Posse im Ruhrgebiet Bahn baut 83 Oberleitungsmasten auf geplante Radschnellweg-Trasse

Im Ruhrgebiet soll ein prestigeträchtiger Radschnellweg entstehen, doch in dem Projekt ist der Wurm drin. Nun reklamiert auch noch die Bahn einen Teil der Trasse für sich – und schafft Tatsachen.
Rechts der Gleise könnte ein Radschnellweg verlaufen, doch die Deutsche Bahn hat die Trasse in Essen-Kray mit neuen Oberleitungsmasten verstellt

Rechts der Gleise könnte ein Radschnellweg verlaufen, doch die Deutsche Bahn hat die Trasse in Essen-Kray mit neuen Oberleitungsmasten verstellt

Foto: Torsten Klumpe / Fabian Hoberg

Jetzt stehen sie da. 83 neue Oberleitungsmasten. An einer Bahnstrecke in Essen-Kray, einbetoniert auf einem alten Gleisabschnitt, umringt von Unkraut und wilden Blumen. Das Problem: Genau dort, südlich der Bahnstrecke zwischen Essen und Bochum, soll demnächst ein Radschnellweg entlangführen, die Strecke ist seit Jahren dafür eingeplant.

Der Radschnellweg Ruhr 1, kurz RS 1, soll über 114 Kilometer zwischen Moers und Hamm durchs Ruhrgebiet führen. Ein Mammutprojekt, das nur quälend langsam vorankommt und seit mehr als zehn Jahren Planer, Behörden, Anwohner und Radfahrer beschäftigt .

Durchgängig befahren lässt sich nur ein rund 12,5 Kilometer langes Teilstück zwischen dem Essener Campus der Universität Duisburg-Essen und der Hochschule Ruhr West in Mülheim an der Ruhr. Mitte Juni kam ein neues drei Kilometer langes Teilstück zwischen Gelsenkirchen und Wattenscheid hinzu sowie eine 82 Meter lange Brücke über den Berthold-Beitz-Boulevard in Essen.

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Radschnellstrecke RS1: Dieser Weg wird kein leichter sein

Foto: Fabian Hoberg

Und nun der Ärger mit der Bahn, ausgerechnet. Eigentlich lassen sich neue Radfahrschnellstraßen nur auf alten Bahntrassen problemlos umsetzen. Die Wege auf oder neben den Gleisen bieten im dicht besiedelten Ruhrgebiet Platz für einen rund 4 Meter breiten Streifen für Radfahrer und bis zu 3,5 Meter für Fußgänger. Doch auch auf den vermeintlichen freien Flächen gibt es Probleme: Die zuständigen Verwaltungsabteilungen stecken sich gegenseitig Knüppel zwischen die Speichen.

Zwar tauschen sich der Landesbetrieb Straßen.NRW und die Deutsche Bahn seit Beginn der Planungen zum RS1 regelmäßig aus. Doch irgendetwas muss in den vergangenen Monaten schiefgelaufen sein. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass das Problem bei der Deutschen Bahn AG liege. Dort wisse die eine Hand nicht, was die andere tue. Doch auch die Verwaltung sieht in der Angelegenheit nicht gut aus.

Um die Flächen und Grundstücke des Bahnbetriebs kümmert sich bei der Bahn die Abteilung Liegenschaften. Sie verhandelt mit Straßen.NRW und stellt Flächen für Radwege wie dem RS1 zur Verfügung. Die Abteilung DB Netz Energie hingegen verantwortet die Sanierung der angrenzenden Bahnstrecke mit den dazugehörigen Oberleitungsmasten.

Für den Neubau sahen die Mitarbeiter Freifläche und Platz auf der geplanten Radstrecke – und montierten die 83 Masten für die Oberleitungen auf einem Streckenabschnitt von mehr als zwei Kilometern. Der RS1 ist auf einer Länge von etwa 600 Metern betroffen. Anscheinend wussten die DB-Leute nichts von der Fahrradstrecke – oder wollten davon nichts wissen. Straßen.NRW hat es kalt erwischt, die Behörde versucht es mit Schadensbegrenzung. Man werde sich mit der Bahn zusammensetzen, heißt es.

Eine Bahnsprecherin teilte auf Nachfrage mit, dass die alten Oberleitungen zwingend ersetzt werden mussten. Dabei waren weitere Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, etwa die unter den Gleisen verlaufende Tiefenentwässerung. Über die Planungen hatte die Bahn alle Beteiligten nach eigenen Angaben bereits 2018 informiert.

Das NRW-Verkehrsministerium nimmt diese Aussage hin. »Jetzt gilt es bei der Ausarbeitung der Planungen die technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen des Eisenbahnverkehrs in die Planungen zu integrieren«, sagt die Bahnsprecherin. Dazu tauschten sich die beteiligten Partner regelmäßig aus.

Den Landesbehörden bleibt offenbar nichts anderes übrig, als die Strecke neu zu planen. Die Grundstücke gehören der Bahn. Das Verkehrsministerium jedenfalls arrangiert sich mit dem Desaster und lässt wissen: »Die Planer des Landesbetriebs Straßenbau werden die in der Machbarkeitsstudie vorgeschlagene Streckenführung des RS1 entsprechend der aktuellen Begebenheiten vor Ort weiterentwickeln.«

Radfahrende sind genervt

Eher sportlich nimmt die Direktorin von Straßen.NRW, Petra Beckefeld, das Debakel: »Wir planen und bauen nicht auf der grünen Wiese, sondern im dicht bebauten Ruhrgebiet«, sagte sie Anfang Juni. »Da braucht es manchmal kreative Lösungen, wenn der Platz eng wird. Das gilt für Essen-Kray, aber auch für andere Abschnitte des RS1.«

Und so zeigt sich am geplanten RS1 in Essen-Kray exemplarisch, wie sich Kommunen, Behörden und Unternehmen im Wege stehen. »Wir haben die Geschichte verfolgt und wundern uns auch, dass die Kommunikation zwischen Straßen.NRW und der Bahn in diesem Thema nicht geklappt hat«, teilt Ludgar Vortmann, Sprecher des Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Nordrhein-Westfalen e.V. (ADFC), mit. »Wir hoffen, dass nun noch eine gute Lösung gefunden wird, damit der Radschnellweg kein Radschneckenweg wird.« Dass Absprachen mal nicht funktionieren, könne passieren. Aber beim RS1 nerve das Thema viele Radfahrende im Ballungsraum Ruhrgebiet.

Zumal es sich nicht um das einzige Kommunikationsproblem zwischen der Bahn und einer Behörde handelt, die mit der Radwegplanung betraut ist. Die »Allee des Wandels« zwischen Gelsenkirchen und Herten im nördlichen Ruhrgebiet wird erst einmal doch nicht fortgeführt. Der Regionalverband Ruhr (RVR), der alte Bahntrassen kauft und zu Radwegen umbaut, erhält von der Bahn nun doch nicht die erforderlichen Grundstücke: Die Bahn will angeblich alte Trassen reaktivieren. Damit verzögert sich der Bau von fünf Kilometern bis 2025.

Für den RS1 sucht die Bahn nun mit den Kommunen und Straßen.NRW nach einer Lösung. Die Fertigstellung des RS1 und des Teilstücks in Essen-Kray bis etwa Ende 2026 soll jedenfalls nicht in Gefahr sein. Obwohl eines nach Angaben der Bahn klar ist: »Die Masten bleiben dort stehen.«

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