Corona wirft Nahverkehr zurück Busse und Bahnen sind wieder die Verkehrsmittel der Armen

Wer gut verdient, meidet den Nahverkehr und steigt auf Auto oder Fahrrad um – nur Einkommensschwache nutzen Busse und Bahnen laut einer Studie noch nennenswert. Die Schäden am System könnten demnach bleibend sein.
Öffentliche Verkehrsmittel sind einer Studie zufolge nur noch bei einer Gruppe relevant: Denjenigen, die sich keine Alternative leisten können (Symbolbild)

Öffentliche Verkehrsmittel sind einer Studie zufolge nur noch bei einer Gruppe relevant: Denjenigen, die sich keine Alternative leisten können (Symbolbild)

Foto: Arne Dedert / dpa

Die Corona-Pandemie hat die Alltagsmobilität der Menschen in Deutschland stark verändert. Viele mieden plötzlich Busse und Bahnen und stiegen aufs Rad, ins Auto oder gingen zu Fuß. Eine Studie zeigt nun, dass dieser Trend sich im Herbst fortgesetzt hat. Die Manager im öffentlichen Nahverkehr sollten sich deshalb auch in Zukunft auf Probleme einstellen.

Dies geht aus der Studie zur Mobilität in Zeiten von Corona des Sozialforschungsinstituts Infas und des Wissenschaftszentrums Berlin hervor, deren Ergebnisse dem SPIEGEL vorliegen. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Untersuchung stützt sich auf eine repräsentative Befragung, Interviews sowie Trackingdaten einer App.

Die Ergebnisse offenbaren nicht nur, dass die Deutschen insgesamt weniger unterwegs sind. Besonders hervor tritt die gravierende Lage des öffentlichen Nahverkehrs.

Vor allem Geringverdiener nutzen weiterhin den Nahverkehr

So stellten die Forscher einen generellen Bedeutungsverlust des öffentlichen Verkehrs (ÖV) fest, obwohl sich der Schulbetrieb im Oktober normalisiert hatte. »Momentan nutzen nur Menschen den ÖV, die keine Alternative haben«, sagt Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. Er meint also vor allem die, die nicht von zu Hause aus arbeiten können, keinen Führerschein oder Fahrzeug besitzen und ein eher geringes Einkommen haben.

  • Der Studie zufolge beträgt der Anteil des öffentlichen Verkehrs an allen zurückgelegten Wegen (Modal Split) bei Personen mit einem Nettoeinkommen bis 1300 Euro 15 Prozent.

  • Bei Personen mit einem Einkommen über 2200 Euro im Monat liegt dieser Wert dagegen bei kümmerlichen drei Prozent. Die Tendenz, dass arme Menschen derart überproportional ÖPNV fahren, sei vor Corona nicht so stark ausgeprägt gewesen, sagt Knie.

  • Frühere ÖPNV-Kunden blieben jetzt öfter zu Hause oder stiegen um. Von denjenigen, die im Homeoffice arbeiten, wechselte knapp die Hälfte für die verbleibenden Wege aufs Fahrrad als Hauptverkehrsmittel, 24 Prozent auf das Auto.

  • Die Zahl der Menschen, die nie den öffentlichen Nahverkehr nutzt, stieg von 48 Prozent im Mai auf 52 Prozent im Oktober. Im Fernverkehr lag dieser Wert noch höher, rund 67 Prozent der Menschen benutzten ihn im Oktober in keinem Fall. Im Mai betrug dieser Wert noch 58 Prozent.

»Der öffentliche Verkehr bleibt auch im Herbst der Corona-Verlierer«, folgert Andreas Knie. Den Betreibern fehlen damit auch Ticketeinnahmen – das dürfte im nächsten Jahr so bleiben.

So rechnet der Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) für das Jahr 2021 trotz einer langsamen Erholung mit Einnahmeverlusten von rund 3,5 Milliarden Euro durch die Corona-Pandemie. Beim VDV geht man außerdem davon aus, dass angesichts der gestiegenen Infektionszahlen im November und Dezember nur etwa 50 bis 60 Prozent der sonst üblichen Fahrgäste mit Bus und Bahn unterwegs sind. Zuvor war die Nachfrage ab Juni gestiegen und hatte im September immerhin 80 Prozent des Niveaus von vor der Pandemie erreicht.

Langfristiger Bedeutungsverlust des Nahverkehrs droht

Es müsse aber kritisch hinterfragt werden, ob der öffentliche Verkehr die von zu Hause arbeitenden oder umgestiegenen Fahrgäste mit seinen bislang unveränderten Angeboten überhaupt zurückgewinnen könne, argumentieren die Forscher. »Öffentliche Verkehrsmittel fallen als Hauptträger der Verkehrswende aus«, warnt Mobilitätsforscher Knie.

Sofern sie sich nicht neu erfinden und stärker an den Bedürfnissen der Nutzer ausrichten, sei die Idee vom ÖV als Rückgrat der Verkehrswende ausgeträumt, so der Wissenschaftler. Wer ein Auto habe, würde den ÖV dennoch nutzen, wenn es digitale, einfach buchbare Tickets für den gesamten Weg von Tür zu Tür gäbe – »die gibt es bisher aber nicht«, so Knie.

Verlieren die öffentlichen Verkehrsmittel dauerhaft an Bedeutung, hätte das erhebliche Folgen für den Klimaschutz. Alle Szenarien, in denen die Pariser Klimaziele erreicht werden können, setzen den Forschern zufolge voraus, dass sich der Anteil von Bussen und Bahnen am Verkehr verdoppelt.

»Gleichzeitig wird das Pendeln zurückgehen, künftig finden nur 80 Prozent der arbeitsbezogenen Wege statt«, prognostiziert Mobilitätsforscher Knie. Die Politik müsse deshalb zwei Probleme angehen: »Fuß- und Radverkehr brauchen mehr Platz und der öffentliche Nahverkehr muss zur Modernisierung gezwungen werden«, so Knie. Ansonsten könne er die Fahrgäste, die er durch den Trend zum Homeoffice verloren habe, niemals zurückgewinnen – zum Beispiel für Fahrten in der Freizeit.

Das wäre extrem wichtig, so arbeiteten 19 Prozent der erwerbstätigen Befragten im Oktober überwiegend oder vollständig aus den eigenen vier Wänden. Diese Gruppe machte sich im Schnitt nur an 1,7 Tagen pro Woche auf den Weg zur eigentlichen Arbeitsstätte. Gleichzeitig kamen die Forscher zu dem Schluss, dass Menschen nun gewohnheitsmäßiger Wege einsparen, während der eigene Pkw wichtiger wird:

  • Das Auto blieb demnach das beliebteste Verkehrsmittel, es wurde bundesweit für die meisten Wege genutzt.

  • Im Vergleich zu Mai 2020 gingen der Fahrradverkehr um fünf Prozentpunkte auf neun Prozent zurück und der Fußverkehr um zwei Prozentpunkte auf 22 Prozent.

  • Davon profitierte der ÖPNV mit einem Zuwachs von zwei Prozentpunkten auf acht Prozent leicht, vor allem aber das Auto. So stieg der Anteil der Autofahrten im Modal Split im Vergleich zum Mai von 48 auf 55 Prozent.

Eine Hoffnung gibt es für ÖPNV-Verantwortliche laut Mobilitätsforscher Knie: So blieb eine erhöhte Nachfrage nach Autos im Zuge von Corona aus. Lediglich ein Prozent der Befragten gab im Oktober an, die Anschaffung eines – oder eines zusätzlichen – Pkw zu erwägen. »Wer ein Auto hat, fährt auch damit«, so Knie. »Aber niemand kauft wegen Corona ein neues Auto.«

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