Teilen statt besitzen Ein Auto für drei – funktioniert so Carsharing mit den Nachbarn?

Auto-Abo und Carsharing in einem: Mit der Idee will ein Start-up die Zahl von Fahrzeugen in den Städten reduzieren. Eine App soll Kosten und Verbrauch transparent machen – und so typische Streitthemen entschärfen.
Carsharing-Parkplatz in München: Autoteilen liegt im Trend

Carsharing-Parkplatz in München: Autoteilen liegt im Trend

Foto: dvoevnore / iStockphoto / Getty Images

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Autobesitz auf Zeit – unbürokratisch, risikolos, flexibel: Das versprechen Auto-Abos, und das kommt bei immer mehr Menschen an. 42.000 Auto-Abos wurden im vergangenen Jahr in Deutschland neu abgeschlossen, ermittelte das Center Automotive Research in Duisburg.

Jetzt könnte die Idee des Autofahrens zum monatlichen Fixpreis einen weiteren Schub erhalten. Das 2019 gegründete Auto-Abo-Start-up ViveLaCar präsentierte auf der IAA Mobility in München einen neuen Ansatz, der Abo und Sharing kombiniert.

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»ViveLaCar One« heißt das Angebot, und man fragt sich, warum eine solche Idee bisher nicht so recht verfangen hat. Bis zu drei Haushalte teilen sich ein Fahrzeug, das ist das Carsharing-Element. Das Auto selbst wird im Abo übernommen. Und zwar für jeden der Beteiligten zu einem monatlich variablen Kilometerpaket, nach dem sich auch der monatliche Fixpreis für jeden Teilnehmer richtet.

Klingt simpel, doch wie so oft beim Thema Teilen kommt es auf die Details an. Das Trio, das sich ein Auto-Abo teilt, sollte nahe beieinander wohnen (weil sonst der Fußweg zum Auto zu lang wird), unterschiedliche Nutzungsvorlieben haben (damit nicht ständig alle gleichzeitig den Wagen beanspruchen) und einen eher ausgeprägten Sinn für Toleranz haben (damit nicht jedes zurückgelassene Kaugummipapier oder jeder Krümel auf dem Sitz zum Streit führt).

Wenn es gut läuft, nimmt die Autodichte ab

Was das Geld betrifft — normalerweise ein verlässlicher Quell für Querelen aller Art — hat der Abo-Anbieter vorgesorgt: Alle laufenden Kosten (Zulassung, Versicherung, Steuer, Inspektion, Reparaturen und erstmals auch Kraftstoff) sind im Fixpreis enthalten. Die komplette Organisation läuft über eine App. Jeder kann also jederzeit sehen, wie er gerade finanziell dasteht in dem Dreierbündnis.

Das Angebot wird in den kommenden Wochen zunächst in Stuttgart, Köln und Berlin starten. Im Frühjahr 2022 sollen weitere Städte folgen.

Der Sinn des Ganzen ist natürlich, möglichst günstig Auto zu fahren. Und zwar in einem Modell, das man sich mit zwei anderen ausgesucht hat und gemeinsam nutzt. Sogar die Allgemeinheit könnte profitieren. ViveLaCar postuliert, die Zahl unnütz in Städten herumstehender Autos könne deutlich reduziert werden. 25.000 Pkw könnten allein in Köln durch Gemeinschafts-Abos aus dem Straßenbild verschwinden, hat das Unternehmen ausgerechnet.

Fragen aber sind: Lassen sich wirklich so viele Menschen darauf ein, ein Auto mit zwei Freunden oder Bekannten zu teilen? Kann das Prinzip »Ein Auto für drei Haushalte« überhaupt funktionieren?

Wie teuer ist ein geteiltes Auto-Abo?

Bei der Antwort darauf wird es vor allem auch auf den Preis ankommen. Ein Beispiel: Bei »ViveLaCar One« gibt es einen Mini Cooper mit monatlich 1500 Freikilometern für 735 Euro pro Monat im Abo. Drei Haushalte können sich diese Kilometer frei untereinander aufteilen. Haushalt A bucht zum Beispiel 500 Kilometer, Haushalt B möchte 200 Kilometer und Haushalt C bucht 800 Kilometer.

Die Kosten werden dann kilometergenau aufgeteilt: Im Beispiel zahlt Haushalt A also 245 Euro, Haushalt B zahlt 98 Euro und Haushalt C zahlt 392 Euro. Nicht gefahrene Kilometer werden für den folgenden Monat gutgeschrieben. Das Kilometerpaket und die Aufteilung untereinander kann monatlich zudem ständig variiert werden.

Zum Vergleich: Bei Abo-Konkurrent Finn Auto kostet ein Mini Countryman bei einjähriger Vertragslaufzeit mit monatlich 1000 Freikilometern im Abo 559 Euro pro Monat. Und anders als beim geteilten Auto-Abo ist in diesem Fall der Sprit nicht inklusive. Das zeigt: Mit einem zu dritt abonnierten Auto lässt sich Geld sparen.

Kostenkontrolle per App

Die App rechnet auch die Kosten ab, funktioniert als Buchungssystem und kennt den jeweiligen Standort des Wagens. Über sie wird das Auto auch entriegelt, der Schlüssel liegt im Handschuhfach.

Grundsätzlich erinnert dieses Dreier-Abo-Modell an Carsharing, wie es unter anderem der Free-Floating-Dienst Share Now betreibt. Jedoch mit zwei wesentlichen Unterschieden. Erstens: Die Nutzer bei ViveLaCar kennen sich untereinander, der Umgang mit dem Auto dürfte also pfleglich sein. Zweitens: Im Gegensatz zum Sharing ist das Auto tatsächlich im eigenen Besitz. Die Babyschale oder die Sonnenbrille kann also im Auto gelassen werden.

Weniger Kosten, weniger Autos?

In der Theorie klingt das neue Abo-Angebot überzeugend. Was aber, wenn es in der Praxis dazu führt, dass Leute, die bislang noch kein eigenes Auto hatten, jetzt eines im Dreierbund abonnieren? Die Autonutzung wird schließlich umso attraktiver, je billiger sie angeboten wird.

Ob ein gemeinschaftlich genutztes Auto-Abo eher dazu führt, dass zwei Privat-Pkw abgeschafft werden, oder dass es neue Autonutzer und damit noch mehr Autoverkehr gibt, muss sich erst zeigen. Studien zu anderen Carsharingangeboten kommen zu unterschiedlichen Antworten auf die Frage, ob das Autoteilen Verkehr reduziert – oder womöglich vermehrt.

Der Gedanke, das private Autoteilen per App zu organisieren, ist nicht neu. Allerdings wurde er bislang noch nie wirklich simpel und alltagstauglich umgesetzt. Nichts mehr zu hören etwa ist von einem Angebot namens Cocar. Daran wirkte Ex-Tesla-Deutschland-Mann Alan Atzberger mit, es sollte ähnlich funktionieren wie das von ViveLaCar.

Mit anderen Plattformen lässt sich das Auto vermieten

In anderen Systemen geht es bislang meist darum, das vorhandene Privatauto gewinnbringend weiterzuvermitteln, während man es selbst nicht braucht. Der chinesische Hersteller Lynk & Co. etwa kündigt auf seiner Webseite an, demnächst eine Sharing-App für die Lynk & Co. Community zur Verfügung zu stellen.

Ähnliches bieten auch Unternehmen wie Getaround oder Snappcar an, bei denen Mitglieder ihr Privatauto mittels einer App an andere Mitglieder der Community zu bestimmten Zeiten und Preisen vermieten können. Dazu kommen App-Entwickler wie Moqo oder Fleetster, die für das Smartphone geeignete Carsharing-Programme vertreiben, die jedoch eher für Firmenfuhrparks oder kommerzielle Verleiher gedacht sind.

Autohersteller drängen ins Abo-Geschäft

Die wichtigsten Akteure im Auto-Abo-Markt allerdings könnten schon bald die Autohersteller werden. Längst haben sie erkannt, welches Potenzial in den Autobesitz-auf-Zeit-Modellen steckt.

»Die Zahl der Menschen wächst, die ein Fahrzeug nicht unbedingt dauerhaft besitzen, es jedoch für einen definierten Zeitraum exklusiv nutzen möchten«, sagt etwa Klaus Zellmer, VW-Vorstand für Vertrieb und Marketing. Auch der Wolfsburger Autohersteller bietet seit 1. September Auto-Abos an – für die E-Modelle ID.3 und ID.4. Wer das Elektroauto ID.3 auf Zeit fahren möchte, zahlt als Abo-Kunde bei VW aktuell ab 499 Euro im Monat, inklusive 800 Freikilometer.

VW will im Jahr 2030 bereits ein Fünftel des Umsatzes mit Auto-Abos generieren. Auch andere Hersteller wie Volvo, Mercedes, Porsche, Hyundai, Genesis und Toyota bieten inzwischen Abos an.

So wollen sie zuvorderst Fahrzeuge in den Markt drücken. Drängende Probleme wie verstopfte Straßen, wuchernder Parkraumbedarf und weitere Folgeschäden durch immer mehr Autos werden auch durch Abos nicht gelöst. Sharingvarianten jedoch könnten dabei ein Weg sein, die Autoflut abzumildern.

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