Ansteckungsgefahr im ÖPNV Abstand halten - nur hier nicht

Der ÖPNV hat sein Angebot massiv reduziert, das Ergebnis sind volle Züge und Busse. Sanktionen drohen den Verkehrsunternehmen wegen des erhöhten Ansteckungsrisikos nicht - anderen Betrieben schon.
Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG (Bogestra) macht an einer Bushaltestelle mit einem Aushang auf die Fahrplananpassung aufmerksam

Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG (Bogestra) macht an einer Bushaltestelle mit einem Aushang auf die Fahrplananpassung aufmerksam

Foto: Bernd Thissen/ DPA

Der Facebook-Post, den Steffi Hanis* vor einigen Tagen auf der Seite der Verkehrsgemeinschaft Osnabrück (VOS) hinterließ, klang verzweifelt: Sie wisse nicht, wie sie ab Dienstag zur Arbeit komme. Bei ihr fahre nun morgens gar kein Bus mehr, schrieb die Osnabrückerin, die in einer Klinik arbeitet; ihr Profilbild ist mit dem Spruch "Ich arbeite für euch! Bleibt gesund" unterlegt. Zuvor hatte die Verkehrsgemeinschaft zwar jenen, "die derzeit systemrelevante Aufgaben für uns alle übernehmen" bei Facebook in Versalien "DANKE" gesagt - zugleich gab man jedoch bekannt, dass ab Montag ein Notfahrplan gelte. Zwischen 21.30 Uhr und 5 Uhr fahren seither gar keine Busse mehr, die restliche Zeit nur alle 70 Minuten.

Bereits zuvor hatte die VOS mit den Worten, man passe die "Corona-Schutzmaßnahmen an", den Stadtverkehr ausgedünnt. Eine Vielzahl an Kunden klagte deshalb in den vergangenen Tagen, sie kämen nun gar nicht mehr oder deutlich zu spät zur Arbeit. Zudem machten in den sozialen Medien und in der Lokalzeitung "Hasepost" zahlreiche Fahrgäste ihrem Ärger über überfüllte Busse Luft. Ein Leser fragte, wie "dicht an dicht” stehende Fahrgäste zum mittlerweile bundesweit geltenden weitgehenden Kontaktverbot passten. Der Aufruf der Verkehrsbetriebe, Abstand zu halten, dürfte den Groll mancher Fahrgäste nicht gemildert haben.

Gegenüber dem SPIEGEL wirbt ein VOS-Sprecher um Verständnis für die Maßnahmen: "Unser oberstes Ziel ist es, den ÖPNV in Osnabrück so lange und soweit wie möglich aufrechterhalten zu können." Man habe "angesichts der sehr angespannten Personalsituation" auf einen Notfallplan umstellen müssen. Gut ein Drittel der Fahrer habe sich krank gemeldet, sie würden nun etwa als Vorsichtsmaßnahme auch zu Hause bleiben, wenn sie Halsweh hätten. Man habe bereits vor der Coronakrise keine Reserven gehabt. Die VOS bessere das aktuelle Angebot jedoch nach, wenn etwa der Bedarf der Beschäftigten im medizinischen Bereich dies erfordere.

Das Problem ist kein Einzelfall, auch in zahlreichen anderen Städten klagten Pendler, der nötige Abstand von eineinhalb Metern sei im ÖPNV zum Teil nicht einzuhalten. Zwar gehen die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) nach aufgrund der verhängten Einschränkungen je nach Region um 50 bis 80 Prozent zurück. Doch im Berufsverkehr waren die Rückgänge offenbar mitunter deutlich geringer – die Einsparungen dafür aber umso heftiger. Viele Betriebe stellten ganz oder in weiten Teilen auf samstags, sonntags oder Ferienpläne um.

Der ÖPNV - in Corona-Zeiten ein teilweise rechtsfreier Raum

Zahlreiche vom SPIEGEL befragte Verkehrsbetriebe quer durch die Republik räumen offen ein, dass es in den vergangenen Tagen in ihren Tarifgebieten überfüllte Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen oder S-Bahnen gab und vielerorts auch noch immer gibt. Und das, obwohl bundesweit zur Corona-Eindämmung ein striktes Kontaktverbot gilt. Im Kampf gegen die Pandemie haben Bund und Länder Grundrechte massiv beschnitten und etwa in NRW Bußgeldkataloge mit empfindlichen Strafen eingeführt. Doch ausgerechnet im staatlich beauftragten öffentlichen Nahverkehr haben Pendler oftmals keine Möglichkeit, sich daran zu halten. Auch Mitarbeiter systemrelevanter Arbeitgeber wie Pflegeeinrichtungen oder Logistikunternehmen sind betroffen.

So waren im Raum Ludwigshafen, Heidelberg und Mannheim während der Stoßzeiten im Berufsverkehr auf zahlreichen Linien zum Teil übervolle Busse und Bahnen unterwegs. Das räumt auch der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (RNV) offen ein. Auch aktuell könnten "die angebrachten Abstände in Bussen und Bahnen teilweise nicht eingehalten werden", so ein Sprecher. Man habe "aufgrund der Empfehlungen des Landes, den ÖPNV deutlich zu reduzieren, mit heißer Nadel einen Sonderfahrplan gestrickt".

Der weitgehende Sonntagsfahrplan sorgte für Unmut. Mitarbeiter klagten über teils überfüllte Busse zum Amazon-Versandzentrum Frankenthal. Ein RNV-Sprecher bestätigt gegenüber dem SPIEGEL, dass ab Montag Busse auf dieser Strecke sehr voll gewesen seien. Mittlerweile fahren dort aber wieder mehr Fahrzeuge. Auch anderswo justiere man nach.

Im Zweifelsfall "auf die Fahrt verzichten"

Auch Pendler an der Mecklenburgischen Seenplatte müssen mit einem Sonntagsfahrplan auskommen. Mancherorts waren die vereinzelten Busse im Berufsverkehr deshalb zu voll, um Abstand zu halten. Der Landkreis empfiehlt in solchen Fällen "auf die Fahrt zu verzichten".

Nach SPIEGEL-Recherchen sind es jedoch vor allem Großstädte und größere Städte, in denen die Umstellung auf Notfahrpläne im Berufsverkehr teils viel zu volle Bahnen und Busse zur Folge hat. Und auch Lukas Iffländer, stellvertretender Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn, sagt: "Aus beinahe sämtlichen Ballungsräumen haben wir Berichte von überfüllten Bussen und Bahnen."

In Städten wie Essen stellte die Ruhrbahn vor 8 Uhr zunächst auf einen 30-Minuten-Takt um. Iffländer moniert vor allem den auf den allermeisten S-Bahnen in Nordrhein-Westfalen geltenden Stundentakt. In Bremen bestätigt die BSAG, dass es zunächst sehr viele Beschwerden über zu volle Bahnen gegeben habe – mittlerweile soll sich die Situation jedoch verbessert haben, ebenso in Hannover. In Stuttgart reduzierten die Verkehrsbetriebe sowohl die Zahl der S-Bahnen als auch der Straßenbahnen zuletzt massiv. Am Dienstag waren deshalb manche Stadtbahnen im Berufsverkehr viel zu voll. Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) war nach eigener Aussage entsetzt und intervenierte. Das Angebot bei den Straßenbahnen wurde seither wieder aufgestockt.

Keine "warme Luft durch die Gegend fahren"

Manche Verkehrsbetriebe wie im Raum Stuttgart verweisen auf täglich steigende Kranken- und Quarantänezahlen – deshalb fehlten Fahrer. Wieder andere wie die Berliner BVG argumentieren, dass der Krankenstand zwar noch nicht höher sei als in einer normalen Grippesaison. "Aber wir müssen Vorsorge treffen für die kommende Woche", sagt eine BVG-Sprecherin. Die Kunden stellt dies vor Herausforderungen. Auf manchen Linien werden nun zwar wieder mehr Fahrzeuge eingesetzt. Man wolle aber keine "warme Luft durch die Gegend fahren". 

Doch es gibt auch Städte, die einen anderen Weg gehen. Während die Bahn im Auftrag des Freistaats ihr S-Bahnangebot in München ausgedünnt hat, fahren die städtischen U- und Straßenbahnen sowie Busse beinahe wie immer. "Wir wollen möglichst leere Bahnen", sagt ein MVG-Sprecher. So will man das Ansteckungsrisiko minimieren.

Bei Pro Bahn geht man davon aus, dass es Anbieter gebe, die Corona schlicht auch als Vorwand nutzten, um jetzt ihr Angebot auszudünnen. Der Verband der Verkerhrsunternehmen glaubt das nicht, verweist unter anderem auf die enge Personaldecke in vielen Bus- und Bahnwerkstätten.

Imbissbuden drohen härtere Sanktionen als Verkehrsbetrieben

Ein Teil der in die Kritik geratenen Betriebe hat nun nachgebessert, andere bleiben stur. Das Angebot so weit zurückzufahren, sei in Zeiten von Corona "verantwortungslos", findet Iffländer. Vor allem die Umstellung auf Wochenendpläne sei "vollkommen absurd". Denn gerade der Berufsverkehr werde ja von allen Menschen, die eben nicht einfach Homeoffice nehmen könnten, gebraucht – allen voran von systemrelevanten Gruppen wie Krankenschwestern.

Überfüllte Züge könnten womöglich bald auch auf Pendlerstrecken im Fernverkehr drohen. Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft der Lokführer (GdL), fordert, die Kapazitäten angesichts der niedrigen Auslastung auf 50 Prozent runterzufahren. Derzeit fahren laut Bahn noch 75 bis 80 Prozent der Züge. Die Bahn teilt die GdL-Einschätzungen dagegen nicht, setzt lieber auf ein schonendes Zurückfahren.

Sanktionen müssen Verkehrsunternehmen bei Überfüllung übrigens nicht fürchten. Das ergaben Anfragen des SPIEGEL bei zahlreichen Landesministerien. Mehrere Länder wie Bayern, Berlin oder Mecklenburg-Vorpommern sehen hierzu derzeit keine Notwendigkeit. Ein Sprecher des niedersächsischen Verkehrsministeriums verweist darauf, dass die Pflicht, den Mindestabstand einzuhalten, bei den Fahrgästen liege. Doch er sagt auch: "Soweit eine Einhaltung in Bussen und Zügen im Einzelfall nicht möglich sein sollte, liegt kein Verstoß vor."

Imbissbuden stehen vielerorts unter größerem Sanktionsdruck. Verkaufen sie in NRW Essen zum Mitnehmen, das innerhalb eines Radius von 50 Metern verzehrt wird, drohen dem Wirt saftige Geldbußen.

*Name von der Redaktion geändert

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