Breitere Radwege durch Coronakrise Der Autoverkehr ruht, Kreuzberg schafft Fakten

Im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurden Radwege angesichts der Coronakrise provisorisch verbreitert. Die Maßnahme soll auch über die Krise hinaus bestehen bleiben, zahlreiche Parkplätze müssen weichen.
Am Kottbusser Damm im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurden Fahrradstreifen provisorisch verbreitert, um den derzeit nötigen Mindestabstand zu gewährleisten. Die Maßnahme soll jedoch auch über die Coronakrise hinaus Bestand haben

Am Kottbusser Damm im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurden Fahrradstreifen provisorisch verbreitert, um den derzeit nötigen Mindestabstand zu gewährleisten. Die Maßnahme soll jedoch auch über die Coronakrise hinaus Bestand haben

Foto: Klaus Martin Hoefer/ imago images

Die rechte Fahrspur auf dem Kottbusser Damm gehört künftig Radfahrern. Abgetrennt durch eine gelbe Markierung und zahlreiche Warnbaken dient er als provisorischer Radweg. Bisher parkten auf der Spur Autos, und das sogar kostenlos, nun soll die umgewidmete Spur Radfahrern dabei helfen, die in der Coronakrise vorgeschriebenen Mindestabstände einzuhalten.

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der als Vorreiter bei den provisorischen Radspuren gilt, geht jedoch noch einen Schritt weiter: Der Radweg am Kottbusser Damm wird bestehen bleiben - und ist nicht der einzige. "Wir haben insgesamt zehn temporäre Radverkehrsanlagen, davon bleiben neun permanent, da sie ohnehin vom Mobilitätsgesetz gefordert werden", erklärt der Leiter des Straßen- und Grünflächenamts des Bezirks, Felix Weisbrich.

Bezirk zieht ohnehin geplante Maßnahme vor

Man sei unmittelbar an dieses Gesetz gebunden und ziehe den Ausbau lediglich wegen der derzeitigen Gefahrenlage vor, so Weisbrich. Die Maßnahme macht dem Amtsleiter zufolge jedoch nicht nur das Radfahren sicherer. "Dadurch weichen auch weniger Radfahrer auf die Fußwege aus, und auch der Fußverkehr wird sicherer", so Weisbrich. Außerdem könnten die breiten Radspuren im Notfall auch von Rettungsdiensten und der Feuerwehr genutzt werden, da sie schneller frei gemacht werden können als eine klassische Fahrspur.

Momentan sind die Radstreifen nur temporär ausgeschildert, die gelben Markierungen und Warnbaken sollen jedoch im Laufe des Jahres weißen Linien und festen Pollern weichen. Die provisorischen Maßnahmen beschleunigen den Umbau jedoch enorm, erklärt der Amtsleiter: "Statt wie bisher rund zwei Jahre dauert die Umsetzung dadurch nur wenige Tage. Denn verkehrstechnisch ist das fast nichts anderes als eine Baustelleneinrichtung."

400 Parkplätze fallen weg

Durch die Maßnahme fallen jedoch rund 400 Parkplätze weg, allein am Kottbusser Damm sind es dem Amtsleiter zufolge rund 200. Das sorgt vor allem beim ADAC für Unmut. Der temporäre Rückgang des Pkw-Verkehrs dürfe nicht dazu genutzt werden, dauerhafte Umverteilungen des Verkehrsraumes durchzusetzen, erklärte der Verkehrsvorstand des ADAC Berlin-Brandenburg, Volker Krane. "Der Senat nutzt eine Notsituation aus, um Partikularinteressen zu verfolgen. Das ist alles andere als sachgerecht", so Krane. Man erwarte deshalb ein klares Bekenntnis der Politik, dass diese Radwege zurückgebaut werden, sobald der Pkw-Verkehr wieder zunehme, sagt Krane.

Zumindest was den Parkraum angeht, hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg vorgesorgt. Den Anwohnern sollen ermäßigte Stellplätze in einem nahe gelegenen Parkhaus angeboten werden. Dieses Parkhaus stehe ohnehin dauerhaft zu zwei Dritteln leer, erklärt Weisbrich, und stellt klar: "Ein Anrecht auf kostenlosen Parkplatz im öffentlichen Raum gibt es nicht."

Das sieht die Mehrheit der Großstädter einer Umfrage des ADAC  zufolge ähnlich. 42 Prozent der Befragten gaben an, dass die Verkehrsflächen in Großstädten zugunsten von Radfahrern und Fußgängern neu verteilt werden sollten. Nur 19 Prozent stimmten überhaupt nicht zu.

Neben Berlin setzt auch Mailand auf temporäre Radspuren

Berlin ist mit diesem Vorgehen international nicht allein, auch die Stadt Mailand setzt auf die Einrichtung temporärer Radspuren. Sie kündigte einen ehrgeizigen Plan  an, um mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger zu schaffen und so das Einhalten der Abstandsregeln zu erleichtern. Insgesamt 35 Kilometer Straßen sollen umgebaut werden.

Der als "Strade Aperte", "offene Straßen", bezeichnete Plan beinhaltet neben den temporären Radstreifen auch breitere Fußwege, Tempolimits von 30 km/h auf Innenstadtstraßen und Straßen, auf denen Radfahrer und Fußgänger Vorrang haben.

Die Umbauarbeiten sollen Anfang Mai am Corso Buenos Aires, einer der wichtigsten Einkaufsstraßen der Stadt, beginnen. Das gesamte Projekt soll bis zum Ende des Sommers abgeschlossen sein.

ene