Neuer Strafkatalog im Straßenverkehr "Geldbußen tun kaum weh, egal wie hoch sie sind"

Seit gestern gelten in Deutschland deutlich höhere Bußgelder für zu schnelles Fahren und Falschparken. Doch macht das aus Rasern und Radwegparkern regeltreue Autofahrer?
Ein Interview von Emil Nefzger
Kontrollen - auch vermeintliche, wie durch diese Blitzer-Attrappe in der Eifel - bringen Auto- und Motorradfahrer wenigstens kurzzeitig dazu, Tempolimits einzuhalten. Das gilt jedoch auch für die gestiegenen Bußgelder, erklärt ein Experte

Kontrollen - auch vermeintliche, wie durch diese Blitzer-Attrappe in der Eifel - bringen Auto- und Motorradfahrer wenigstens kurzzeitig dazu, Tempolimits einzuhalten. Das gilt jedoch auch für die gestiegenen Bußgelder, erklärt ein Experte

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Oliver Dietze/ dpa

DER SPIEGEL: Herr Schlag, seit gestern gelten bei zahlreichen Verkehrsverstößen deutlich höhere Bußgelder. Schreckt das Autofahrer, die falsch parken oder zu schnell fahren, wirklich ab?

Bernhard Schlag: Das ist unterschiedlich. Es gibt Verkehrsteilnehmer, die fest daran glauben, nicht erwischt zu werden, bei denen wirken solche Maßnahmen kaum. Beim Rest erhöhen die Bußgelder jedoch die Hemmschwelle, Regeln zu übertreten. Sie schrecken also durchaus ab.

Zur Person

Bernhard Schlag, geboren 1950 in Aachen, leitete bis 2016 die Professur für Verkehrspsychologie an der TU Dresden. Er ist seit 2017 Seniorprofessor Forschung. Schlag publizierte vor allem zu psychologischen Fragen der Mobilität und des Verkehrsverhaltens.

Er ist Berater verschiedener Ministerien und Organisationen im Verkehrsbereich sowie Mit-Herausgeber wissenschaftlicher Fachzeitschriften.

SPIEGEL: Wäre es nicht besser, dem Beispiel anderer europäischer Länder zu folgen und die Bußgelder an der Höhe des jeweiligen Einkommens zu bemessen?

Schlag: Dadurch wird die Härte der Strafe zwar sozial besser vermittelt, eine nachhaltige Wirkung haben aber andere Maßnahmen. Punkte im Fahreignungsregister, Fahrverbote und ein schnellerer Verlust des Führerscheins. Diese Strafen werden als echte Sanktionen erlebt. Geldbußen tun kaum weh, egal wie hoch sie sind. Nicht mehr fahren zu dürfen, trifft Autofahrer viel stärker als jede Geldbuße. Gerade durch die künftig wohl häufiger verhängten Fahrverbote ist die neue Regelung ein wichtiger Schritt. Trotzdem ist auch die Anhebung der Bußgelder richtig. Die sind in Deutschland traditionell niedrig, hier hat man sich immerhin dem europäischen Durchschnitt genähert.

SPIEGEL: Wenn ich ihrer Argumentation folge, wäre es dann nicht sinnvoller, bereits ab einer Geschwindgkeitsüberschreitung von 11 km/h innerorts Punkte zu vergeben anstatt erst bei 21 km/h?

Schlag: Natürlich. In der Schweiz werden auch solche vergleichsweise kleinen Übertretungen hart bestraft. In Deutschland gelten 10 km/h Übertretung als normal, eine so rigorose Ahndung wie in der Schweiz würde entsprechend wohl als Gängelung empfunden. Es gibt hier eine einfache Faustregel: Damit eine Regel im Straßenverkehr wirklich beachtet wird, müssen drei Viertel der Verkehrsteilnehmer sie als richtig empfinden.

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SPIEGEL: Kaum jemand wird die generelle Richtigkeit vieler Verkehrsregeln, wie zum Beispiel Tempo 50 in Städten oder das Stoppen an einer roten Ampel, anzweifeln. Warum tun sich Autofahrer, aber auch Radfahrer und Motorradfahrer, trotzdem so schwer damit, sie einzuhalten?

Schlag: Menschen sehen in solchen Momenten den individuellen Vorteil, den ihnen der Regelbruch bringt. Im Straßenverkehr gibt es solche Momente oft, gleichzeitig ist die Gefahr der Entdeckung gering. Wenn zum Beispiel Falschparken oder Geschwindigkeitsübertretungen persönliche Vorteile bringen und kaum sanktioniert werden, sehen das andere Verkehrsteilnehmer und ahmen das Verhalten nach, es wird so zur Norm.

SPIEGEL: Dabei lieben Deutsche Regeln wie kaum etwas anderes, auf den Straßen geht es aber in unseren Nachbarländern oft gesitteter zu. Warum fällt es uns gerade im Straßenverkehr so schwer, Regeln einzuhalten?

Schlag: Das gilt vor allem beim Thema Geschwindigkeit und liegt primär an den schwachen Sanktionen, aber auch dem fehlenden generellen Tempolimit auf Autobahnen. In anderen europäischen Ländern gilt schnelles Fahren an sich als gefährlich, hierzulande wurde schnelles Fahren lange als Teil der Freiheit kommuniziert. Im Aspekt, eine Freiheit für sich zu beanspruchen und das Risiko vermeintlich gut zu beherrschen, ist das mit dem Waffenbesitz in den USA vergleichbar. Vor diesem Hintergrund ist es heute schwierig, die Deutschen zum Einhalten von Tempolimits zu bringen. Das kann sich aber schnell ändern.

SPIEGEL: Wie soll das gelingen?

Schlag: Durch veränderte soziale Akzeptanz. In den Achtzigerjahren galt Alkohol am Steuer als Kavaliersdelikt, viele Menschen haben erheblich zu viel getrunken und sind anschließend gefahren. Das hat sich durch ein Wechselspiel zwischen Aufklärungskampagnen, verstärkter Kontrolle und der Härte der Strafen geändert. Alle Befragungen zeigen, dass Alkohol am Steuer heute bei jungen Leuten als absolutes No-Go gilt, auch die Unfälle sind stark zurückgegangen. Hier ist der Schritt vom Gesetz zur sozialen Norm gelungen.

SPIEGEL: Heute gilt Falschparken als Kavaliersdelikt, Autofahrer können hier allerdings nun künftig auch Punkte bekommen. Sind diese hohen Strafen bei diesem Vergehen wirklich der richtige Weg?

Schlag: Die Menschen haben bei Parkdelikten ein extrem geringes Problembewusstsein, gleichzeitig gefährdet Falschparken Radfahrer und Fußgänger. Hohe Strafen sind hier das beste Signal, um auf ein tatsächliches Problem hinzuweisen, auf das der Staat nun besser schauen wird. Nur so achten die Menschen selbst stärker auf ihr eigenes Verhalten und fordern das Einhalten der Regeln auch untereinander ein.

SPIEGEL: Sind alle diese Maßnahmen ohne bessere Kontrollen nicht wirkungslos?

Schlag: Ja, die Härte der Strafe bringt nichts, wenn man sowieso nicht fürchten muss, erwischt werden zu können. Die Kontrollen haben in Deutschland aber zum Glück zugenommen. Deutlich wichtiger ist aber das Signal an die Bevölkerung, dass zu schnelles Fahren und Falschparken nicht akzeptiert werden. Solche sozialen Normen, bei denen zum Beispiel zu schnelles Fahren als No-Go wahrgenommen wird, sind deutlich effektiver als alle Kontrollen, da sie viel subtiler wirken.

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