Norm Euro 7 EU schwächt Pläne für neue Auto-Abgasvorschriften ab

Die neue Abgasnorm Euro 7 sollte Autos mit Verbrennungsmotor so sauber wie möglich machen – doch nun lässt die EU-Kommission Milde gegenüber der Industrie walten. Benziner sollen Brüssel zufolge bezahlbar bleiben.
Abgase auf der Straße: Der Straßenverkehr ist nach EU-Angaben für 70.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr in Europa verantwortlich

Abgase auf der Straße: Der Straßenverkehr ist nach EU-Angaben für 70.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr in Europa verantwortlich

Foto: Marijan Murat / dpa

Die Europäische Kommission will die künftigen Abgasvorschriften für Autos abschwächen. Die bereits heute für Pkw mit Benzinmotor geltenden Schadstoffgrenzwerte sollten beibehalten werden, heißt es in einem Entwurf für die Abgasnorm Euro 7, der dem SPIEGEL vorliegt. Lediglich Diesel-Modelle, die nach der geltenden Norm Euro 6d noch leicht höhere Mengen etwa an Stickstoffoxiden ausstoßen dürfen, müssten sich dem Niveau der Benziner angleichen. Zudem soll die Kontrolle der realen Emissionen im Betrieb nur leicht verschärft werden.

Mit dem noch nicht finalen Entwurf kassiert die Kommission Empfehlungen eines technischen Expertengremiums für drastisch verringerte Schadstoffmengen ein. »Diese Wahl wurde getroffen, um die Bezahlbarkeit von Autos für Verbraucher zu verbessern und die Investitionskosten für neue Abgaskontrollsysteme zu minimieren«, heißt es in dem Dokument.

Die Veröffentlichung der seit vier Jahren vorbereiteten Norm wurde bereits mehrfach verschoben. Ursprünglich hatte die EU die Absicht verkündet, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren durch diese Vorschrift ab 2025 so sauber wie technisch und wirtschaftlich möglich zu bekommen. Die Kommission begründet ihren Sinneswandel mit den »aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Umständen«, vor allem dem dramatischen Kostenanstieg.

Lohnt sich die Mühe vor dem Verbrenneraus noch?

Ohnehin dürften die Verbrenner nach 2035 nicht mehr  auf den EU-Markt gebracht werden, heißt es in dem Entwurf. Damit folgt die Kommission Argumenten aus der Autoindustrie. So hatte Carlos Tavares, der Chef des zweitgrößten europäischen Autokonzerns Stellantis (Peugeot, Fiat, Opel), einen Verzicht auf Euro 7 gefordert, um sich voll auf Elektroantriebe konzentrieren zu können: »Geld für die Entwicklung eines weiteren Schritts des Verbrennungsmotors auszugeben, der ab 2028 durchgesetzt wird, das ergibt keinen Sinn.«

Anders beurteilt die Kommission die Lage für Nutzfahrzeuge wie Lkw oder Busse: Die für sie geplante separate Vorschrift Euro VII sieht etwas strengere Abgaslimits vor, weil in diesem Segment noch länger mit Dieselantrieben zu rechnen sei. Pro Fahrzeug sei nach dem Vorschlag mit einem Aufpreis von 2681 Euro für die technische Aufrüstung zu rechnen. Pkw und leichte Nutzfahrzeuge hingegen würden nur um 304 Euro pro Stück teurer – nicht um mehrere Tausend Euro, wie die Industrie angesichts der bisher diskutierten Euro-7-Vorschläge gewarnt hatte. Damit wären die Anforderungen deutlich günstiger als die der 2014 eingeführten Vorgängernorm Euro 6.

Die Industrie hat bereits Lösungen entwickelt, mit denen sich auch eine strenge neue Abgasnorm einhalten ließe. Mehr dazu lesen Sie hier. 

Unter dem Strich rechnet die Kommission ohnehin mit einem volkswirtschaftlichen Gewinn. Allein die Gesundheits- und Umweltvorteile auch des abgeschwächten Vorschlags werden über 25 Jahre hinweg auf bis zu 55,8 Milliarden Euro für Autos und bis zu 133,6 Milliarden Euro für Nutzfahrzeuge beziffert, ein Vielfaches der Kosten. Dahinter stehe vor allem die Reduzierung schädlicher Emissionen von Stickoxiden (NOx) und Feinstaub (PM2,5). Nach EU-Angaben sterben pro Jahr 400.000 Menschen in der Union vorzeitig infolge der Luftverschmutzung, etwa durch Herz-, Lungen- oder Krebserkrankungen. Auf den Straßenverkehr ließen sich 70.000 vorzeitige Todesfälle zurückführen.

»Dieselgate-Moment«

Laut der Umweltschutzorganisation Transport & Environment (T&E) könnte der ambitioniertere Vorschlag des Expertengremiums Clove bis 2050 rund 35.000 Menschenleben retten. Bis zum Verbrenneraus würden nach ihrer Schätzung noch rund hundert Millionen Autos mit erhöhten Schadstoffemissionen auf Europas Straßen gelassen und seien dann noch jahrzehntelang unterwegs. Der abgeschwächte Entwurf zugunsten der Autolobby sei ein Skandal. »Damit hat die Europäische Kommission ihren eigenen Dieselgate-Moment«, kommentierte Anna Krajinska, T&E-Expertin für Fahrzeugemissionen und Luftqualität. Mit »Dieselgate« spielte sie auf den Betrug mit von Autoherstellern wie Volkswagen verschleierten Schadstoffwerten an. Wenn der Entwurf so bleibe, dann solle die EU lieber ganz auf Euro 7 verzichten.

Aus dem Europaparlament kam entgegengesetzte Kritik. »Das Timing könnte kaum unpassender sein: Die Welt geht in Flammen auf, die Inflation lässt die Preise in die Höhe schnellen, Unternehmen und Bürger ächzen unter explodierenden Energiepreisen und die Kommission schlägt neue Abgasnormen vor, die letztendlich die Preise für Autos und vor allem Lkw und Busse weiter in die Höhe schnellen lassen«, kommentierte der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber. Dies sei auch deswegen absurd, weil den aktuellen Plänen zufolge ab 2035 de facto ohnehin kein Verbrennungsmotor mehr auf den Markt kommen solle und der für die E-Mobilität notwendige Infrastrukturausbau nicht richtig vorankomme.

Nach vorläufiger Planung will die zuständige EU-Kommission ihren Vorschlag für die neue Abgasnorm am 9. November vorstellen. Er soll insbesondere neue Fahrzeugtechnologien berücksichtigen und sicherstellen, dass Emissionen in Echtzeit gemessen werden. Über die genaue Höhe der künftigen Emissionsgrenzwerte wird nach Angaben aus der EU-Kommission noch beraten.

ani/ahh/dpa
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