Debatte über Umstellung Warum Autohersteller keine Beatmungsgeräte produzieren können

Politiker verlangen von Autoherstellern, in den vorübergehend stillgelegten Fabriken möglichst rasch zum Beispiel Beatmungsgeräte herzustellen. Dabei wären andere Branchen viel besser geeignet.
Beatmungsgerät neben einem Krankenhausbett: Mit solchen Apparaten kann die Atmung von schwer erkrankten Corona-Patienten aufrechterhalten werden

Beatmungsgerät neben einem Krankenhausbett: Mit solchen Apparaten kann die Atmung von schwer erkrankten Corona-Patienten aufrechterhalten werden

Foto: Roland Weihrauch/ dpa

Die Sache mit den Atemmasken war noch einfach. Schon vor gut einer Woche stellten die Autohersteller VW, Mercedes, Audi und BMW insgesamt mehrere Hunderttausend Atemmasken für die Nutzung in Krankenhäusern zur Verfügung. Seit die Autoproduktion ruht, sind auch die Lackieranlagen der großen Werke abgeschaltet - Atemmasken werden dort also vorerst nicht mehr gebraucht. Sie können an Krankenhäuser abgegeben werden.

Weitaus schwieriger dürfte es jedoch sein, die Autoindustrie für die Herstellung von Beatmungsgeräten heranzuziehen. Hunderttausende dieser Geräte fehlen weltweit in Kliniken. Sie werden aber in der Corona-Pandemie dringend benötigt, wenn schwer an Covid-19 erkrankte Patienten künstlich beatmet werden müssen. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson etwa, inzwischen selbst mit dem Coronavirus infiziert, forderte vor einer Woche, Airbus oder Rolls-Royce sollten möglichst unverzüglich die Produktion von Beatmungsgeräten aufnehmen.

Ein Auto ist kein Beatmungsgerät

BMW, der Mutterkonzern von Rolls-Royce, teilte mit, man sei "selbstverständlich bereit, zu unterstützen, wo wir können". Genau das ist jedoch die Frage: Können Autohersteller ihre Fertigung überhaupt auf Beatmungsgeräte umstellen? "Die Automobilproduktion eines OEM hat technologisch nur sehr entfernt mit der Herstellung von Beatmungsgeräten zu tun", sagt Rolf Janssen, Automobil- und Produktionsexperte der Unternehmensberatung Roland Berger. "Zudem dauert der Umbau einer Produktionslinie, auf der bisher Autos gefertigt wurden, mindestens sechs Monate." Die Hoffnung, dass auf die Schnelle Beatmungsgeräte in großer Zahl von jenen Bändern laufen, auf denen noch bis vor Kurzem VW Golf, BWM 5er oder Porsche Macan montiert wurden, läuft also ins Leere.

Möglich sei hingegen, erklärt Janssen, die Fertigung bestimmter Einzelteile, die für eine neue Maschine oder aufgrund des Abrisses von Lieferketten in der Medizinbranche fehlten. In solchen Fällen könne die Autoindustrie eventuell helfen. "Jedoch sind es nicht die Produktionslinien der Fahrzeugwerke, sondern vielmehr Bereiche wie der Prototypenbau, der Aggregatebau oder die Motorsportabteilung, in denen es sowohl qualifiziertes Personal als auch die nötige Ausstattung wie etwa CNC-Maschinen gibt. Solche Voraussetzungen bieten im Übrigen auch zahlreiche Zulieferer." Autofirmen würden dann in die Rolle von Ersatzzulieferern der Medizingerätehersteller schlüpfen.

Formel-1-Teams unterstützen Medizinbranche

Es gibt bereits Beispiele für eine derartige Unterstützung. Die Formel-1-Manufakturen von McLaren, Mercedes-AMG und Williams in Großbritannien arbeiten bereits im Projekt "Ventilator Challenge UK" (frei übersetzt: Beatmungsgeräte-Initiative Großbritannien) mit, ebenso der Luxusautohersteller Rolls-Royce. Es geht dabei bislang um konkrete Einzelfallhilfen für Firmen, die Beatmungsgeräte herstellen, etwa durch Werkzeugbau oder die Hilfe bei der Beschaffung von Rohteilen und Materialien. In Italien gibt es ähnliche Ansätze. Beispielsweise prüft die Firma Siare Engineering, die Beatmungs- und Wiederbelebungsgeräte herstellt, derzeit eine mögliche Kooperation mit Fiat Chrysler, Ferrari sowie dem Zulieferer Marelli.

Auch Hildegard Müller, die Präsidentin des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA), teilte vor wenigen Tagen mit, es lägen "verschiedene Anfragen vor, inwieweit Mitgliedsunternehmen einen weitergehenden Beitrag zur Produktion von medizinischen Geräten und Atemmasken leisten könnten." Fragt man bei den hiesigen Autounternehmen nach, hört man unisono, dass man die hauseigenen 3D-Drucker für die Herstellung dringend benötigter Teile zur Verfügung stellen könne.

"Ich bin da eher skeptisch", sagt Produktionsexperte Janssen. "Rein technisch ist das möglich, doch dies sind Spezialmaschinen für besondere Anwendungen abseits der Serienproduktion, die nicht auf hohe Stückzahlen ausgelegt sind. Dazu kommen noch die erforderlichen Zertifizierungen und Prüfungen, um anforderungskonform zu produzieren."

Womöglich ist das Grundproblem ohnehin ein anderes. Die Autoindustrie ist mit ihren Werksschließungen, die europaweit mehrere Hunderttausend Werker betreffen, gegenwärtig sehr präsent. Aber macht sie das zum besten Adressaten für Hilfsanfragen von Medizingeräteherstellern? Janssen sagt: "Es überrascht mich, dass vor allem an Autohersteller gedacht wird, wenn es um medizinisches Gerät geht. Denn es gibt andere Industrien, die eher infrage kämen, etwa Haushaltsgerätehersteller, Werkzeugmaschinenhersteller oder feinmechanische Betriebe."

Atemmasken statt Dämmstoffmatten

Dennoch gibt es inzwischen diverse Beispiele, wie auch die Autobranche krisenkonform helfen kann.

  • Das Unternehmen DFA aus Bielefeld, normalerweise ein Lieferant für Akustikdämmstoffe für VW, Audi, BMW und Mercedes, stellte seine Produktion von Mikrofaservlies aus Polypropylen so um, dass daraus Atemschutzmasken hergestellt werden. Der Ausstoß pro Stunde, so das Unternehmen, solle in Kürze auf 6000 Masken hochgefahren werden.

  • Die Firma Zettl aus dem Landkreis Landshut näht seit einigen Tagen auf ihren Anlagen keine Sitzbezüge mehr, sondern fertigt dort jetzt ebenfalls Atemschutzmasken.

  • Der Zulieferer ZF schaffte eigens eine Maschine an, um Atemschutzmasken zu produzieren. Allerdings werden die meisten der pro Tag rund 100.000 gefertigten Einheiten von ZF selbst benötigt. Denn in den chinesischen Produktionsstätten des Konzerns durfte die Arbeit wieder aufgenommen werden - unter der Auflage, dass alle Beschäftigten Schutzmasken tragen und diese alle vier Stunden wechseln.

Produktionsexperte Janssen empfiehlt der Autoindustrie, in der aktuellen Krise möglichst unkompliziert und zielführend zu helfen: Etwa mit Personal aus den Betriebskrankenstationen, durch die Versorgung von Krankenhäusern aus den Betriebskantinen oder durch aktuell nicht benötigte Logistikkapazitäten für die allgemeine Versorgung. "Denn womöglich werden die Kapazitäten der Autoindustrie schon bald wieder für den Produktionshochlauf benötigt."

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