Helden des Corona-Alltags Hsain Fettat, 58, liefert älteren Menschen kostenlos die Einkäufe nach Hause

Das öffentliche Leben steht still, doch einige Menschen halten die Gesellschaft am Laufen. Hier kommen sie zu Wort.
Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Emil Nefzger
Taxiunternehmer Hsain Fettat nutzt eines seiner Autos, um älteren Menschen die Einkäufe kostenlos zu liefern

Taxiunternehmer Hsain Fettat nutzt eines seiner Autos, um älteren Menschen die Einkäufe kostenlos zu liefern

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Hsain Fettat

Mit New York lässt sich die Präsenz von Taxen im Straßenbild deutscher Großstädte zwar nicht ganz vergleichen, doch auch hierzulande prägen die Fahrzeuge die Verkehrswege in den Innenstädten. Normalerweise jedenfalls. Rund 50.000 der meist im charakteristischen hellelfenbein lackierten Fahrzeuge bieten in ganz Deutschland Fahrten an. Doch durch das Coronavirus bleiben die Aufträge aus. Nach Angaben  von Michael Oppermann, Geschäftsführer des Bundesverbands Taxi und Mietwagen, kämpft die Branche mit Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent in Großstädten.

Auf dem Land gehen Taxifahrern demnach immerhin rund 65 Prozent des Umsatzes verloren. Vor allem vielen kleinen Taxiunternehmen fehlen die finanziellen Reserven, um eine längere Krise zu überbrücken.

Hsain Fettat, 58, betreibt das Unternehmen "Maintaler Taxi & Mietwagen" im hessischen Maintal:

"Vor Corona haben wir mit unseren beiden Taxen und zwei Mietwagen unter der Woche 25 bis 50 Fahrten pro Tag durchgeführt, mit den Mietwagen machen wir vor allem Schulbeförderung und Krankenfahrten für Dialyse- und Bestrahlungspatienten. Wir hatten eigentlich immer gut zu tun. Mit Beginn der Coronakrise ist das Geschäft total eingebrochen. So geht es wahrscheinlich allen Taxiunternehmen, denn niemand muss mehr zum Flughafen oder geht Abends feiern. Wir stehen natürlich weiterhin für alle Fahrten auf Abruf bereit, aber die wenigen Aufträge, die es gerade noch gibt, reichen nicht aus, um nennenswert Geld zu verdienen.

Ich wollte aber trotzdem am Ball bleiben, vor allem weil ich viele ältere Stammkunden habe. Mir kam dann spontan die Idee, diesen älteren oder mitunter auch sehr kranken Leuten hier im Ort unter die Arme zu greifen. Seitdem nutze ich einen der Mietwagen, indem ich für sie einkaufen gehe und die Lebensmittel gratis nach Hause liefere. Denn gerade für sie ist es besser, zu Hause zu bleiben. Mittlerweile erledige ich für vier bis fünf Leute am Tag die Einkäufe.

Die meisten Menschen rufen einen Tag vorher an und geben ihre Einkaufsliste durch, meist ganz normale Besorgungen von Lebensmitteln bis zu Hygieneartikeln. Ich fahre dann am nächsten Tag in die Supermärkte und mache die Großeinkäufe. Da bin ich insgesamt drei bis vier Stunden unterwegs. Inzwischen listen die Kunden ihre Wunschartikel nach den Positionen im Supermarktregal auf, das hilft mir total. Dadurch schaffe ich auch in den verschiedenen Supermärkten die Einkäufe relativ schnell.

Natürlich habe auch ich Angst, mich beim Einkaufen anzustecken und will mich selbst, aber auch meine Kunden schützen. Ein paar Minuten bevor ich die Einkäufe abliefere, rufe ich deshalb bei den Leuten an, dann legen sie das Geld vor die Tür, ich lasse die Lebensmittel da und gehe wieder. Einige lassen die Tür mit ausreichend Abstand offen und bedanken sich, so kann man wenigstens noch ein bisschen plaudern. Denn dafür sind wir Taxifahrer ja sonst auch da.

Ältere Menschen sind in der Krise besonders einsam. Vor Kurzem rief eine Dame, die sonst immer zur gleichen Zeit ihre Einkäufe durchgibt, plötzlich an. Sie hat sich für die Einkäufe bedankt, aber gesagt, dass sie auch einfach gern mal wieder raus möchte. Das kann ich gut nachvollziehen, mir fehlen die sozialen Kontakte genauso wie meinen älteren Kunden. Taxifahren macht mir Spaß, denn man hat immer mit Menschen zu tun und erlebt jeden Tag etwas Neues. Jeder Fahrgast ist anders. Das fehlt mir momentan sehr."

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