Carsharing in Corona-Zeiten Das Auto teilen, nicht die Viren - ist das möglich?

Carsharing stößt in der Corona-Pandemie an Grenzen. Wie lässt sich geteilte Mobilität aufrechterhalten, ohne eine Infektion zu riskieren? Die Anbieter reagieren halbherzig - und leiden selbst unter der Krise.
Die meisten Carsharing-Unternehmen reinigen die Autoinnenräume in der Coronakrise häufiger

Die meisten Carsharing-Unternehmen reinigen die Autoinnenräume in der Coronakrise häufiger

Foto: Marton Monus/ EPA-EFE/Shutterstock

Das Auto scheint in Zeiten, in denen soziale Distanz erforderlich ist, das ideale Fortbewegungsmittel. Doch gilt das auch für Autos, die man sich mit anderen teilt? Zum Beispiel Carsharing-Fahrzeuge? Türgriff, Lenkrad, Sitz, Schaltknauf, Blinkerhebel, Bedientasten - es gibt etliche Kontaktflächen zwischen Mensch und Auto, und damit auch potenzielle Berührungspunkte, an denen das neuartige Coronavirus vom einen zum anderen übertragen werden kann.

Eine Vorstudie von US-Forschern zumindest legt nahe, dass auch die sogenannte Schmierinfektion eine Gefahr darstellt. Auch das Robert Koch-Institut schließt das nicht aus. Etwa 2,3 Millionen Menschen sind in Deutschland bei Carsharing-Firmen angemeldet. Um zu verhindern, dass die geteilten Autos zu Virentransportern werden, haben etliche Unternehmen Maßnahmen ergriffen, die eine Verbreitung von Corona verhindern sollen.

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Carsharing in Zeiten von Corona

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

"Wir haben aufgrund des Coronavirus Vorsichtsmaßnahmen bezüglich der Hygiene unserer Flotte ergriffen", teilt der Carsharing-Anbieter Share Now mit. Mit rund 7200 Autos stellt der Zusammenschluss aus Car2Go (Daimler) und DriveNow (BMW) die größte Fahrzeugflotte im stationslosen Carsharing (Free Floating). Die Autos können überall im Geschäftsgebiet gebucht und abgestellt werden. Share Now hat jetzt einen Dienstleister beauftragt, der die Fahrzeugflotte regelmäßig reinigen und desinfizieren soll. "Alle eingesetzten Servicekräfte sind für das Thema sensibilisiert", sagt ein Unternehmenssprecher. Besonderes Augenmerk gelte dabei Lenkrad und Schalthebel. Die Desinfektion der Fahrzeuge finde zusätzlich zu der regelmäßigen Reinigung der Fahrzeuge statt.

Es wird öfter geputzt - aber nicht nach jeder Fahrt

Wie oft die Fahrzeuge genau desinfiziert werden, konnte Share Now allerdings nicht beziffern. Nach Angaben des Bundesverbands Carsharing fand ursprünglich - also vor dem Beginn der Corona-Pandemie – etwa einmal pro Woche eine Grundreinigung von Sharing-Fahrzeugen statt.

Auch bei Stadtmobil, dem größten stationsbasierten Sharing-Anbieter Deutschlands, wurden die Abstände zwischen den Fahrzeugsäuberungen verkürzt. "Eine Reinigung nach jeder Nutzung ist nicht vorgesehen und auch nicht möglich", erklärte Stadtmobil-Aufsichtsratsmitglied Miriam Caroli. Ähnliches teilt auch der Carsharing-Betreiber TeilAuto auf seiner Website mit, der in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aktiv ist. Sollte es zu einem Corona-Fall im Zusammenhang mit einem der Fahrzeuge kommen, "werden wir dieses umgehend aus dem Verkehr ziehen und eine gründliche Reinigung vornehmen", heißt es auf der Homepage des Anbieters.

Desinfektionstücher und Einmalhandschuhe

Stadtmobil wiederum rät den Kunden, das Fahrzeug zusätzlich vor jeder Fahrt auf eigene Faust an den Kontaktflächen zu desinfizieren. Zudem empfiehlt das Unternehmen während der Nutzung das Tragen von Einmalhandschuhen. Eine Maßnahme, die auch andere Sharing-Anbieter ausdrücklich empfehlen. Auch der Carsharing-Verband BCS rät zur Benutzung von Desinfektionstüchern und Einmalhandschuhen. Eine Verpflichtung, bestimmte Desinfektionsanweisungen zu erfüllen, gibt es vonseiten des Verbands jedoch nicht. "Die Anbieter müssen zurzeit noch selbst prüfen, mit welchen Mitteln die Fahrzeuge desinfiziert werden können - was also das Virus zerstört, die Materialien im Innenraum aber möglichst wenig angreift", so Gunnar Nehrke, Geschäftsführer des BCS, auf Nachfrage des SPIEGEL. Die Mobilitätsdienstleister stünden deshalb in Kontakt mit den Fahrzeugherstellern. Der BCS empfiehlt zur Reinigung die Verwendung von Seifenlauge. Nehrke: "Insbesondere weil Desinfektionsmittel knapp sind und für wichtigere Zwecke benötigt werden."

Eine Einstellung der Sharing-Angebote aufgrund der Corona-Pandemie komme derzeit nicht infrage. Im Gegenteil: "Wir haben empfohlen, die Dienste zum jetzigen Zeitpunkt nicht einzustellen. Solange keine generellen Ausgangssperren verhängt sind, sollten Carsharing-Angebote so verfügbar bleiben, wie es private Pkw für Autobesitzer auch sind", sagt Nehrke. Eine Spur drastischer formuliert das der Anbieter TeilAuto. "Wir verstehen Carsharing als Teil der Daseinsvorsorge, da es für immer mehr Menschen und Institutionen ein wesentlicher Baustein ihrer Mobilität ist. Deshalb ist uns wichtig, dass das Angebot auch unter schwierigen Bedingungen funktioniert", heißt es auf der Unternehmens-Homepage. Alle Sharing-Anbieter aktualisieren ihre Schutzmaßnahmen jedoch durchgehend und orientieren sich an den Vorgaben des Robert Koch-Instituts. Sixt Share, die Sharing-Sparte des Autovermieters Sixt, hat dafür extra ein Koordinationszentrum eingerichtet.

Deutlich weniger Fahrten werden gebucht

Neben den Carsharing-Diensten sind von der Corona-Pandemie auch weitere Mobilitätsdienstleister betroffen. Der Ridesharing-Anbieter Moia etwa hat angekündigt, seinen Dienst in Hamburg und Hannover "ab 1. April vorübergehend einzustellen". Als Begründung nennt das Unternehmen die "drastisch reduzierte Nachfrage". Solange Moia noch fährt, also bis 1. April, wird die maximale Anzahl der Fahrgäste (ein Moia-Fahrzeug verfügt in Hamburg über sechs Passagierplätze, in Hannover über fünf) an beiden Standorten pro Fahrzeug jeweils um einen Platz reduziert. In Hannover bleibt der Beifahrersitz frei. Eine Schutzmaßnahme, die bereits in Bussen des ÖPNV eingeführt wurde, um den Fahrer vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Deutschlands größter Autovermieter Sixt stellt einen starken Rückgang bei den Fahrzeugleihen an Flughäfen fest. Um die finanziellen Folgen abzufangen, soll den Sixt-Aktionären für das abgelaufene Geschäftsjahr keine Dividende gezahlt werden. Zudem kündigte das Unternehmen deutliche Personaleinsparungen an.

Bei den Carsharing-Anbietern erwartet man insbesondere durch wegfallende Geschäftsfahrten und ausbleibende Ostertouren erhebliche Verluste. "Viele Menschen arbeiten derzeit im Homeoffice, verzichten auf Geschäftstermine in anderen Städten und sind daher auf die Angebote nicht angewiesen. Die Reiserestriktionen machen zudem auch viele Urlaubsfahrten während der Ostertage zunichte", sagt BCS-Geschäftsführer Nehrke. Das Worst-Case-Szenario für alle Mobilitätsanbieter bleibt der komplette Shutdown.

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