Wandelbares Elektrofahrzeug X-Bus Dieses Wägelchen soll das Stau-Chaos in den Städten besiegen

Eine junge Firma aus Schleswig-Holstein will ein neues Kultfahrzeug erschaffen. Ab 2022 soll in Itzehoe das Elektromobil X-Bus gebaut werden. Mehr als tausend Bestellungen liegen vor – doch es gibt viele Hürden.
Martin Henne, Vorstandschef der Electricbrands AG, vor dem X-Bus auf dem Gelände in Itzehoe, wo ab Sommer 2022 das neue Elektroleichtfahrzeug gebaut werden soll

Martin Henne, Vorstandschef der Electricbrands AG, vor dem X-Bus auf dem Gelände in Itzehoe, wo ab Sommer 2022 das neue Elektroleichtfahrzeug gebaut werden soll

Foto: Jürgen Pander

Eine Sache stellt Martin Henne gleich zu Beginn klar: »Wir sind kein Start-up«, sagt der Vorstandschef der Electricbrands AG. Das klingt merkwürdig, denn die Firma wurde erst 2020 gegründet.

Doch Henne möchte, dass das Unternehmen nicht als hippes Projekt, sondern als ambitionierter Elektrofahrzeughersteller wahrgenommen wird. Henne, 44, studierter Wirtschaftsingenieur, arbeitete in der Flugzeug- und Autoindustrie, ehe er mit einem Kernteam von etwa zehn Leuten den X-Bus entwickelte: ein Elektromobil, das so wandelbar, umweltfreundlich und durchdacht sein soll wie kaum ein anderes.

Und putzig soll es sein. Man wolle mit dem X-Bus eine »love brand« schaffen, sagt Henne – also eine Marke, der die Herzen zufliegen. Könnte klappen, die Optik des Fahrzeugs bietet beste Voraussetzungen dafür. Der X-Bus sieht aus wie ein Lkw-Baby: mit Kulleraugen, glatter Karosserie und neben einem echten Lkw niedlich, neben einem normalen Auto auf Scheinwerferhöhe.

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X-Bus: Elektrischer Wunderkasten

Foto: Jürgen Pander

Der Clou ist der modulare Aufbau: Ob als Pritschenwagen, Pick-up, Transporter, Mini-Bus oder Camper – der X-Bus lässt sich nach Bedarf umrüsten, jederzeit. »Plug and Drive« nennt das der Hersteller.

Als Antrieb kommen je vier Radnabenmotoren zum Einsatz. Die bringen es auf eine Dauerleistung von 15 kW (etwa 20 PS) und ein maximales Drehmoment von mehr als 1000 Nm. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei »mehr als 100 km/h« wie Henne sagt, das Leergewicht zwischen 500 und 800 Kilogramm ohne Batterien und je nach Aufbau. Auch der Akku ist modular aufgebaut und besteht aus bis zu 24 einzeln entnehmbaren Paketen. In der Basisausstattung sind acht Pakete mit insgesamt 10 kWh Speicherkapazität an Bord, sie ermöglichen eine Reichweite von rund 100 Kilometern, maximal sind rund 600 Kilometer möglich.

200 Extrakilometer durch Solarpaneele

Dazu können auf dem Dach bis zu fünf Quadratmeter Solarmodule untergebracht werden, was die Reichweite nochmals erhöht. »Aufgrund des geringen Stromverbrauchs von deutlich unter 10 kWh pro 100 Kilometer gelingt das sogar signifikant«, wie Henne sagt. An sonnigen Tagen sollen bis zu 200 Kilometer zusätzlich möglich sein.

Im dritten Quartal 2022 soll die Produktion des X-Busses in Itzehoe beginnen. Die Endmontage wird in den Hallen einer ehemaligen Großdruckerei am Rande der 32.000-Einwohner-Stadt in Schleswig-Holstein erfolgen. Im ersten vollen Jahr ist eine Fertigung von 20.000 Exemplaren geplant, binnen vier Jahren plant das Unternehmen mit insgesamt tausend neuen Arbeitsplätzen in Itzehoe.

Derzeit gibt es erst einen Prototyp des kompakten Mehrzweckmobils, doch das Drumherum ist schon weit gediehen. Das Händlernetz umfasst bereits 650 Betriebe in Europa, davon 250 in Deutschland. Insgesamt tausend sollen es werden.

Akkuzellen aus Schleswig-Holstein

Die Preise sind ebenfalls schon kalkuliert, die Basisvariante kostet ab 17.380 Euro. »Parallel etablieren wir lokale Lieferketten, um den CO2-Abdruck so gering wie möglich zu halten«, sagt Henne. Die Batteriezellen etwa, eine Schlüsselkomponente in jedem E-Fahrzeug, stammen von der Firma Univercell in Flintbek, ebenfalls Schleswig-Holstein. Sie seien kobaltfrei und recycelbar, wie Henne betont. »Der X-Bus lässt sich zu 98 Prozent wiederverwerten.«

Dass der X-Bus kein »normales« Auto ist, zeigt auch das Tempo seiner Entwicklung. Der Wagen gehört zur Klasse der Elektroleichtfahrzeuge, kurz L7e – wie auch das Schweizer Elektro-Isetta-Remake Microlino oder der Renault Twizy. Die dürfen als Pkw höchstens 450 Kilogramm, als Nutzfahrzeug höchstens 600 Kilogramm wiegen, jeweils ohne Batterien.

Damit diese Grenzen eingehalten werden, bleibt die Ausstattung schlicht. Viele Komfort- und Sicherheitskomponenten wie Klimaanlage oder Airbags fehlen. Die Motorleistung ist auf 15 kW limitiert.

Experte sieht Chancen für derartige Konzepte

Doch so schnuckelig das Design auch sein mag, und so sehr Fakten wie weniger Ressourcenverbrauch, Platzbedarf und Lärmemissionen überzeugen: Die Kaufentscheidung für einen Privatwagen wird nur selten streng rational getroffen. Meist wird das Auto an bestimmten Maximalforderungen gemessen, etwa der einmal pro Jahr anstehenden Urlaubsfahrt nach Italien oder dem zweimal im Jahr fälligen Besuch im Baumarkt.

Gewerbliche Nutzer hingegen rechnen anders. Insofern ist es schlüssig, dass X-Bus versucht, vor allem für Paketdienste, Handwerksbetriebe oder Lieferservices attraktiv zu sein. »Es gibt europaweit durchaus eine Nische für solche Leichtfahrzeuge«, sagt Jan-Philipp Hasenberg, Automotive-Experte der Unternehmensberatung Roland Berger. »Einen privaten Pkw hingegen können sie nach meiner Einschätzung im Vergleich zu anderen nachhaltigen urbanen Verkehrslösungen wie Lastenrädern oder vollwertigen Elektrofahrzeugen eher selten ersetzen.« Ein Bereich, in dem diese Mobile künftig eine größere Rolle spielen könnten, sei vor allem die innerstädtische Logistik.

Politisch stehen sehr kleine Elektrofahrzeuge aktuell im Abseits. Außer in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und einigen Städten werden L7e-Mobile nicht mit einer Kaufprämie gefördert. Andererseits hat eine Studie des Landes Baden-Württemberg ergeben, dass mehr als die Hälfte des Verkehrsaufkommens durch Elektroleichtfahrzeuge abgedeckt werden könnte.

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Für das Für und Wider einer Förderung von Fahrzeugen wie dem X-Bus sind vor allem zwei Fragen entscheidend. Ersetzen L7e-Modelle tatsächlich Autos mit Verbrennungsmotor? Und: Inwiefern mindern L7e-Modelle den Autoverkehr in Ballungsräumen? Im ungünstigen Fall steigen Autofahrer einfach vom Verbrenner auf E-Antrieb um – und kriechen dann eben elektrisch durch die Rushhour.

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