Jens Müller

Corona-Lockerungen Vier Strategien gegen eine Rückkehr der Luftverschmutzung

Jens Müller
Ein Gastbeitrag von Jens Müller
Ein Gastbeitrag von Jens Müller
Nach dem Ende von Lockdown und Ausgangsbeschränkungen droht Europas Städten mehr Autoverkehr. Dabei stehen den Bürgermeistern einfache Mittel zur Verfügung, um einen sauberen Neustart hinzulegen.
Im eigenen Auto ohne Kontakt mit anderen ans Ziel: Diese Logik könnte am Ende von Lockdown und Ausgangsbeschränkungen zu vollen Straßen führen, wie hier auf dem Berliner Kaiserdamm. Bewährte Strategien könnten das verhindern

Im eigenen Auto ohne Kontakt mit anderen ans Ziel: Diese Logik könnte am Ende von Lockdown und Ausgangsbeschränkungen zu vollen Straßen führen, wie hier auf dem Berliner Kaiserdamm. Bewährte Strategien könnten das verhindern

Foto: Michael Kappeler/ DPA

Während Behörden in ganz Europa eine schrittweise Aufhebung des durch die Corona-Pandemie bedingten Lockdowns vorbereiten, stehen sie zugleich vor wegweisenden Entscheidungen über die künftige Mobilität in unseren Städten. Die Beschlüsse der kommenden Wochen werden darüber bestimmen, wie gesund, resilient und lebenswert unsere Städte in Zukunft sein werden.

Ohne entschlossenes Vorgehen bliebe der jüngste Rückgang der Luftverschmutzung  leider nicht mehr als eine vorübergehende frische Brise, an deren Stelle schnell wieder giftige Abgase treten, wie es bereits in China zu beobachten ist . Dort steigen viele Menschen auf Privatfahrzeuge um  und meiden öffentliche Verkehrsmittel. Dieser Umstand ist besonders besorgniserregend, da immer mehr Anzeichen dafür sprechen , dass die Luftverschmutzung uns anfälliger für die Auswirkungen des Coronavirus macht.

Bürgermeister müssen das Rad nicht neu erfinden

Aber jede Krise birgt auch eine Chance. Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen bei einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben eher  bereit sind, neue Mobilitätsgewohnheiten anzunehmen. Städte auf der ganzen Welt haben verstanden, dass es jetzt an der Zeit ist, auf saubere Mobilität umzuschwenken. Sie haben teilweise bereits damit begonnen, den öffentlichen Raum neu zu gestalten .

Glücklicherweise muss dabei kein Bürgermeister das Rad neu erfinden. Gerade in den Niederlanden finden sich eine Vielzahl inspirierender Beispiele, die bis zur Ölkrise in den Siebzigerjahren zurückreichen. Damals begannen niederländische Verkehrsplaner, Städte komplett umzugestalten - und heute zählen viele Städte in unserem Nachbarland zu den lebenswertesten  weltweit.

Vier bewährte Strategien für bessere Luft

Mindestens vier Strategien haben sich bis heute bewährt, um eine Rückkehr der massiven Luftverschmutzung zu verhindern. Gleichzeitig helfen sie, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken und unsere Wirtschaft auf eine emissionsfreie Zukunft - wie sie der europäische  Green Deal  anstrebt - vorzubereiten.

Erstens muss der öffentliche Raum in Städten neu verteilt werden. Nicht nur, um die durch den Coronavirus gebotene "räumliche Distanzierung" zu erleichtern, sondern auch, um Platz für einen saubereren Mobilitätsmix zu schaffen. Wie die Untersuchung  einer französischen Regierungsbehörde vergangenes Jahr zeigte, ist für eine schnelle Verbesserung der Luftqualität die Beschränkung des Autoverkehrs unumgänglich.

Eine Reihe europäischer Städte ist bereits in diese Richtung unterwegs. Berlin richtet neue "Pop-up-Radwege" ein, der Großraum Paris wird 300 Millionen Euro  in den Bau eines 680 Kilometer langen Radwegenetzes investieren und das polnische Krakau plant den Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur sowie eine Verbreiterung der Bürgersteige .

Innenstädte als Freiluft-Cafés

Die litauische Hauptstadt Vilnius wird ihr Zentrum zu einem riesigen Freiluft-Café  umfunktionieren, und Brüssel gibt Fußgängern und Radfahrern im Zentrum  Vorfahrt und schafft 40 Kilometer neue Radwege. London wiederum plant  eine Verzehnfachung des Radverkehrs und Dublin hat damit begonnen, Parkbuchten vorübergehend abzuschaffen , um Radwege sicherer zu machen und der "räumlichen Distanzierung" Rechnung zu tragen. 

Zweitens wird diese Umgestaltung des öffentlichen Raumes nur dann funktionieren, wenn der öffentliche Verkehr ausgebaut wird - was wiederum nachweislich  die Luftqualität verbessert. Genau das könnte sich jedoch als schwieriger denn je erweisen, da sich die Branche aktuell in einer kritischen Lage  befindet. Die Fahrgastzahlen sind während des Lockdowns um bis zu 90  Prozent zurückgegangen,  und Verkehrsexperten erwarten, dass die Pandemie im schlimmsten Fall bis 2023 zu einem Nutzungsrückgang um bis zu 50 Prozent führen könnte .

Mehr Investitionen in den öffentlichen Verkehr sind daher unverzichtbar als Teil der Antwort auf die aktuelle Krise. Außerdem sind Sofortmaßnahmen erforderlich und werden teils bereits eingeführt , wie etwa die Tiefenreinigung der Fahrzeuge oder die Bereitstellung von Desinfektionsmittel-Spendern für die Fahrgäste.

Elektrobusse kommen bei Fahrgästen gut an

Zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und zur Wiederbelebung des öffentlichen Personenverkehrs ist es zudem an der Zeit, die Zahl der Elektrobusse massiv zu steigern. Hier sollte der Leitspruch "modern, sauber und sicher" gelten. So zeigen zum Beispiel  die Erfahrungen aus Paris, dass 93 Prozent der Busnutzer elektrische Fahrzeuge als Zeichen des Bemühens um zufriedene Fahrgäste sehen.

Parallel dazu können Lösungen für den digitalen Fahrkartenverkauf dazu beitragen, die Zahl der physischen Kontaktstellen zu reduzieren und Echtzeitinformationen bereitzustellen. Auch erforderlich sind flexiblere Arbeits- und Schulzeiten, um Gedränge in Bahnen oder Bussen in den Spitzenzeiten zu vermeiden. Neue Gewohnheiten, wie die Arbeit von zu Hause, sollten - wo immer möglich - beibehalten werden, um den Bedarf an täglichen Fahrten zum Arbeitsplatz zu verringern.

Wir haben die Instrumente für Null-Emissionen

Drittens ist es an der Zeit, klimaschädliche Fahrzeuge von den Straßen zu holen. In einem ersten Schritt haben sich Umweltzonen als wirkungsvoll  erwiesen, um die Nutzung schadstoffärmerer Fahrzeuge zu beschleunigen und die Luftverschmutzung zu senken. Die Zahlen aus London , Madrid  und Paris  zeigen, dass die Konzentration von Stickstoffdioxid (NO2) rasch um bis zu ein Drittel gesenkt werden kann. Doch in der gegenwärtigen Krise haben mehrere Städte, darunter Brüssel , Mailand  und London , beschlossen, bestehende Maßnahmen auszusetzen oder neue aufzuschieben .

Dadurch soll den Beschäftigten im Gesundheitswesen geholfen und die Lieferung essenzieller Waren sichergestellt werden. Derartige Entscheidungen sind als vorübergehende Notfallmaßnahmen sicher gerechtfertigt, aber die bewährten Instrumente für sauberere Luft sollten so schnell wie möglich wieder in Kraft gesetzt werden.

Elektroantriebe werden immer erschwinglicher

Hinzu kommt, dass eine langsame Verringerung der Luftverschmutzung nicht mehr ausreicht: Eine Gruppe führender europäischer Städte  hat bereits den Kurs in Richtung "Null-Emission-Zonen" eingeschlagen, und es bietet sich nun für weitere Bürgermeister die einmalige Gelegenheit, derartige Maßnahmen als Teil einer Umgestaltung der Städte zu ergreifen.

Glücklicherweise sind inzwischen Alternativen zu klimaschädlichen Verbrennungsmotoren verfügbar und werden immer erschwinglicher. Bei den Pkw-Verkäufen wurden in den ersten Monaten des Jahres 2020 in Westeuropa außergewöhnlich hohe Verkaufszahlen  von E-Autos verzeichnet.

Beeindruckende zehn Prozent der Gesamtverkäufe entfallen auf Mobile mit Elektroantrieb, während es wenige Monate zuvor nur drei Prozent waren. Die gegenwärtige Krise ist eine gute Gelegenheit, um Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren schrittweise von unseren Straßen zu nehmen.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Und schließlich können wir viertens einen Schritt in Richtung lebenswerter Städte machen, wenn wir die oben genannten Veränderungen mit innovativen Sharing-Angeboten kombinieren, die emissionsfrei und auf Abruf verfügbar sind. Als europäischer Umweltverband haben wir im vergangenen Jahr die kombinierten Auswirkungen dieser Maßnahmen untersucht  und festgestellt, dass die gefahrenen Pkw-Kilometer in Städten um bis zu 60 Prozent reduziert werden könnten.

Dies bedeutet aber auch, dass Fahrzeuge mit hoher Kilometerleistung - wie Taxis, Ride-Hailing-Dienste (z. B. "Uber" und "Kapten") oder Lieferflotten - rasch auf Elektrofahrzeuge umgestellt werden müssen. Neue Dienste müssen dabei den öffentlichen Personenverkehr ergänzen und nicht mit ihm konkurrieren.

Menschen werden Luftverschmutzung nicht mehr akzeptieren

Dafür können für bestimmte Fahrten vergünstigte Preise für kommerzielle Mitfahrangebote angeboten werden, wie dies in der französischen Stadt Nizza für Nachtfahrten eingeführt wurde . Die Preise müssen dabei tagsüber und in von Bussen und Straßenbahnen gut erschlossenen Gebieten deutlich über den ÖPNV-Preisen liegen.

Die Entscheidungen der kommenden Wochen und Monate werden über die Zukunft unserer Städte entscheiden. Die Lockdowns haben uns selbst erleben lassen, wie sauber die Luft in unseren Städten sein kann. Frankreichs Präsident Macron  fasste es vor Kurzem so zusammen: "Wenn wir diese Krise überwunden haben, werden die Menschen es nicht länger akzeptieren, schmutzige Luft einzuatmen. Sie werden sagen: 'Ich bin nicht einverstanden mit Entscheidungen unserer Gesellschaft, die mich solche Luft atmen lassen und bei meinem Baby Bronchitis verursachen."

Klar ist: Wir verfügen heute über bewährte Instrumente, um eine Rückkehr der Luftverschmutzung zu verhindern. Wir müssen sie nur einsetzen: jetzt.