Fotostrecke

Autonome Boote: Das etwas andere Logistikkonzept

Foto:

Leon Ginzel

Berlin So sollen autonome Schiffe die Paketflut eindämmen

Selbstfahrende Minischiffe sollen in Berlin Pakete transportieren und den Verkehr an Land entlasten. Versuche in einem Testkanal verlaufen vielversprechend, bald geht es auf die Spree.
Von Leon Ginzel

Christian Masilge ist zufrieden: »Das Fahrzeug tut, was es soll.« Der Leiter der Schiffbau-Versuchsanstalt Potsdam lehnt mit Dreitagebart und weißem Hemd an der Stahlwand des hauseigenen Testkanals.

Es riecht nach Schmieröl und Metall. Links und rechts vom Becken verlaufen schmale Gänge mit knarzenden Holzplanken, über der 280-Meter-Rinne thront eine fahrbare Kommandobrücke. Die Halle ist Masilges zweites Wohnzimmer. Hier forschen er und sein Team an der maritimen Zukunft.

Durch staubige Fenster fällt Licht aufs Wasser und beleuchtet ihren Stolz, ein signalgelbes Minischiff, das sanft über die Oberfläche driftet, dabei Kurs hält und simulierte Windböen ausgleicht. Ganz allein.

»Wir sind schon jetzt in der Lage, ohne mechanische Verbindung bestimmte Manöver zu fahren. Das ist ein großer Schritt«, erklärt der 61-Jährige. Masilge leitet das Projekt »A-Swarm«  und will damit die Citylogistik von Metropolen wie Berlin revolutionieren. »Städte mit Wasser nutzen diesen Transportweg kaum. Gleichzeitig sind die Straßen überfüllt. Diese freien Kapazitäten wollen wir autonom erschließen.«

Mit Lasertechnik allein über die Spree

Die Idee: Gleich mehrere der gelben Minischiffe fahren energieeffizient als Schwarm verbunden am Stadtrand los und splitten sich im Zentrum ab, um ihr jeweiliges Ziel anzusteuern und die Ladung auszuliefern. Ohne Crew an Bord. »Eine Besatzung rechnet sich nicht«, sagt Masilge. »Außerdem gibt es in der Binnenschifffahrt kaum Personal.« Autonom könnten die Boote rund um die Uhr fahren.

Seit anderthalb Jahren forscht das Team an zwei Prototypen, die aussehen wie der quer abgeschnittene, untere Teil eines Schiffsrumpfs. 2,5 mal 6 Meter lang, zweieinhalb Tonnen schwer, bis zu zehn km/h schnell, elektrisch angetrieben. Gesteuert werden sie über GPS, intelligente Sensoren und »Lidar«-Technik. Das sind dreidimensionale Laser, die die Umgebung abtasten, nach Hindernissen suchen oder beim Anlegen helfen. »Das Fahrzeug folgt einer zugewiesenen Kurslinie und hangelt sich dabei von Punkt zu Punkt. Bricht das GPS-Signal ab, zum Beispiel unter einer Brücke, übernehmen die anderen Systeme. So sichern wir uns auch gegen Cyberangriffe ab«, erklärt Masilge.

Schiffsexpertin: »Autonome Systeme sind der richtige Weg«

Die künstliche Intelligenz fürs Fahren und Situationen, in denen plötzlich Seitenwind aufkommt oder starker Seegang einsetzt, wird den Schiffen bei den Tests beigebracht. Parallel sammelt ein Schlauchboot auf der Spree weitere Sensordaten. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert die Idee, um der tendenziell rückläufigen  Binnenschifffahrt neues Leben einzuhauchen.

»Autonome Lösungen sind dabei genau der richtige Schritt«, findet Monique Giese von der Unternehmensberatung KPMG. Kleine, emissionsarme Schiffe könnten die Straßen und Schienen auf der Kurzdistanz entlasten, so die Schiffsexpertin. Das sei auch für den ländlichen Raum interessant. »Immer mehr Menschen ziehen raus aus der Stadt. Die müssen also auch irgendwie beliefert werden.«

Giese rechnet am Ende eher mit teilautonomen Schiffen, die zum Beispiel vom Land aus gesteuert werden. Auch weil der rechtliche Rahmen kompliziert ist. »Wichtig ist, dass rundherum eine Infrastruktur aufgebaut wird. Also neue, kleine Binnenhäfen entstehen und wassernahe Verteilzentren. Und dass alle Beteiligten ihre Daten, wie Pegelstände, Wetter und Status der Lieferung, teilen. Sonst funktioniert das System nicht.«

An Land übernehmen Fahrradkuriere

Größter Vorteil der Binnenschifffahrt laut Giese: die Kosteneffizienz. Autonome Schiffe treiben das weiter an. Sie sparen Personal, verbrauchen weniger Treibstoff und machen kaum Fehler. So zumindest das Versprechen der Ingenieure. Fakt ist: Anders als auf der Straße sind die Bewegungen auf dem Wasser langsamer und vorhersehbarer. Das senkt das Unfallrisiko.

Dieses Potenzial weckt schon länger das Interesse der Branche. In Norwegen  laufen mehrere Projekte  im Frachtbereich, als Lkw-Ersatz für komplizierte Landstrecken. In Finnland wurde bereits eine autonome Fährverbindung  getestet. Auch im Kieler Hafen  und an der Schlei  (Schleswig-Holstein) wird an elektrisch betriebenen, autonomen Fähren geforscht.

Die Binnenschifffahrt will bei dem Trend mitschwimmen, müsste sich aber an die veränderte Logistik anpassen: Die Fracht wird kleinteiliger und vernetzter. Das zeigt sich auch beim »A-Swarm« in Potsdam. Statt Kohle oder Stahl sollen die Schiffe Pakete ausliefern. »Wir planen mit mehreren Anlegestellen, an denen Containerboxen aufs Land gerollt werden. Von da geht’s dann per Fahrrad weiter. So könnte man die vielen Kleinlieferwagen aus Berlin rausbekommen«, umreißt Projektleiter Masilge die Vision.

Mobilitätsexperte: »Nicht die große Lösung«

Genau das sieht Mobilitätsexperte Andreas Knie vom »Wissenschaftszentrum Berlin« kritisch. »Die Wohnhäuser und Geschäfte sind in Berlin relativ weit weg vom Wasser. Das Umschlagen ist kompliziert. Das wird nicht die große Lösung für die Stadtlogistik sein.« Laut Knie dürfte der Trend eher Richtung Pooling gehen: dass ein Anbieter Pakete von Hermes, Amazon und UPS an Sammelstellen einlädt und verteilt.

Christian Masilge ist trotzdem optimistisch. Ein großer Versanddienstleister habe bereits Interesse angemeldet. Die Tests liefen zudem gut. »Wir schwimmen, wir fahren, wir sind voll im Zeitplan. Als Nächstes müssen wir die einzelnen Sensor- und Reglersysteme verbinden. Im Juni geht’s aufs offene Wasser.« Am Westhafen werden die Prototypen weiter getestet und mit ersten Logistikaufgaben belastet. Dann wird Stück für Stück die Spree erkundet.

Amsterdam als Vorreiter

In Amsterdam ist man schon weiter. Die autonomen Schiffe von »Roboat«  fahren bereits auf dem freien Wasser und sollen vor allem Abfall entsorgen. »Die Müllfahrzeuge belasten den Verkehr und die alten Brücken der Stadt«, sagt Projektleiter Ynse Deinema. »Unsere Boote kommen direkt an die Häuser und laden den Müll ein.« Aus Sicherheitsgründen sind die orangen Nussschalen noch mit Skipper und auf Nebenkanälen unterwegs. »Das Interesse ist groß«, so Deinema. »Amsterdam will bis 2025 emissionsfrei sein, in anderen Städten sieht's ähnlich aus.«

Auch einzelne Paketdienstleister haben das Wasser (wieder) entdeckt. Zumindest im Ausland. In London transportiert DHL Expresssendungen per Schnellboot von Heathrow in die City – ganz klassisch mit Käpt'n an Bord. Vom Themse-Ufer werden die Pakete per Lastenfahrrad weiter verteilt. Ähnliche Pläne für Deutschland gebe es bisher nicht, so der Konzern. Konkurrent DPD verweist skeptisch auf das komplizierte Verladen vom Land aufs Wasser, ist aber offen für neue Lösungen – wenn sie sich rechnen.

Das Finanzbudget ist neben dem rechtlichen Rahmen und der nötigen Cybersicherheit auch bei Christian Masilge und seinem »A-Swarm«-Team der Knackpunkt. »Technisch haben wir in fünf bis sechs Jahren ein komplett funktionierendes System. Mit den behördlichen Genehmigungen werden es aber eher acht bis zehn Jahre.« Es sei denn, irgendwer pumpe mehr Geld in die Forschung: »Dann könnte es schneller gehen.«