Mobiles Corona-Labor Der 650.000-Euro-Testwagen

Autohersteller entdecken den Kampf gegen das Coronavirus als Geschäftsfeld: Labors auf vier Rädern sollen helfen, den Erreger auszubremsen. MAN hat einen Kastenwagen mit Testtechnik vollgestopft - wir haben hineingeschaut.
Foto: Marco Reufzaat

Ein rot-neongelbes Muster, Martinshorn und Blaulicht: Von außen sieht der MAN-Transporter TGE aus wie ein normaler Rettungswagen. Doch wer durch die Schiebetür tritt, steht in einem Labor.

Es ist eng darin, doch sonst unterscheidet es sich kaum von einem solchen Raum in einer Klinik. Es gibt Arbeitstische für die Laboranten und Vorratsschränke für sterile Schutzkleidung. An den Wänden hängen schachtelweise Gummihandschuhe, und die Schubladen sind voll mit Tupfern für den Abstrich und Kartuschen für den Test.

Autohersteller sind in der Coronakrise erneut gefragt. Erst haben sie Beatmungsmaschinen gebaut und Mund-Nasen-Schutze genäht. Jetzt bringen sie zunehmend ihre Kernkompetenzen ein. Mobile Testzentren und Labors auf Rädern sollen Tests besser verfügbar machen. Behörden könnten sie erleichtern, Infizierte aufzuspüren und das Virus einzudämmen.

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Ganz neu ist die Idee vom mobilen Labor zwar nicht. Doch wurden Abstriche meist in alten Stadtbussen gemacht, und große Trucks oder Container dienten als Labors. Nun gibt es erste Transporter mit Komplettausstattung.

"Damit ist man schneller und mobiler, und man braucht weniger Personal, weil jeder ans Steuer darf", sagt Dennis Affeld. Er verantwortet bei MAN Strategie und neue Projekte und steht in einem umgebauten Transporter vom Typ TGE, der nach sechs Monaten Entwicklungszeit bald seinen ersten Einsatz hat.

Knapp 650.000 Euro kostet der Kasten. Er ist damit gut dreimal so teuer wie ein konventioneller Krankenwagen und mehr als zwölfmal so teuer wie das Basisfahrzeug mit 177 PS-Diesel, Allradantrieb und Achtgangautomatik. Binnen sechs Wochen weitgehend von Hand aus- und aufgebaut, soll er ab November in Serie gehen. Einsetzen sollen ihn Medizindienstleister, Laborgesellschaften, Rettungswagen-Betreiber und Hilfsdienste im Kampf gegen das Coronavirus.

Tests in Fahrzeugen könnten viel Zeit sparen

Von solchen Fahrzeugen erhoffen sich Fachleute wichtige Erfolge bei der Eindämmung der Pandemie. Statt die potenziellen Patienten zu Ärzten und Ämtern zu schicken, müssten die Tests zu den Hotspots kommen, sagt Gerd Geißlinger, Gesundheitsforschungsbeauftragter der Fraunhofer-Gesellschaft und geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME.

Der Professor hofft, dass sich mit solchen Fahrzeugen viel Zeit sparen lässt: Statt bis zu vier Tage auf ein Testergebnis warten zu müssen, versprechen die mobilen Labors schon nach weniger als einer Stunde valide Resultate. "Nur so haben wir eine Chance, infizierte Personen frühzeitig und schnell zu identifizieren und zielführend Kontakte zu minimieren", sagt Geißlinger. Damit verbunden ist das Ziel, die Testkapazitäten auszuweiten. "Wir werden gerade in den nächsten Monaten vor der besonderen Herausforderung stehen, Menschen vermehrt testen zu müssen", sagt Forschungsministerin Anja Karliczek, die die Fraunhofer-Forschungen fördert: "Mir ist wichtig, dass Menschen so schnell wie möglich Klarheit über ihren Gesundheitszustand haben."

Das Innenleben des Transporters erinnert auf den ersten Blick leicht an ein zweckentfremdetes Wohnmobil. Bei genauem Hinsehen zeigt sich, worauf der Experte vom Medizinischen Hilfswerk für Seuchenschutz, der Affeld beraten hat, Wert gelegt hat: Alle Oberflächen sind so gewählt, dass sie sich leicht desinfizieren lassen. Der Boden ist fugenfrei und ohne Spalten mit einer Schutzschicht versiegelt. Es gibt keimdichte Müllboxen für Schutzanzüge und Gummihandschuhe. Waschbecken und Wasserhahn sind sensorgesteuert. Und klar, Kabine und Kastenaufbau sind hermetisch getrennt.

16 Testgeräte à 25.000 Euro

Das wichtigste Ausstattungsmerkmal sind allerdings die Testkartuschen: Gefüllt mit der Probe und allen erforderlichen Reagenzien, werden diese in die von Bosch entwickelten Vivalytic-Geräte geschoben. Von denen sind 16 Stück an den Seitenwänden hinten im Transporter befestigt. Sie sind nicht viel größer als ein Kassettenrekorder, kosten aber je 25.000 Euro. Sie schlucken jeweils fünf Proben pro Durchlauf und analysieren diese auf Basis der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), die Bosch als Goldstandard unter den Corona-Tests rühmt. Nur wenn sie einen positiven Befund liefern (was statistisch in etwa 0,5 Prozent aller Fälle passiert), müssen die fünf Proben noch einmal einzeln untersucht werden, erläutert Affeld das sogenannte Poolingverfahren.

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Corona-Testmobile: Labor im Laster

Foto: Marco Reufzaat

Weil die Geräte innerhalb von exakt 39 Minuten ein zuverlässiges Ergebnis ausspucken, schafft das Corona-Mobil binnen einer Stunde rund hundert Tests und kommt am Tag auf bis zu 800 Untersuchungen. Probanden können ihr Ergebnis quasi gleich mitnehmen - anders als im stationären Verfahren, wo die Proben eingeschickt und die Ergebnisse oft noch per Fax übermittelt werden. Wahlweise werden die Ergebnisse über das eingebaute Modem an Gesundheitsämter, Kliniken, Arbeitgeber oder an die Auftraggeber der Tests übermittelt.

Damit eignet sich das Testmobil in Affelds Augen nicht nur für den Einsatz an Krankenhäusern, Altenheimen, Schulen, Landesgrenzen oder in kleinen Gemeinden mit eingeschränkter medizinischer Infrastruktur, sondern auch zur Prävention bei Großveranstaltungen: Binnen weniger Stunden wissen Kongressveranstalter, ob ihre Gäste clean sind. Werksleiter könnten ihre Mitarbeiter schichtenweise testen und Trainer ihre Mannschaften unbedenklich in Wettkämpfe schicken.

Ein Problem bleibt aber: Statistisch erkennt die verwendete Testmethode zwei von hundert Infizierten nicht. Deshalb halten es die meisten Experten für nicht verantwortbar, Menschenmengen vor Konzerten oder anderen Ereignissen einfach durchzutesten und kurz darauf einzulassen. Ein weitgehend lockeres Leben werden auch die mobilen Labors während der Pandemie nicht ermöglichen.

Dennoch setzt nicht nur MAN auf solche Fahrzeuge. Auch das Fraunhofer-Institut hat einen Prototyp aufgebaut. Anders als MAN und Bosch setzen die Forscher nicht auf die PCR-Tests, sondern auf die Loop-Mediated-Isothermal-Amplification-Methode, bei der die isothermale Vermehrung der gewünschten Zielsequenzen des Virus untersucht wird. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Die kann laut Fraunhofer-Gesellschaft anstelle eines Abstrichs auch über eine Mundspülung erfolgen, was für viele Probanden als angenehmer empfunden wird. Aber einen Nachteil hat das Verfahren auch: Es ist noch nicht zertifiziert.

Angesichts solcher Fortschritte sind die Hoffnungen der Wissenschaftler groß: Derartige Fahrzeuge könnten helfen, das Infektionsgeschehen einzudämmen und transparenter zu machen - sodass trotz Lockdown nicht das gesamte kulturelle und wirtschaftliche Leben heruntergefahren werden müsste.

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