Kehrtwende Deutsche Bahn bringt 20 stillgelegte Strecken wieder in Schuss

Verlassene Bahnhöfe, von Gras überwucherte Gleise: Jahrzehntelang ist das Schienennetz geschrumpft. Nun sollen in fast allen Bundesländern Strecken wieder in Betrieb gehen.
Überwucherte Gleise der ehemaligen Darßbahn in Mecklenburg-Vorpommern. In Zukunft sollen dort wieder Züge fahren (Archivbild)

Überwucherte Gleise der ehemaligen Darßbahn in Mecklenburg-Vorpommern. In Zukunft sollen dort wieder Züge fahren (Archivbild)

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Die Deutsche Bahn geht auf eine alte Forderung ihrer Kritiker ein und zieht das Tempo bei der Inbetriebnahme einst stillgelegter Strecken an. »Bundesweit planen wir mit zunächst 20 Strecken, in den kommenden Jahren folgen weitere Verbindungen«, sagte Jens Bergmann, Vorstandsmitglied bei der Bahn-Tochter DB Netz, am Dienstag. Das soll mehr Menschen zu Bahnfahrern machen und ein Beitrag zum Klimaschutz sein.

Der Konzern hat in den vergangenen Monaten knapp 350 stillgelegte Strecken mit einer Gesamtlänge von 1300 Kilometern Länge analysiert, für die es »verkehrliches Potenzial« gebe. Bei vielen lohne sich die Wiederbelebung. In der ersten Phase will die Bahn 245 Kilometer Trassen reaktivieren, darunter die »Dresdner Bahn« von Berlin ins Umland und die »Darßbahn« in Mecklenburg-Vorpommern (siehe Übersicht). Zur Einordnung: Das deutsche Schienennetz misst insgesamt mehr als 33.000 Kilometer.

Zunächst 20 brachliegende Strecken will die Bahn wieder in Betrieb nehmen

Zunächst 20 brachliegende Strecken will die Bahn wieder in Betrieb nehmen

Foto: Deutsche Bahn

»Die Entscheidung, nach Jahrzehnten des Rückzuges wieder einen Schritt in die Erschließung der Fläche und damit in die Expansion des Netzes zu gehen, ist historisch«, sagte Martin Henke vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Allerdings müsse die Bundesregierung generell neu bewerten, welche Bahnbauprojekte sich nicht nur ökonomisch, sondern auch für Verkehrswende und Klimaschutz lohnen. Davon hängt oft ab, ob die Bundesregierung einzelne Vorhaben der Länder finanziell unterstützt.

»Die nächste Bundesregierung ist gefordert, die Hürden für weitere Reaktivierungen zu senken. Die bisherigen Bewertungskriterien ignorieren die sozialen Aspekte einer Schienenanbindung und berücksichtigen zu wenig die Umweltvorteile des Schienenverkehrs«, findet auch Dirk Flege von der Allianz pro Schiene.

Die 20 Strecken befinden sich in nahezu allen Bundesländern, Schwerpunkte liegen im Raum Berlin und im Rheinland. Zum Teil laufen die Projekte schon seit Jahren. Andere sind erst Konzeptideen oder es laufen Machbarkeitsstudien. In Sachsen, Thüringen und Hessen laufen Gespräche über mögliche weitere Reaktivierungen, teilte die Bahn mit.

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Für den Bahnverkehr kommt die Entscheidung einer Kehrtwende gleich. Jahrzehntelang zog sich die Deutsche Bahn aus der Fläche zurück, weil Verbindungen schlecht ausgelastet waren oder die oft zuständigen Bundesländer kein Geld in die Hand nehmen wollten. Zurück blieben die Gleise, die vielerorts längst zugewachsen sind, verlassene Bahnhöfe und ganze Regionen ohne Bahnanschluss.

Zwar wurden auch in den letzten Jahren einige Strecken reaktiviert, doch wurde der Verkehr auf einer viel längeren Strecke eingestellt: insgesamt auf 3600 Kilometern zwischen 1994 und 2020, so eine Berechnung von Allianz pro Schiene. Erstmals seit Langem wächst das Schienennetz nun wieder.

Auch alte und verwitterte Trassen lassen sich wieder in Schuss bringen, und zwar deutlich preiswerter, als neue zu bauen. »Üblicherweise liegen die Kosten für reaktivierte Strecken zwischen einer Million Euro pro Kilometer bei einfachen Projekten und zehn Millionen Euro pro Kilometer bei komplexen Ingenieursbauwerken und entwidmeten Strecken«, heißt es bei der Bahn. Die Kosten für Neubaustrecken liegen in der Regel um ein Vielfaches höher.

fww/AFP/AP/dpa
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