Ratgeber Rad – Cannondale Topstone Neo Carbon Lefty 1 Im Matsch zu Hause

Es wühlt sich durch Schlamm, erklimmt Hügel, spurtet auf Asphalt: Das elektrische, sündhaft teure Gravelbike Topstone Neo von Cannondale kommt mit vielem zurecht. Doch die Universalität hat Grenzen.
Cannondale Carbon-E-Gravel: Genetische Nähe zum Rennrad

Cannondale Carbon-E-Gravel: Genetische Nähe zum Rennrad

Foto: Stefan Weißenborn

Der erste Eindruck: Ein Unterrohr, das die Proportionen stört, dazu diese Cannondale-typische halbe Gabel – die äußere Gestalt wirkt irgendwie verhauen. Was steckt dahinter?

Das sagt der Hersteller: Im Topstone Neo treffen sich mindestens zwei Trends. Als Gravelbike zählt es zu jener vom Rennrad abgeleiteten, aber geländetauglichen Fahrradgattung, deren Beliebtheit wächst. Als E-Bike fällt es ohnehin in ein Boomsegment. Dazu sei es das »erste vollgefederte E-Gravelbike«, so Andreas Krajewski vom Cannondale-Marketing. Der US-Hersteller brachte 2015 sein erstes Gravelbike und legte Mitte 2020 mit dem E-Gravel nach.

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An Bord ist ein kräftiger Motor – der Bosch Performance Line CX mit einem Drehmoment von bis zu 85 Nm und Tretunterstützung bis zum 3,4-fachen der Pedalkraft. Schon dadurch unterscheidet sich das Topstone Neo von E-Rennrädern, die sich oft auf schwächere Heckmotoren beschränken, um lediglich steileren Anstiegen auf Asphalt den Schrecken zu nehmen.

Doch die genetische Nähe zum Rennrad ist da. Die Rahmengeometrie sei vergleichbar mit der eines Endurance- oder Marathonrennrades, sagt Krajewski. Geschwindigkeitsfahrten auf Asphalt zuträglich sind die längeren Tretkurbeln mit mehr Hebelwirkung, die vom Rennrad abstammen, sowie das kleinste Ritzel an der Kassette von nur noch zehn Zähnen.

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Cannondale Topstone Neo Carbon Lefty 1

Foto: Stefan Weißenborn

Als Gravelbike fährt das Topstone genretypisch auf breiten Reifen, doch Cannondale verweist auf zwei Besonderheiten: die Lefty-Gabel und den Carbonrahmen mit sogenannter Kingpin-Federung. Die Gabel mit nur einer Zinke links spart dem Topstone Gewicht und bringt den asymmetrischen Look sowie einen Federweg von 30 Millimetern.

Neu ist die Rahmenkonstruktion. Carbon habe man nicht in erster Linie gewählt, um das Gewicht zu senken, sondern weil Kohlenstofffasern dämpfen und beim Rahmenbau mehr Formgebung zulassen, erläutert Krajewski. Dank Flexibilität im Rahmen gibt der Hinterbau leicht nach oben nach – über ein Gelenk, das Sitzstreben und Sitzrohr verbindet. Cannondale gibt den Federweg auch dafür mit 30 Millimetern an. »Die Kingpin-Lösung lebt vom Carbon und wäre mit hartem Alu nicht machbar«, sagt Krajewski.

Das ist uns aufgefallen: Gut 17 Kilo bringt das Topstone Neo auf die Waage – etwa zwei mehr als Konkurrenzräder von Stevens oder Bergamont. Das merkt man ihm aber kaum an. In leichtem Gelände und auf Schotter fährt es sich agil, selbst wenn der Motor ausbleibt. Ein anderer Eindruck stellt sich auf glattem Grund ein. Dort ist der – gegenüber einem Rennrad erhöhte – Rollwiderstand schon hörbar: die Profilreifen surren sonor, als wollten sie sagen: Wir wollen es deftiger! 

Könnt ihr haben: Wir biegen ab auf einen Forstweg, der einem Harvester wild durchfurcht ist. Kein Problem, doch die Schweißdrüsen des Fahrers bleiben erst mal auf Stand-by. Mühelos geht es selbst bergauf voran, zumindest in den beiden höchsten Unterstützungsstufen. Im Turbomodus erarbeitet sich das E-Gravel selbst aufgeweichte Pisten, Kletterpartien gelingen fast auf E-Mountainbike-Niveau. Fast – denn am nächsten, noch steileren Hang ist viel Fahrgeschick und Körperkoordination gefragt. Sonst dreht das Hinterrad durch. Wer dies mit viel Körpergewicht auf dem Sattel zu vermeiden sucht, dem hebt es das Vorderrad ab.

»Ideal für die Feierabendrunde durch den Wald« oder auf nicht zu anspruchsvollen Singletrails sei das Rad, sagt Krajewski. Mehr Offroad verweigern schon das tiefe Tretlager, das etwa bei Erdwällen aufsetzt, und der Lenker, der auf grobem Grund nicht die Kontrolle wie ein breiter Mountainbike-Bügel bietet.

Die eher kleinen 27,5-Zoll-Laufräder (650b) machen das Bike indes kurz und wendig – ein Vorteil, wenn es schnell bergab geht. Direkt spürbar ist dann auch der Federungskomfort, den die sanft eintauchende Gabel liefert; der Kingpin-Effekt spielt sich jedoch mehr im Kopf ab. Doch fährt sich das Carbonrad allemal weicher als ein Alu-Gravel.

Das muss man wissen: Großen Anteil an Fahrkomfort und Traktion liefern die breiten 42-Millimeter-Reifen. Sie lassen sich mit geringem Luftdruck fahren, der mit Schlauchlosreifen wie am Testrad nochmals gesenkt werden kann, in diesem Fall auf zwei 2 bar. Allerdings muss man die Reifendichtmilch, die die Schläuche ersetzt, regelmäßig erneuern – sonst entweicht schleichend Luft. Ab Werk wird das Cannondale mit Schlauchreifen ausgeliefert.

Motor

Bosch Performance Line CX 250 Watt

Akku

Bosch Powertube 500 Wh, max. 85 Nm

Reichweite

bis zu 176 km (Herstellerangabe)

Rahmenmaterial

Carbon, Kingpin-Federung, 30 mm

Gabel

Lefty Oliver Carbon, 30 mm Federweg

Schaltung

SRAM X01 Eagle eTap AXS, 12-fach, 10 bis 50 Zähne

Bremse

Scheibenbremse SRAM Force AXS, 160mm/160mm

Laufradgröße

650b (WTB, tubeless ready)

Bereifung

WTB Resolute, 650 x 42c (Reifenbreite bis 48 mm möglich)

Gewicht

17,3 Kilo (Größe M)

Preis

9499 Euro

Was noch entweicht, ist Strom aus den Batterien. Davon besitzt das Gravelrad gleich drei, doch zwei davon könnten im Alltag lästig werden. Dass der Antriebsakku regelmäßig geladen werden muss, akzeptieren E-Bike Fahrer selbstverständlich. Die anderen Batterien nerven aber potenziell: Da wäre der kleine Aufsteckakku für die elektrische Funkschaltung. Er speist einen kleinen Motor, der blitzschnell und präzise die Gänge wechselt. Schaltzüge gibt es nicht mehr. Der Akku hält laut Hersteller Sram rund 25 reine Betriebsstunden, was je nach Fahr- und Schaltverhalten für zwei bis drei Monate genügen sollte. Ist er erschöpft, quittiert die Eagle eTap AXS ihren Dienst, der Akku muss geladen werden. Zwei bis drei Jahre länger immerhin hält die Knopfzelle des Controllers im Lenker, der die Funksignale der Schaltwippen ans Heck sendet.

Wem das alles zu viel Hightech ist, der kann das Topstone Neo auch mit der Shimano Gravel-Schaltung GRX 800 ohne Funk kaufen, und spart knapp 3000 Euro. Eine womöglich willkommene Einsparung, denn das gefahrene Cannondale kratzt an der 10.000-Euro-Marke. Es ist damit eines der teuersten Kompletträder des jungen Segments.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Wie eine solche Gravelbike-Spielart die Grenze zum Mountainbike verwischen lässt. Und, dass das Bike wortwörtlich ein teurer Spaß ist.

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