Elektroautos für Südafrika Ladehemmungen im ganzen Land

Im Geburtsland von Tesla-Chef Elon Musk sind Elektroautos rar. Doch der Markt soll wachsen – auch mit deutschen Modellen. Eine Bewährungsprobe: Wie gelingt es, Afrika zu elektrifizieren?
Aus Kapstadt berichtet Julia Fiedler
Pionierin: Wendy Trupo mit ihrem Elektro-SUV Volvo XC40 Recharge

Pionierin: Wendy Trupo mit ihrem Elektro-SUV Volvo XC40 Recharge

Foto: Julia Fiedler

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Der Strand des südafrikanischen Örtchens St. James ist endlos lang, Wellen rollen schäumend zur Küste. Von Wendy Trupos Terrasse aus kann man sie beobachten, ihr Haus liegt gleich am Meer. Gerade hat die 71-jährige Künstlerin Ingwerkekse und Cappuccino aus der Küche geholt, nun plaudert sie mit Nachbarin Amiene van der Merwe. Es geht um Wendys neues Auto: den Volvo XC40 Recharge, einen der ersten E-Volvos in Südafrika. Amiene ist begeistert, denn auch sie bezeichnet sich als »Greenie«, führt ein grünes Taxi-Start-up.

In Südafrika, dem Geburtsland von Tesla-Chef Elon Musk, sind E-Autos ein exotisches Statussymbol für Technikfans und umweltbewusste Besserverdiener. Ein Drittel aller südafrikanischen Haushalte besitzt mittlerweile mindestens ein Auto. Aber E-Autos? Sieht man selbst im Zentrum von Kapstadt so gut wie nie. 2019 wurden im ganzen Land 154 Fahrzeuge verkauft, 2020 waren es 92. Tesla ist nicht einmal im Angebot.

Deutsche Marken verdoppeln das Angebot

Die deutschen Premiumhersteller sehen jetzt aber die Chance, in Südafrika durchzustarten. In den nächsten 12 bis 24 Monaten werde der Markt für Luxus-Elektrofahrzeuge stark wachsen, erklärt Mercedes-Benz. Man sehe bereits ein großes Interesse an den elektrischen Modellen. Bei Audi heißt es, man wolle frühzeitig Weichen stellen.

Von Südafrika nimmt die Industrie gleich den ganzen afrikanischen Kontinent in den Blick. Mitte Februar vereinbarten der deutsche Branchenverband VDA und der afrikanische Automobilverband AAAM auf dem EU-Afrika Business-Forum eine Zusammenarbeit zur Entwicklung der E-Mobilität. »Der afrikanische Kontinent ist stark fragmentiert, wird jedoch in Bezug auf alternative Antriebe immer mehr an Bedeutung gewinnen«, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Mercedes-Benz führt dieses Jahr in Südafrika gleich fünf Modelle ein, Audi drei und BMW zwei. Damit wird die Auswahl an E-Auto-Modellen mehr als verdoppelt. Denn bisher waren nur sechs Modelle im Angebot: Nissan Leaf, BMW i3 und Jaguar I-Pace als Vorreiter, dann kamen Mini SE, Porsche Taycan und Volvo XC40.

Vorfreude im Autohaus

In den Kapstädter Autohäusern sind gar keine zu sehen. Jaguar hat den I-Pace nicht mehr vorrätig. In drei Jahren wurde er in Kapstadt nur ein Mal verkauft. Der Preis war wohl zu hoch, mutmaßt der Verkäufer.

Bei Mercedes-Benz ist das erste E-Auto dagegen noch nicht angekommen. Im Juni startet der Verkauf des elektrischen Kompakt-SUV EQA. Eine Ladesäule hängt schon, die Vorfreude ist dem Mercedes-Händler anzumerken. Das Fahrzeug sei allerdings bereits reserviert, eine Warteliste gebe es auch, Liefermengen seien allerdings ein Problem. Der Händler erklärt, dass Autohäuser in Südafrika nur geringe Stückzahlen erhielten, da der Markt so klein sei. Fahrzeuge gingen dahin, wo sie auch sicher verkauft würden, also zum Beispiel nach China.

Bereit für den Boom: Im Mercedes-Autohaus gibt es zumindest schon eine Ladesäule

Bereit für den Boom: Im Mercedes-Autohaus gibt es zumindest schon eine Ladesäule

Foto: Julia Fiedler

Der Volvo-Händler weiß nicht, wann das nächste E-Auto kommt, das könne dauern. Er hatte mal eines. Das hat Wendy gekauft.

Mit Solarstrom zum Einkaufen

Die Künstlerin kann sich also als absolute Pionierin sehen. Die Frauen gehen zur Garage, langsam rollt Wendy das schwarz glänzende SUV heraus. Amiene stellt Fragen zur Performance, doch viel ist Wendy noch nicht gefahren. Das Auto ist nur zum Einkaufen gedacht.

Warum sie dafür ein nagelneues E-Auto braucht? Wendy lächelt. Sie wolle den Volvo mit selbst erzeugtem Solarstrom laden. Und zeigt Richtung Dach, auf dem eine Fotovoltaikanlage in der Sonne glänzt. Außerdem stehe sie auf neue Technik. Sie sei auch eine der ersten Südafrikanerinnen mit iPhone gewesen.

Lässt sich aus solchen Überzeugungstaten der Oberschicht eine Hoffnung ableiten, ganz Afrika zu elektrifizieren? Alle zusammen stünden ganz am Anfang, räumt Audi ein.

Strafzoll für Stromer

Vor dem Erfolg der Elektromobilität stehen viele Hindernisse. Allen voran der Preis. Anders als in Deutschland werden E-Autos in Südafrika nicht subventioniert. Im Gegenteil: Die Importsteuer für elektrische Fahrzeuge liegt bei 25 Prozent und damit sieben Prozentpunkte höher als die für Verbrenner.

Wenn es nach Alan Winde geht, ist das eine Stellschraube, an der dringend gedreht werden muss. Er ist Premierminister der Provinz Western Cape, der Region um Kapstadt. »Die Steuer ist ja fast schon eine Luxussteuer. Ich hoffe, dass wir sie in den nächsten Monaten abschaffen können, das würde den Preis von E-Autos auf einen Schlag um 25 Prozent senken. Und meiner Ansicht nach sollte es zusätzlich dazu weitere Anreize geben.«

Ein schnelles Hochfahren der Elektromobilität sei allerdings nicht unproblematisch, gibt der Premier zu bedenken. Eine Sorge, die auch in Deutschland gelegentlich angeführt wird, ist hier ein handfestes Problem: Das Stromnetz ist bereits jetzt überlastet.

Das Stromnetz macht schlapp

Südafrika hat seit Jahren erhebliche Probleme mit der Stromversorgung, und das führt zum sogenannten »Load Shedding« – dem gezielten Abschalten des Stroms für Privathaushalte. Südafrika bezieht seine Energie fast zu 90 Prozent aus Kohlekraft, was auch den Klimanutzen der E-Mobilität erheblich schmälert.

Wenn der Kohlestrom denn überhaupt zu haben ist: Der staatliche Energieriese Eskom hat die Infrastruktur katastrophal heruntergewirtschaftet, nun ist sie völlig marode. Gleichzeitig wächst die Wirtschaft und mit ihr der Strombedarf – das Netz macht regelmäßig schlapp. Vergangenes Jahr wurde an manchen Tagen für bis zu sieben Stunden der Strom abgeschaltet. So schlimm soll es 2022 zwar nicht werden, aber unter solchen Umständen ein E-Auto zu kaufen, ist wenig verlockend.

Wohlhabende E-Auto-Käuferinnen wie Wendy umgehen dieses Problem, indem sie ihren eigenen Solarstrom erzeugen. Off-the-grid zu sein ist im Trend, viele Neubauten werden inzwischen direkt mit Solaranlagen ausgestattet.

Milliarden für die grüne Transformation

In der Gegend von Kapstadt gibt es bereits zahlreiche kleinere private Wind- oder Solarfarmen. Jetzt sucht die Stadt mit einer Ausschreibung weitere, um die Stromerzeugung zu diversifizieren, aus dem Kohlestrom auszusteigen und unabhängiger vom Stromversorger Eskom zu werden.

Hier liegt für Premier Alan Winde eine wichtige künftige Aufgabe von E-Autos. Sie sollen Teil eines Energiesystems der Zukunft werden. »Smart Grids und damit verknüpfte kleinere Batteriesysteme können uns helfen, ein viel demokratischeres Stromnetz zu betreiben. E-Autos sind Teil dieser Strategie, weil man ihre Batterien als Stromspeicher nutzen  kann, wenn es überschüssige Energie gibt.«

Für eine nachhaltige Stromversorgung zählt Südafrika auf Hilfe der EU. Über eine Energiepartnerschaft, an der auch die USA beteiligt sind, werden in den kommenden Jahren Milliarden in das Land fließen, um die grüne Transformation zu ermöglichen.

Geld für eine Ladesäule oder 20 Schulklos?

Südafrikaner fahren oft und gern mit dem Auto. Das Land ist weit, und die Distanzen sind gewaltig. Bisher gibt es allerdings nur etwas mehr als 200 öffentliche Ladepunkte  im ganzen Land, das immerhin dreimal so groß ist wie Deutschland mit seinen mehr als 50.000 Ladepunkten.

Weites Land: Immerhin alle 200 Kilometer gibt es an den wichtigen Fernstraßen eine Schnellladestation

Weites Land: Immerhin alle 200 Kilometer gibt es an den wichtigen Fernstraßen eine Schnellladestation

Foto: Stefan Renner / PantherMedia / IMAGO

Reichweitenangst ist daher berechtigt, doch Winston Jordaan lacht nur und winkt ab. »Ich weiß nicht, wovon zur Hölle du redest! So reagiere ich immer, wenn jemand behauptet, die Infrastruktur sei schlecht.« Als Chef des Unternehmens Gridcars hat er alle südafrikanischen Ladestationen gebaut. Er sagt, Zukunftstechnologien hätten ihn schon immer interessiert. In der Uni hat er fliegende Autos entworfen, nun sieht er den Ausbau der Ladeinfrastruktur als seinen Beitrag, die Mobilität nach vorn zu bringen.

»Wir bauen erst mal strategisch, für eine flächendeckende Versorgung. Entlang der Fernstraßen haben wir schon mindestens alle 200 Kilometer eine Schnellladestation.« Wer Schnellladen in Deutschland gewöhnt ist, wird sich an einer südafrikanischen DC-Ladesäule allerdings die Augen reiben. »Schnell« bedeutet hier meist nur 60 kW. Neuere Ladestationen leisten aber immerhin 90 kW. Zum Vergleich: Teslas Supercharger-Netz in Europa und Nordamerika verspricht Spitzenleistungen von 250 kW. Andere Stationen bieten bereits 300 kW.

Die Ladeinfrastruktur Südafrikas ist ausschließlich privat finanziert. »Die Regierung hat bisher keine Ladesäulen gebaut. Es würde sich aber auch falsch anfühlen, wenn sie es täte«, sagt Jordaan. »Anstelle einer Ladesäule kann man 20 Toiletten in einer Schule bauen. Und wir haben allein in unserer Provinz mehr als 3000 Schulen, die keine Toiletten besitzen.«

Unterstützung fand er woanders. »2019 kam Jaguar auf uns zu und schloss mit uns einen Dreijahresvertrag über ein Branding unserer Ladesäulen ab. Unser Businessmodell soll perspektivisch zwar der Verkauf von Strom sein, aber vorerst können wir uns über Wasser halten. Einen ähnlichen Deal gibt es auch mit Audi, da bauen wir im Moment neue Ladestationen auf.« Langfristig will Winston Jordaan ganz Afrika elektrifizieren.

Dann doch lieber Diesel

Wer in Kapstadt nach einem E-Auto sucht, kann auch Glück haben. Das Autohaus der BMW-Marke Mini hat einen Mini Cooper SE vorrätig, sogar eine Probefahrt ist möglich. Das Interesse sei groß, aber vor einem Kauf schreckten dann doch viele zurück, erzählt der Händler. Darum beginne er Probefahrten immer an der Ladesäule, um den Kunden ein paar Sorgen zu nehmen und sie aufzuklären. Er kämpft mit dem Kabel, das sich nicht lösen lässt.

Kampf mit dem Kabel: Der Mini-Händler in Kapstadt schafft es nicht, den interessierten Taxifahrer vom Elektroantrieb zu überzeugen

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Foto: Julia Fiedler

Vom Parkplatz gegenüber kommt ein Taxifahrer hinübergeschlendert. Er ist neugierig. »Mit meinen Kollegen rede ich manchmal über E-Autos, wir finden das spannend, vor allem das Fahrgefühl soll ja toll sein. Aber für mich wäre es nur was, wenn man damit nicht liegen bleibt und das Laden schneller geht.« Die Reichweite und Ladezeit, die ihm der Mini-Händler nennt, überzeugen ihn nicht. Sein Diesel sei da zuverlässiger. Auf die Frage, ob ihm denn der Klimawandel nicht wichtig sei, hat er eine klare Antwort: »Das ist nicht unsere größte Priorität.«

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