Folgen von Corona für den ÖPNV Kurz vor Totalschaden

In der Coronakrise gelten Busse und Bahnen als Risikogebiete. Menschen meiden den ÖPNV, die Umsätze brechen ein. Das Vertrauen wiederherzustellen, ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Rufe nach einer Mobilitätsteuer werden laut.
Abstand halten: Nicht nur zur Bahnsteigkante, sondern auch zu den Mitfahrern, wie hier in der U-Bahn in Berlin

Abstand halten: Nicht nur zur Bahnsteigkante, sondern auch zu den Mitfahrern, wie hier in der U-Bahn in Berlin

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Florian Gaertner/ photothek/ imago images

Es war selten so angenehm, S-Bahn zu fahren, wie aktuell. Morgens an einem Wochentag auf dem Weg aus dem Hamburger Süden in Richtung Hauptbahnhof: Wo sich sonst die Passagiere dicht drängen, öffnen sich nun die Türen zu spärlich besetzten Waggons.

Die angenehme Ruhe resultiert aus einem Umstand, der für viel Unruhe gesorgt hat: die Coronakrise. Die Fahrt an diesem Morgen ist entspannt, aber auch zerstörerisch. Denn ohne Fahrgäste kann ein ÖPNV, der sich zum großen Teil aus verkauften Tickets finanziert, nicht überleben.

Die ÖPNV-Nutzung ist in vielen Städten um 70 bis 90 Prozent eingebrochen.

McKinsey-Analyse: Wie verändert Covid-19 die Mobilität?

Unter allen Verkehrsmitteln sind Busse und Bahnen die großen Verlierer der Coronakrise. Das zeigen aktuelle Nutzerzahlen: Laut dem McKinsey Center for Future Mobility  fahren in deutschen Städten 70 bis 90 Prozent weniger Personen mit dem ÖPNV. 56 Prozent der Europäer denken, dass der riskanteste Ort während einer Pandemie der Bus oder die Bahn sind, so das Mobility Institute Berlin . Viele Menschen ziehen wieder das private Auto vor.

So steigt der ÖPNV in der Coronakrise vom Hoffnungsträger für die Verkehrswende, vom Klimaschützer im sonst eher dreckigen Verkehrssektor, zur Virenschleuder ab. Die Konkurrenz im Mobilitätssektor befeuert den Effekt noch: Ein deutscher Autovermieter wirbt für sein spezielles Corona-Angebot  mit dem Hinweis, dass die Bundesregierung aktuell von der Nutzung des öffentlichen Personenverkehrs abrät. Und die Automobilwirtschaft fordert eine Kaufprämie, natürlich für Autos. Wie also lässt sich ein Totalschaden des ÖPNV verhindern?

Das Auto hat mehr Wohlfühlfaktor

Vertrauen zurückzugewinnen, werde umso schwieriger, je länger eine Ansteckungsgefahr besteht, sagen Fachleute. "Sollte sich bis Ende des Jahres die Lage halbwegs normalisieren, können wir in die Zukunft planen", sagt Barbara Lenz, Leiterin des Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Wenn die Krise aber längerfristig bestehen bleibt, dann betrifft das auch die negative Einstellung gegenüber dem ÖPNV."

Der Mensch gewöhnt sich schnell an neue Routinen. Der Meinung ist auch Weert Canzler, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: "Je länger die Angst vor Ansteckung besteht, desto schwieriger wird es, Routinen wieder rückgängig zu machen. Wenn man ein halbes Jahr nicht mehr U-Bahn gefahren ist, nimmt man vermutlich auch weiterhin das Auto."

Eine Studie des DLR  hat gezeigt, dass sich von 1.000 Personen zwischen 18 und 82 Jahren fast alle Befragten im privaten Auto wohler oder genauso wohlfühlen wie vor der Pandemie. Diesen Schluss ziehen auch die Autoren der McKinsey-Studie.

Kein ÖPNV, keine Verkehrswende

Meiden die Menschen weiterhin Bus und Bahn, wird das langfristig zum Problem auf den Straßen - zumindest in den Städten. Damit der Verkehr in Metropolen keinem Infarkt erliegt, braucht es einen gut genutzten ÖPNV. Das Fahrrad gehört zwar neben dem Auto ebenfalls zu den Gewinnern der Krise, um es dauerhaft zum Transportmittel der Wahl zu erheben, muss auch hier kräftig in bessere Infrastruktur investiert werden. Einige Städte experimentieren bereits mit zusätzlich geschaffenen temporären Radwegen. Sie sollten nach der Krise erhalten bleiben, um die Straßen zu entlasten, findet auch Barbara Lenz.

"Gelegenheitskunden machen 50 Prozent des Fahrkartengeschäfts aus. Die sind von jetzt auf gleich weggebrochen."

Lars Wagner, Pressesprecher des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmer (VDV)

"Übergeordnete politische Ziele, wie der Klimaschutz oder die Verkehrswende sind ja nicht weg", sagt auch Lars Wagner, Pressesprecher des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmer (VDV). Beides sei nur mit einem starken ÖPNV zu realisieren. Wagner vertritt die Unternehmen des öffentlichen Personennahverkehrs und des Güterverkehrs in Deutschland. Die Entwicklung des aktuellen Geschäfts sei besorgniserregend. Weniger Nutzer des ÖPNV bedeuten schließlich auch weniger verkaufte Tickets - eine potenziell fatale Situation für eine Branche, deren Kosten ohnehin etwa zur Hälfte vom Staat getragen werden.

"Die Abo-Kunden bleiben", so Wagner. Das sei ein gutes Signal. Was aber wegfallen würde, sind die Gelegenheitskunden. "Die sind von jetzt auf gleich weggebrochen und machen 50 Prozent der Einnahmen aus." Bundesweit rechnet der VDV mit rund fünf bis sieben Milliarden Euro Einnahmeverlust von Mitte März bis zum Jahresende. "Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem wir sagen: Bis Ende Mai muss das Signal von Ausgleichszahlungen kommen."

Keine Gefahr für große Ausbauprojekte

Gebe es keine Hilfe durch die Regierung, könne es zu weiteren Einschränkungen kommen, was in dieser Situation verheerend sei. Was Wagner meint, ist die Einschränkung des Angebotes. Weniger Wagen, geringere Taktung. Wieder mehr Nutzer zu gewinnen, gelinge aber nur, wenn die Menschen nicht mehr so dicht nebeneinanderstehen müssen, wie das bisher der Fall war, so Wagner. Und weniger Fahrgäste bedeuten wiederum geringere Einnahmen. Ein Teufelskreis.

"Bei üblichen Fahrgastzahlen zu Stoßzeiten und 1,5 Meter Abstand bräuchten wir das Vierfache des Fahrangebotes."

Lars Wagner, Pressesprecher des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmer (VDV)

Um aus ihm ausbrechen zu können, müsste man die Taktung von Bussen und Bahnen signifikant erhöhen. Wagner rechnet erneut vor: "Wenn wir bei der sonst üblichen Anzahl an Fahrgästen zu Stoßzeiten den Abstand von 1,5 Metern einhalten müssten, bräuchten wir das Vierfache des heutigen Fahrangebotes." Selbst wenn eine Finanzierung möglich wäre, würde die kurzfristige Umsetzung daran scheitern, dass zu wenig Personal und zu wenig Fahrzeuge zur Verfügung stehen.

Trotz dieser düsteren Nachrichten sollen zumindest große Infrastrukturprojekte des ÖPNV nicht in Gefahr sein, etwa der Ausbau des S-Bahn-Netzes in Hamburg. Die Mittel dafür seien noch vor der Krise bereitgestellt worden, so Wagner, und würden sogar sukzessive steigen, auf zwei Milliarden Euro jährlich.

Sauberkeit schafft Vertrauen

Ein entscheidender Faktor, um den Menschen das Vertrauen in den ÖPNV zurückzugeben, ist die Hygiene. Haltestellen und Fahrzeuge müssen sichtbar und besonders gründlich gereinigt werden. Weitere Maßnahmen, wie Spender mit Desinfektionsmittel an Bahnhöfen und Haltestellen sind denkbar - ob sie nun die Sicherheit nur gefühlt oder tatsächlich erhöhen.

Eine weitere Maßnahme, um den ÖPNV wieder positiv ins Gespräch zu bringen, kann ein umlagefinanzierter Nahverkehr sein. Der Verein Einfach Einsteigen hat für die Stadt Bremen ein Modell entwickelt, bei dem der ÖPNV durch eine Steuer finanziert würde. Nach dem Motto: Alle zahlen, die Höhe ist an den sozialen Status angepasst, und wer fahren will, kann einsteigen, ohne ein Ticket zu kaufen.

"Die Coronakrise hat noch einmal mehr gezeigt, dass die Finanzierung über Fahrkartenerlöse schrittweise abgelöst werden muss", schreibt die Initiative in einem Positionspapier. Der Nahverkehr müsse nicht kostenlos werden, aber den Kommunen müsse ein neues Finanzierungsinstrument an die Hand gegeben werden.

Barbara Lenz vom DLR ist diese Diskussion bekannt: "Eine sozial gestaffelte Mobilitätsabgabe wäre eine Finanzierungsmöglichkeit. Das Ganze bringt aber nur dann eine größere Entlastung beim Straßenverkehr, wenn man gleichzeitig den Autoverkehr in den Städten reguliert, etwa indem Parkraum verknappt wird." Außerdem müssten die Kapazitäten des ÖPNV zumindest in den Stoßzeiten erhöht werden. Noch gibt es wenig Signale der Kommunen, ob sie die Zeit nutzen, in der gerade weniger Menschen mit Bus und Bahn fahren, um solche Konstrukte voranzutreiben.