Siebers behalfen sich mit einer Tischtennisplatte im Keller. Oder mit Spaziergängen zum ehemaligen Schlachthofgelände, aber die grüne Wiese dort ist eher eine Hunde- als eine Kinderspielwiese. "Wir waren schon ziemlich eingeschränkt in unseren Bewegungsmöglichkeiten", berichtet Michael Siebers. Das Angebot der temporären Spielstraße sei da eine klasse Idee - auch zur Stärkung der Kiezstrukturen.

"'Nachbarschaftsstraßen' wäre eigentlich der bessere Begriff", sagt die dreifache Mutter Cornelia Dittrich. Die zeitweise Sperrung von Straßen in Wohngebieten komme dem ganzen Quartier zugute. Dittrich wohnt im Nachbarstadtteil Prenzlauer Berg und kämpft mit dem Berliner Bündnis Temporäre Spielstraßen für die "kreative Nutzung des öffentlichen Raums", wie Dittrich es nennt.

Neu ist die Idee nicht: In England ist das Konzept weitverbreitet, allein in London gibt es laut Dittrich 100 temporäre Spielstraßen. Auch in Deutschland habe es zeitweise derartige Projekte gegeben, in Bremen, Frankfurt am Main oder Karlsruhe.

Die Straßenverkehrsordnung ermöglicht Spielstraßen seit vielen Jahrzehnten. Genutzt wird das Instrument selten - weil Fahrzeuge aller Art verbannt werden. Behörden täten sich mit dem Konzept hierzulande schwer, klagt Dittrich. Manches Vorhaben sei wieder eingeschlafen.

Andere Bezirke ziehen nach

Weiter verbreitet sind sogenannte verkehrsberuhigte Bereiche, ausgewiesen durch ein blaues, nahezu rechteckiges Schild. In derart gekennzeichneten Arealen dürfen Autos mit Schrittgeschwindigkeit fahren.

Corona brachte ein Umdenken, und in Berlin entstand eine Spielstraße nach der anderen. Vorbild in Friedrichshain-Kreuzberg ist die Böckhstraße, wo 2019 die erste Spielstraße eröffnet wurde. Dort fahren immer mittwochs für ein paar Stunden keine Autos - und die Straße wandelt sich zum Kieztreffpunkt. Kinder spielen, die Erwachsenen quatschen sitzend auf der Fahrbahn.

Bis zu 30 solcher Zonen können es laut Bezirksamt Kreuzberg-Friedrichshain noch werden. Die Verordnung gilt zunächst bis Ende Juni. Weitere Berliner Stadtteile wollen sich anschließen. So kündigte das Bezirksamt Neukölln am Mittwoch an, ebenfalls mehrere Straßenabschnitte zu temporären Spielstraßen zu erklären. Ähnliche Pläne soll es in Pankow geben.

Wegen des regen Andrangs mehren sich schon die Stimmen, die das Freizeitangebot über die Corona-Krisenzeit hinaus fest etablieren möchten. "Es macht Freude, wenn eine Krise wie diese so viel Innovationsbereitschaft auslöst", sagt Ragnhild Sorensen vom Verein Changing Cities. Die Verwaltung und Politik hätten die Bürger unbürokratisch gefragt: Wollt ihr Spielstraßen? "Weil die Antwort ein lautes 'Ja!' war, wurde das schnell und unkompliziert umgesetzt", erklärt Sorensen.

Changing Cities erhofft sich von den Spielstraßen Aufwind für eine Mobilitätswende. "Der öffentliche, städtische Raum ist schlichtweg zu wertvoll, um ihn dem Kfz-Verkehr wie heute zu etwa 60 Prozent zu überlassen - und das noch dazu nahezu kostenlos", betont Sorensen. Die fortschreitende Urbanisierung und Verdichtung der Großstädte erforderten neue Konzepte für die Nutzung des öffentlichen Raums.

Auch die Berliner Senatsverwaltung für Verkehr und Umwelt signalisiert Unterstützung. Schon vor der Coronakrise habe man etliche Projekte zugunsten autofreier oder verkehrsberuhigter Straßen gefördert: "Die Senatsverwaltung begrüßt dauerhaft eingerichtete temporäre Spielstraßen", erklärt eine Sprecherin. Anordnen müssten dies aber die Bezirke, die für das Nebenstraßennetz verantwortlich seien.

Spielstraßenkritiker melden sich zu Wort

Allerdings gibt es auch Kritiker. So beschwerten sich Anwohner der Bänschstraße darüber, ihr Auto am Sonntag nicht mehr wie gewohnt nutzen zu können. Manche forderten auf einem Transparent, lieber die Innenhöfe von Neubauten für die Öffentlichkeit freizugeben, anstatt Straßen für Autos zu sperren.

Für die Mehrzahl scheinen die Einschränkungen aber verkraftbar zu sein. Bislang habe man keinerlei Kenntnis von Behinderungen oder gar Verkehrsunfällen, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei.

Auch Familie Siebers besitzt ein Auto. Es soll aber stehen bleiben, wenn die Bänschstraße wieder als temporäre Spielstraße öffnet. "Die Kinder wollen da unbedingt wieder hin", sagt Vater Michael.

Er ist selbst erstaunt über die Anziehungskraft des Angebots, das ja kein Abenteuerspielplatz oder eine vergleichbare Attraktion ist, sondern bloß eine vom Autoverkehr befreite Straße. "Es bringt einfach nur ein bisschen mehr Platz in unserer Stadt", sagt er. "Mehr braucht es gar nicht."