Autozulassungen Elektro überholt Diesel

Zeitenwende am deutschen Pkw-Markt: Die Behörden haben im laufenden Jahr mehr Elektroautos zugelassen als Diesel. Subventionen treiben den Trend, doch auch das Vertrauen in die Batterietechnik wächst.
Foto: Maskot . / Getty Images

Noch vor ein bis zwei Jahren waren Elektroautos ein Nischenprodukt. Auf ganze vier Prozent Marktanteil kamen rein batterieelektrische Fahrzeuge sowie Plug-in-Hybride 2019 in Deutschland. Pkw mit Dieselmotor erreichten etwa 30 Prozent.

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Das Bild hat sich rasant gewandelt. Nun haben Elektroautos erstmals den Diesel auf Basis des gesamten laufenden Kalenderjahres überholt. Von Januar bis einschließlich Juli 2021 stellten Behörden 367.905 Zulassungen für ein extern aufladbares Elektrofahrzeug aus (Marktanteil knapp 22,6 Prozent). Dieselfahrzeuge kamen auf rund 361.151 Zulassungen (22,2 Prozent). Vorn liegen noch Benziner mit 629.990 Zulassungen (38,7 Prozent), der Rest entfällt vor allem auf nicht aufladbare Hybride. Das geht aus Zahlen hervor, die das Kraftfahrt-Bundesamt am Mittwoch veröffentlichte.

Insgesamt kamen in den ersten sieben Monaten 1.627.282 neue Pkw auf die Straße, das war ein Plus von 6,7 Prozent. Im Juli 2021 wurden etwa 236.393 Pkw neu zugelassen – 24,9 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Der Verband der Automobilindustrie stellte heraus, das Vorkrisenniveau sei »weiterhin nicht in Sicht«.

Halbleitermangel: Gesamtabsatz im Juli bricht ein

In den Monaten März bis Juni waren die Neuzulassungen gegenüber dem schwachen Vorjahr stark gestiegen, weil während des ersten Lockdowns die Autoproduktion und der Handel stillstanden und das Geschäft danach langsam wieder in Gang kam. Inzwischen können die Autohersteller wegen des Halbleitermangels nicht so viele Autos bauen, wie sie verkaufen könnten.

Mit dem Boom der E-Autos zeitigt die jahrelange politische Förderung des Batterieantriebs einen symbolträchtigen Erfolg. Der Staat unterstützt den Kauf von Elektroautos mit 6000 Euro, weitere gut 3000 Euro Rabatt gewähren die Hersteller, so haben sie es mit der Bundesregierung vereinbart. Zudem gibt es Subventionen für elektrische Dienstwagen sowie Ladestationen. Auch die EU-Klimagesetzgebung reizt Hersteller an, lokal emissionsfreie Autos zu bauen.

Diese fluten daher den Markt mit neuen Modellen. So hat inzwischen Volkswagen seine Elektrooffensive mit dem Kompaktwagen ID.3 und dem SUV ID.4 gestartet. BMW, Mercedes, Audi und Porsche haben den Wettbewerb mit Vorreiter Tesla aufgenommen. Doch auch elektrische Kleinwagen von Renault oder Smart kommen mitunter auf vierstellige Zulassungszahlen im Monat. Sogar Dacia ist in das Segment eingestiegen . Als extern aufladbares Elektroauto gehen allerdings auch die Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge in die Statistik ein – sie haben neben dem Elektroantrieb auch noch einen Verbrennungsmotor an Bord.

Der Diesel hat bei Autokäuferinnen und Autokäufern in den vergangenen Jahren dagegen deutlich an Ansehen verloren. Startpunkt des Niedergangs war der Skandal im Jahr 2015. In der Folge führten zahlreiche Städte Fahrverbote ein, der Marktanteil des Diesels sank fast kontinuierlich.

Vorbehalte gegenüber der Batterietechnik bauen Autokäufer allmählich ab. Zwei Drittel der Deutschen mit Führerschein können sich vorstellen, ein E-Auto anzuschaffen, hat zuletzt eine repräsentative Umfrage des Energiekonzerns Eon ergeben. Demnach wächst unter anderem die Zahl von Menschen, die Batterieautos für umweltfreundlicher halten als Verbrenner.

»Hohe Prämien und die Verfügbarkeit von E-Modellen deutscher Hersteller brachten die Wende«, sagt Autoexperte Stefan Bratzel, Direktor des Forschungsinstituts Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Es gebe immer mehr Modelle mit höheren Reichweiten, durch die Förderung seien sie preislich wettbewerbsfähig geworden.

Dabei haben Elektroautos weiterhin Nachteile: So dauert das Laden immer noch länger als Tanken, was gerade auf längeren Strecken Probleme bedeuten kann. Viele Menschen, die in der Stadt wohnen, haben keinen eigenen Parkplatz mit Stromanschluss.

Und so ist ein glatter Durchmarsch der E-Autos keinesfalls sicher. »Eine große Herausforderung bleibt die Ladeinfrastruktur, die die Akzeptanz von E-Fahrzeugen und den künftigen Markthochlauf bremsen könnte«, sagt Bratzel.

Zudem setzen manche Hersteller und Verkehrsminister Andreas Scheuer auf sogenannte synthetische Kraftstoffe, erzeugt mit erneuerbaren Energien aus Wasser und Kohlendioxid. Diese ließen sich theoretisch in Autos mit herkömmlichem Verbrennungsmotor verwenden und würden diesem eine Zukunft ermöglichen. Viele Experten halten dieses Unterfangen jedoch für zu teuer und wenig realistisch.

nis
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