Chipkrise in der Autoindustrie Neuwagen vergeblich gesucht? Das können Käufer jetzt tun

Kurzarbeit bei Daimler, Produktionsstopp bei Ford: Ein Engpass bei Halbleitern trifft die Autoindustrie. Welche Modelle sind betroffen? Wo bekommen Kunden gerade jetzt hohe Rabatte? Der Überblick.
Schlüsselbauteil Mikrochip: Die Autoindustrie leidet derzeit unter einem Chipmangel – und damit teilweise auch Kunden, die auf Autos warten müssen (Symbolbild)

Schlüsselbauteil Mikrochip: Die Autoindustrie leidet derzeit unter einem Chipmangel – und damit teilweise auch Kunden, die auf Autos warten müssen (Symbolbild)

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Die Chipkrise hält die Autoindustrie weiterhin fest im Griff. So fahren die Ford-Werke in Köln ihre Produktion herunter, weil nicht genügend von den begehrten Bauteilen verfügbar sind. Nun soll es Kurzarbeitstage vom 3. Mai bis 18. Juni sowie vom 30. Juni bis zum 9. Juli 2021 geben. Zuvor hatten Audi und Daimler Teile ihrer Belegschaft wegen des Chipmangels wieder in die Kurzarbeit geschickt.

Nicht nur für die Industrie ist der Engpass ein Problem, er bringt auch viele Autokäuferinnen und -käufer in eine schwierige Lage. Hier Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sind Halbleiter und warum sind sie so wichtig?

Halbleiter sind Materialien, die elektrischen Strom sowohl leiten als auch isolieren können. Damit sind sie wichtige Bauteile für elektrische Schaltkreise: als Mikrochips oder Mikroprozessoren. Sie stecken in Computern, Waschmaschinen, Smartphones – und Autos. Dort sorgen sie dafür, dass Klimaanlage und Airbags, Assistenzsysteme oder Fensterheber funktionieren.

Die Chips zu fertigen, ist sehr aufwendig: Sie werden in Hunderten Arbeitsschritten in monatelanger Kleinstarbeit aus Siliziumscheiben hergestellt. Weil in Autos immer mehr Elektronik steckt, werden auch immer mehr Halbleiter benötigt, die Elektromobilität verstärkt die Nachfrage nochmals. Um einen Elektromotor effizient zu betreiben, brauche man »ein halbes Kilo Halbleiter«, sagte Reinhard Ploss, Chef des deutschen Halbleiterherstellers Infineon in einem Interview mit dem »Bayerischen Rundfunk«.

An die Autobranche gehen zwischen acht und zwölf Prozent der weltweiten Halbleiterproduktion. Allein der Bedarf der US-Firma Apple ist größer als jener der gesamten Fahrzeugindustrie. Der globale Halbleitermarkt wächst – allein im vergangenen Jahr um vier Prozent auf 430 Milliarden Dollar.

Warum fehlen plötzlich Halbleiter in den Autofabriken?

Die kurze Antwort lautet: weil sie zu spät bestellt wurden. Tatsächlich ist es komplizierter. Als im Frühjahr 2020 die Coronapandemie begann und Autofabriken sowie Zulieferunternehmen für Wochen stillstanden, wurden zahlreiche Halbleiter-Bestellungen gedrosselt oder storniert. In diese Nachfragelücke drängten Hersteller von Mobiltelefonen, Computern, Unterhaltungselektronik und Medizintechnik. Deren Absatz schoss pandemiebedingt nach oben.

Seit einigen Monaten zieht auch die Nachfrage nach Neuwagen wieder an. Die weltweite Halbleiterproduktion jedoch ist weitgehend vergeben, die Autoindustrie muss sich hinten anstellen. Hinzu kommt: Von der Bestellung eines Halbleiters bis zu Ankunft in einer Autofabrik vergehen mindestens vier, eher fünf oder sechs Monate. Wer zu spät bestellt, muss warten.

Welche Hersteller trifft es und wie reagieren sie?

Der Halbleitermangel betrifft alle Hersteller. Sie kaufen Mikrochips allerdings nur selten direkt ein. Stattdessen beziehen sie von Zulieferern Komponenten wie Steuergeräte, Cockpits oder etwa die Ladeelektronik für E-Autos, in denen Halbleiter verbaut sind. Die Halbleiter fehlen also in erster Linie den Zulieferern und deren Produkte den Autoherstellern.

Bei BMW sind vom Engpass unter anderem die Modelle X1, X2, aber auch die 1er-Reihe betroffen, bei Mercedes die A- und B-Klasse. Mit den noch verfügbaren Halbleiterbeständen wurden bei Daimler zunächst jene Modelle produziert, die höhere Gewinnmargen bringen – also Limousinen wie die S-Klasse.

Bei VW in Mexiko (Tiguan, Jetta) stehen die Bänder bis Mitte Mai still, im VW-Werk in Bratislava (Slowakei) ruht derzeit die Fertigung der SUV-Typen Porsche Cayenne, Audi Q7 und Q8 sowie VW Touareg. US-Autobauer Ford stoppte die Produktion des Mustang und Hyundai musste im April die Produktion des Kona, sowie des Elektromodells Ioniq 5 unterbrechen.

Auch bei Tesla in den USA stoppte Anfang des Jahres die Fahrzeugherstellung. Grund dafür war ebenfalls Chipmangel – allerdings, weil im US-Halbleiterwerk von Samsung die Fertigung wegen Stromausfällen durch eine Kältewelle pausieren musste.

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Lassen sich Autos mit weniger Halbleitern bauen?

Außer mit Produktionsstopps reagieren Hersteller auch mit Produktionsänderungen – um mit weniger Halbleitern auszukommen. Peugeot etwa baut das Modell 308 nicht mehr mit Digitalcockpit, sondern wieder mit klassischen, analogen Instrumenten, die keine Chips benötigen. Dadurch wird das Auto um 400 Euro billiger. Ford fertigt den Pick-up F-150 aktuell ohne Kraftstoffmanagement-Modul. Bei BMW ist das kleine Navigationsgerät nicht mehr lieferbar, dass nächstgrößere kostet jedoch bis zu 1200 Euro Aufpreis.

Aus digital wird analog: Das Cockpit des Peugeot 308
Aus digital wird analog: Das Cockpit des Peugeot 308

Aus digital wird analog: Das Cockpit des Peugeot 308

Foto: Denis Meunier / Denis Meunier

Wie sehr verlängern sich Lieferzeiten?

Ein exakter Zeitraum ist schwer zu benennen, erklärt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR). Die Verzögerung schwanke stark, »sowohl von Hersteller zu Hersteller als auch von Modell zu Modell«. Die Hersteller wägen Dudenhöffer zufolge angesichts der knappen Halbleiter sehr genau ab und geben den Modellen, die gute Rendite liefern, Vorrang – »und das sind vor allem hochpreisige Modelle für den chinesischen Markt«, erklärt der CAR-Experte. Auf einzelne Modelle könne man die Wartezeiten kaum herunterbrechen.

Offizielle Angaben aus der Industrie gibt es bisher wenige. In den USA hat Porsche seine Händler darauf eingestellt, dass Kunden zwölf Wochen mehr als üblich auf ihre Fahrzeuge warten müssen. Es fehle ein Chip, der den Reifendruck überprüft.

Wie verbindlich sind derzeit Angaben zur Lieferzeit?

Das hängt davon ab, ob im Vertrag ein verbindlicher oder ein unverbindlicher Liefertermin vereinbart wurde, erklärt der ADAC-Jurist für Verbraucherrecht, Klaus Heimgärtner. Auf einen verbindlichen ließen sich die Händler jedoch meist nicht ein, da sie bei Überschreitung sofort in Verzug geraten, so Heimgärtner. »Üblicherweise werden daher nur unverbindliche Liefertermine vereinbart« – und die können nach den Neuwagenverkaufsbedingungen vom Händler um sechs Wochen überschritten werden. Nach Ablauf kann der Kunde den Händler laut ADAC auffordern, das Fahrzeug zu liefern, dann gerät der Verkäufer in Verzug. Bei leichter Fahrlässigkeit des Händlers könne der Kunde jedoch höchstens fünf Prozent des vereinbarten Kaufpreises als Schadensersatz fordern, so der Jurist.

Will man darüber hinaus vom Vertrag zurücktreten oder Schadensersatz statt der Leistung verlangen, müsse der Kunde dem Händler nach Ablauf der sechs Wochen eine angemessene Nachfrist von rund zwei Wochen zur Lieferung setzen, am besten per Einschreiben mit Rückschein. Warum das Auto vom Händler nicht rechtzeitig geliefert werden kann, sei im Ergebnis erst einmal egal, erklärt Heimgärtner und schränkt ein: »Nachdem den Verkäufer in der Regel kein Verschulden an der Lieferverzögerung durch mangelnde Bauteile trifft, sieht es meist schlecht aus in Bezug auf Schadensersatz.«

Wirkt sich die Knappheit auf Rabatte aus?

Ja, und zwar positiv wie negativ. Eigentlich sinken durch den Chip-Engpass die Rabatte, da das Angebot knapp wird. Gleichzeitig ist der Markt aber sehr schwach. Das führt zu einer Zweiteilung, erklärt CAR-Experte Dudenhöffer. »Manche Hersteller wie VW und Audi geben kaum Rabatte, wahrscheinlich, weil sie China priorisieren. Dort machen sie hohe Margen, lange Lieferzeiten in Europa nimmt man dafür in Kauf.« Bei Opel, Ford, Fiat oder Peugeot steigen dagegen die Rabatte, auf den Fiat 500 gebe es beispielsweise Rabatte von 32 Prozent, sagt Dudenhöffer. Denn diese Marken seien in China kaum vertreten, so der CAR-Experte – und haben deshalb weiterhin »echten Verkaufsdruck«.

Wie bekommen Kunden ein Auto auf jeden Fall zügig?

Hier gibt es drei Optionen: Einen Wagen beim Händler vom Hof kaufen – dabei muss man aber nehmen, was man bekommt oder eventuell lange suchen. Am schnellsten bekomme man den Wunschneuwagen derzeit bei Anbietern von Autoabos, sagt Dudenhöffer, »die Lieferzeiten liegen hier bei zwölf bis 15 Wochen«. Denn die Fahrzeuge seien meist Lagerwagen oder schon vorab bestellt.

Als dritte Option bleiben junge Gebrauchtwagen – doch auch hier ist das Angebot laut Dudenhöffer knapp. Das liegt an der Coronakrise. »Der Geschäftsverkehr ruht, deshalb haben die Vermieter ihre Flotten radikal verkleinert«, erklärt Dudenhöffer. Dadurch kommen weniger junge Gebrauchte auf den Markt und das Angebot ist überschaubar. »Wir sind aber weit von einer Autoknappheit entfernt«, so Dudenhöffer.

Wie lange wird es dauern, bis genug Halbleiter zur Verfügung stehen?

Marktexperten schätzen, dass im ersten Halbjahr 2021 zwischen zwei und vier Millionen Autos wegen Halbleitermangels nicht gebaut werden können. Laith Altimime, Präsident des Halbleiterverbands Semi Europe, sagt, er sehe »eine Entspannung im Halbleitermarkt für die Autoindustrie ab dem vierten Quartal 2021 und dann im ersten Halbjahr 2022«. Dabei beruft er sich auf eine Analyse der Unternehmensberatung McKinsey aus dem März 2021.

Um solche Mangelsituationen künftig schneller entschärfen zu können – oder gar nicht erst entstehen zu lassen – favorisieren Manager, Politiker und Wissenschaftler den Aufbau einer europäischen Halbleiterproduktion. Das derzeit größte Halbleiterwerk in Europa ist die Anlage des US-Unternehmens Globalfoundries in Dresden. Bosch will bis Ende dieses Jahres ebenfalls eine Halbleiterfertigung in Dresden in Betrieb nehmen. Größter deutscher Halbleiterhersteller ist Infineon, gefolgt von Carl Zeiss SMT und Siltronic.

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