Europaweite Studie zu Verkehrsunfällen Die Politik tut zu wenig zum Schutz von Radfahrern und Fußgängern

Immer weniger Autofahrer kommen bei Unfällen ums Leben - während die Todesgefahr für Radfahrer und Fußgänger gleich hoch bleibt. Der Europäische Verkehrssicherheitsrat zieht ein verheerendes Fazit.
Radfahrer im Straßenverkehr: Es gibt immer mehr davon - doch daran allein liegt es nicht

Radfahrer im Straßenverkehr: Es gibt immer mehr davon - doch daran allein liegt es nicht

Foto: Arne Dedert/ DPA

Radfahrer und Fußgänger sind auf Europas Straßen viel zu schlecht geschützt. Deshalb gebe es jedes Jahr Tausende Tote, teilte der Europäische Verkehrssicherheitsrat ETSC in Brüssel als Ergebnis einer neuen Studie mit.

Zwischen 2010 und 2018 seien demnach mehr als 70.000 Menschen ums Leben gekommen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs waren. Fast immer seien sie bei Unfällen gestorben, an denen ein Motorfahrzeug beteiligt war - die Radfahrer zu 83 Prozent, die Fußgänger sogar zu 99 Prozent.

Im Jahr 2018 seien 29 Prozent aller bei Unfällen getöteten Verkehrsteilnehmer Fußgänger und Radfahrer gewesen. Der Anteil älterer Menschen sei dabei besonders hoch - jeder zweite getötete Fußgänger oder Radfahrer sei älter als 65 Jahre gewesen, teilte der ETSC mit, der dafür die Unfallstatistiken der EU-Staaten und benachbarter Länder wie Norwegen oder der Schweiz ausgewertet hatte.

Rund 5200 Fußgänger und 2200 Radfahrer werden dem ETSC zufolge jedes Jahr in der Europäischen Union bei Verkehrsunfällen getötet. Während die Zahl der getöteten Autoinsassen von 2010 bis 2018 um 24 Prozent zurückgegangen sei, blieb sie bei Radfahrern fast unverändert.

Die hohen Unfallzahlen bei Radfahrern haben laut Untersuchung einerseits damit zu tun, dass immer mehr Menschen auf Fahrräder und Pedelecs steigen. Der Verkehrssicherheitsrat rügte aber zugleich ein Versagen der EU, vieler Regierungen, lokaler Behörden und von Fahrzeugherstellern. Sie investierten nicht genug in den Schutz der verletzlichsten Verkehrsteilnehmer.

Sichere Überwege, Tempo-30-Zonen, die Entzerrung von Fahrrad und Auto

Dabei sind die Gefahrenpunkte bekannt. So weist die ETSC-Studie darauf hin, dass 28 Prozent aller tödlichen Radfahrerunfälle an Kreuzungen geschehen - wenn sie sicherer gestaltet wären, könnte das viele Unfälle vermeiden. Für Fußgänger fehlten vielerorts immer noch separate Gehwege und sichere Überwege. Wo die Fahrbahn an Überwegen verengt sei, bremse dies den Autoverkehr wirkungsvoll und verkürze den Weg der Fußgänger bis zur gegenüberliegenden Straßenseite.

Auch die Gefahr, die von abbiegenden Bussen und Lastwagen ausgeht, heben die Autoren der Studie hervor: In den Niederlanden etwa stürben 36 Prozent der Radfahrer, die von einem schweren Lastwagen erfasst werden. Eine Kollision mit einem Auto ende in acht Prozent der Unfälle tödlich. Techniken zur Vermeidung des toten Winkels bei Lastwagen habe die EU zwar inzwischen vorgeschrieben, doch werde es viele Jahre dauern, bis diese sich in der Praxis auswirkten.

Sichere Überwege, überwachte Tempo-30-Zonen oder die Entzerrung von Fahrrad- und Autoverkehr sind einige Vorschläge, die das ETSC-Papier macht. Die Experten der unabhängigen Organisation, die EU-Einrichtungen wie die Kommission oder das Parlament in Fragen der Verkehrssicherheit berät, vergleichen darin auch die Ansätze der europäischen Länder. So zeige sich, dass Deutschland und andere EU-Staaten in ihren Strategien für Rad- und Fußgängerverkehr kein Ziel für die Unfallvermeidung formuliert hätten.

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mamk/dpa-afx
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