Konjunkturpaket Die Deutschen entdecken das Elektroauto

Die höhere Prämie macht Elektroautos attraktiver und führt zu einer deutlich steigenden Nachfrage. Das allerdings hat einen unangenehmen Nebeneffekt.
Elektroautos werden nun mit einer höheren Kaufprämie gefördert. Die Nachfrage stieg dadurch offenbar sprunghaft an, könnte jedoch die ohnehin schon langen Lieferzeiten weiterhin verlängern

Elektroautos werden nun mit einer höheren Kaufprämie gefördert. Die Nachfrage stieg dadurch offenbar sprunghaft an, könnte jedoch die ohnehin schon langen Lieferzeiten weiterhin verlängern

Foto: Martin Gerten/ DPA

Die kürzlich beschlossene, deutlich höhere Elektroautoprämie wirkt offenbar. So stieg der Anteil der Stromer an den konfigurierten Fahrzeugen bei Carwow, einem Vergleichsportal für den Neuwagenkauf, am 4. Juni - also an dem Tag, an dem die höhere Prämie bekannt wurde - im Vergleich zum selben Tag der Vorwoche von 10 Prozent auf 45 Prozent.

Auch auf der Onlineplattform Meinauto.de legte die Nachfrage deutlich zu. Lag sie im Mai noch bei 13,2 Prozent für Elektrofahrzeuge, stieg sie mit der Kaufprämie auf 23,6 Prozent. Das größte Interesse gelte dabei den Modellen VW e-up!, VW e-Golf und Renault Zoe, erklärte Geschäftsführer Marco Steinfatt. Auch das Portal Neuwagen24.de erklärte auf Anfrage, dass ein gesteigertes Interesse an E-Autos feststellbar sei. Neben dem VW e-up! sind demzufolge vor allem die Modelle BMW i3, Honda e, Kia e-Niro sowie die elektrischen Varianten der Hyundai-Modelle Kona und Ioniq gefragt.

Nachfrage könnte um 40.000 Fahrzeuge steigen

Dass das Konjunkturpaket der Koalition dem Verkauf von Elektroautos in Deutschland kräftigen Rückenwind beschert, bestätigt auch eine Einschätzung der Unternehmensberatung Deloitte. Dadurch dürfte der Absatz auf dem deutschen Markt dieses Jahr um 40.000 auf bis zu 200.000 E- und Hybridautos steigen, während der Abverkauf von Benzinern und Dieselautos unter dem des Vorjahres bleibe. Angenehmer Nebeneffekt: Die deutschen Autohersteller würden durch den Anstieg die CO2-Vorgaben erfüllen. Nächstes Jahr dürften Strafzahlungen, die ab diesem Jahr bei einer Überschreitung der CO2-Flottengrenzwerte fällig werden, dank der Verschiebung hin zur Elektromobilität geringer ausfallen, sagte Deloitte-Branchenexperte Harald Proff.

Die Koalition will die Kaufzuschüsse für E-Autos bis Ende 2021 auf bis zu 6000 Euro verdoppeln. Zudem senkt sie die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr um drei Prozentpunkte. Damit werde ein Elektroauto, für das in Deutschland heute im Durchschnitt 38.000 Euro bezahlt würden, im Schnitt um gut 4000 Euro oder elf Prozent günstiger, sagte Proff. Im Paket verankert sind zudem Steuervorteile für elektrische Dienstwagen bis 60.000 Euro Kaufpreis und Milliardenzuschüsse für den Bau von Ladesäulen. "Darauf reagiert der Markt", so Proff.

Begrenzte Kapazitäten sorgen für lange Lieferzeiten

Der Kauf eines Elektroautos könnte für viele Kunden allerdings zur Geduldsprobe werden, da die Produktionskapazitäten begrenzt sind - und die nun steigende Nachfrage die Wartezeiten weiter verlängern dürfte. So ist der vergleichsweise günstige Seat Mii electric im Jahr 2020 nicht mehr bestellbar, bei seinem Konzernbruder VW e-up! betrug die Lieferzeit nach Angaben des Onlineportals Carwow bereits vor der höheren Prämie rund sechs Monate, auf einen Kia e-Niro müssen Kunden demnach sogar rund zwölf Monate warten.

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Hyundai, Mini, Seat und Co: Elektroautos für (relativ) wenig Geld

Foto: ULI_SONNTAG/ Auto-Medienportal.Net/ Hyundai

Die Prämie werde diese Wartezeiten weiter verlängern, erklärte auch Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer im SPIEGEL-Interview. "Die Lieferzeiten sinken erst in den nächsten Jahren, wenn die Kapazitäten bei den Batteriezellherstellern steigen", so Dudenhöffer.

Studie sieht Ausbau der Ladeinfrastruktur als wichtigeren Hebel

Wie wichtig neben Kosten und Lieferzeiten äußere Impulse beim Umstieg auf ein Elektroauto sein können, zeigt eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die der "Süddeutschen Zeitung"  vorliegt. So nutzten Kunden des Carsharing-Anbieters Flinkster der Studie zufolge bei gleichen Preisen und Verfügbarkeiten deutlich öfter einen Verbrenner, die Fahrleistungen der ganzjährig verfügbaren Stromer waren um 79 Prozent geringer, während bei Privatfahrzeugen kaum ein Unterschied zwischen der Fahrleistung von Benzinern und E-Autos bestand. Dieser Unterschied liegt den Forschern zufolge an der sogenannten Status-quo-Verzerrung, derzufolge Menschen den gegenwärtigen Zustand gegenüber Veränderungen bevorzugen - also beim Carsharing im Zweifelsfall lieber in den gewohnten Verbrenner steigen.

Eine weitere wichtige Rolle spielt die Sorge, unterwegs mit leerer Batterie zu stranden. Die ist den Forschern zufolge zwar unbegründet, weil 82 bis 92 Prozent der von den Deutschen durchgeführten täglichen Fahrten auch mit einem Elektroauto bewältigt werden. Allerdings müssen die Autofahrer ihren Wagen dafür bei Bedarf zuverlässig laden können. Die Forscher sehen den Ausbau der Ladeinfrastruktur, der ebenfalls Teil des Konjunkturpakets ist, deshalb als wichtigen Hebel bei der Förderung der Elektromobilität. Es sei derzeit aber fraglich, ob die Erhöhung der Förderprämien der E-Mobilität durch zusätzliche Nachfrage dauerhaft zum Durchbruch verhelfen könne, so die ZEW-Forscher.

ene/dpa
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