Studie zu Billig-Fahrdienst Clevershuttle schnappt Bussen und Bahnen viele Passagiere weg

Fahrdienste wie Clevershuttle wollen deutsche Innenstädte vom Straßenverkehr entlasten. Ob ihnen das gelingt, ist laut einer Studie äußerst zweifelhaft.
Ridepooling-Dienst Clevershuttle: Forscher haben Fahrgastdaten analysiert und Tausende Passagiere befragt

Ridepooling-Dienst Clevershuttle: Forscher haben Fahrgastdaten analysiert und Tausende Passagiere befragt

Foto: Finn Fredeweß/ Clevershuttle

Wie umweltfreundlich sind Ridesharingdienste wie Clevershuttle, Moia und Co.? Lassen die Nutzer tatsächlich ihr Auto öfter stehen oder schaffen es sogar ab?

Ernüchternde Antworten kommen vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Dessen Expertinnen und Experten haben Fahrgastdaten des Anbieters Clevershuttle in einer Langzeitstudie untersucht und mehr als 3500 Kunden befragt. Der Dienst nimmt demnach vor allem Bussen und Bahnen Fahrgäste weg.

Clevershuttle beförderte 2019 in Berlin, München, Leipzig und Dresden mehr als 1,8 Millionen Fahrgäste. Kunden buchen per App eine Fahrt in einem Sammeltaxi. Unterwegs nimmt es weitere Personen auf, die eine ähnliche Strecke haben.

Das Angebot soll Verkehrsteilnehmer dazu bewegen, den eigenen Pkw stehen zu lassen. Stadtplaner erhoffen sich davon weniger Autoverkehr in den Städten, zumal die Dienste deutlich günstiger sind als klassische Taxis.

Laut der Studie gab allerdings die Hälfte der Befragten an, sie hätten ohne das Ridepooling-Angebot Busse und Bahnen genutzt. Nur jeder Zehnte wäre stattdessen mit dem eigenen Pkw gefahren. Der Rest ließ beispielsweise das Fahrrad stehen oder hätte sich sonst gar nicht auf den Weg gemacht. Der gewünschte Effekt, Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen, tritt also kaum ein. Zudem teilen sich der Studie zufolge nur zu einem Drittel der Fahrzeit Passagiere eine Fahrt.

Die Forscher sehen in den Ergebnissen kein Problem, die Dienste ergänzten den Nahverkehr sinnvoll. "Ohne Tür-zu-Tür-Beförderung steigen ÖPNV-Nutzer irgendwann auf das Auto um", sagt Studienleiter Andreas Knie mit Blick auf die vergleichsweise jungen Clevershuttle-Nutzer. Da sei es schon besser, wenn sie die Elektroautos eines Ridesharing-Anbieters wählen.

Es werde "insgesamt attraktiver, in der Stadt ohne eigenen Pkw zu leben und mobil zu sein", sagt Co-Studienautorin Lisa Ruhrort. Immerhin könnten sich 45 Prozent der Befragten mit eigenem Pkw vorstellen, diesen abzuschaffen.

Flotten müssten sich verzehnfachen

Die Sharingdienste könnten den Prognosen der Forscher nach künftig bis zu 30 Prozent aller Pkw-Fahrten durch Ridepooling ersetzen. "Dafür müsste sich die Größe der Flotten in den Städten in etwa verzehnfachen", sagt Studienleiter Knie. In Berlin beispielsweise müsste die Clevershuttle-Flotte dafür von derzeit rund 150 auf 1500 Fahrzeuge ansteigen.

Allerdings sind die Studienergebnisse wohl nicht auf das gesamte Bundesgebiet übertragbar. "Das Problem ist, dass die Studie nur die Großstädte untersucht, in denen viele gar nicht auf das Auto angewiesen sind, weil es dort einen gut ausgebauten ÖPNV gibt", sagt Nahverkehrsexperte Philipp Kosok vom Verkehrsclub Deutschland (VCD).

Ridepooling-Dienste wären aber vor allem in suburbanen und ländlichen Räumen eine sinnvolle Alternative, um vom Wohnort zur nächsten Bahnstation und dann in die Stadt zu kommen. "Insbesondere Pendler, die für einen Großteil des innerstädtischen Verkehrs verantwortlich sind, könnten ihr Auto dann stehen lassen", meint Kosok. Daher müsse man das Potenzial solcher Fahrdienste nun außerhalb von Metropolen untersuchen.

Weniger Regulierungen für Ridesharing

WZB-Forscher Knie fordert, die Auflagen für die Anbieter zu lockern. Vor allem müssten sie von der sogenannten Rückkehrpflicht befreit werden. Bisher müssen die Fahrzeuge nach jedem ausgeführten Auftrag zurück an den Betriebssitz. Das verlängert Anfahrts- und Rückkehrwege ohne Fahrgäste.

Ob künftig mehr Menschen das eigene private Fahrzeug tatsächlich auf Dauer abschaffen, hängt laut den WZB-Forschern auch davon ab, ob Privatwagen weiter privilegiert werden, etwa indem sie kostenlos auf öffentlichen Flächen parken dürfen. Laut Knie bewegt sich etwas: "Die großen Städte sind gedanklich inzwischen sehr weit, was die Reduzierung des innerstädtischen Autoverkehrs betrifft".

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