Alfa Romeo 159 Sportwagon Der Brioni-Kombi

Die Zuversicht ist zurückgekehrt zu Alfa Romeo. Die Verkaufszahlen steigen, und nun tritt das volumenstärkste Modell in neuer Auflage an: der Mittelklasse-Kombi 159 Sportwagon. Er ist der dritte Typ einer Viererkette, die für Stabilität bei den Italienern sorgen soll.

Von Jürgen Pander


Ulrich Mehling, der Direktor von Alfa Romeo in Deutschland, ist ein zufriedener Mann. "Im ersten Quartal 2006 haben wir rund 40 Prozent mehr Autos verkauft als in den drei Monaten des Vorjahres", sagt er. Und er fügt an: "Wir wollen deutlich nach vorne kommen." Das will natürlich jeder im Automobilgeschäft, doch Mehling kann sich bei seinem Wunsch auf eine neue Viererkette stützen. Im vergangenen September kam der neue Alfa 159 auf den Markt, im Januar das Coupé Brera, jetzt der 159 Sportwagon und im Juni wird der Alfa Spider folgen. "Dann haben wir binnen zehn Monaten die Hälfte unserer Modellpalette erneuert."

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Alfa Romeo 159 Sportwagon: Der mit dem Heck lockt

Der Kraftakt soll in diesem Jahr zu insgesamt 19.000 Alfa-Neuzulassungen in Deutschland führen. Nach den rund 11.000 Exemplaren des vergangenen Jahres wäre das ein schöner Erfolg für die Italiener, die mit dem neuen Sportwagon einmal mehr beweisen, dass auch in einer stetigen Flut neuer Blechformen immer noch Karosserien möglich sind, die auf Anhieb aus der Masse hervorstechen. Der Alfa 159 Sportwagon gehört zu den optisch aufregendsten Kombis in der Mittelklasse - ein VW Passat wirkt im Vergleich hüftsteif, ein Jaguar X-Type Estate behäbig.

Beim betörenden Design griffen die Spezialisten von Giugiaro den Alfa-Leuten unter die Arme. Vor allem das Heck, an dem sich die Linien elegant zusammenziehen, ist ein optischer Genuss. Allerdings würde der Sportwagon bei einem Lademeister-Turnier bereits im Viertelfinale scheitern. Sein Gepäckvolumen reicht von 445 bis 1235 Liter - bis auf den BMW 3er Touring, der maximal ebenfalls 1235 Liter schluckt, passt in sämtliche Wettbewerber mehr Ladegut. Immerhin: Serienmäßig ist die Rücksitzlehne geteilt umklappbar und das Gepäckraumrollo ist tatsächlich mit einer Hand fummelfrei bedienbar.

Weniger praktisch - aber optisch eben hinreißend - ist die kleine Heckklappe. Sie verfügt übrigens weder über einen Griff noch einen Knopf noch einen Hebel zum Öffnen. Dazu muss entweder der Knopf am Zündschlüssel gedrückt werden oder die Taste im Dachhimmel neben der Innenraumbeleuchtung. Erst dann springt die Klappe auf. Störend beim Be- oder Entladen ist zudem die hohe und breite Ladekante.

Die Ästheten unter den Kombifahrern werden so etwas gerne in Kauf nehmen. Zumal der Sportwagon im Innenraum eine bislang bei Alfa nicht gekannte Sorgfalt demonstriert. Das Arrangement der Armaturen, die Oberflächen, die Tasten und Schalter - es gibt an diesem Interieur kaum etwas zu verbessern. Auch bei der Ausstattung wollen die Italiener durch Großzügigkeit überzeugen. Elektrische Fensterheber vorne und hinten, CD-Radio und Klimaanlage, Lederlenkrad und 16-Zoll-Leichtmetallfelgen sind Serie; ebenso ABS, ESP sowie sieben Airbags. Ein achter Luftsack, der die Beine des Beifahrers schützt, kostet 190 Euro Aufpreis.

Ein sinnvolles Extra könnte für manchen auch das gemeinsam mit Microsoft entwickelte System "Blue&Me" sein. Es ermöglicht über eine Bluetooth-Schnittstelle und einen USB-Stecker im Handschuhfach das Integrieren von Mobiltelefonen, MP3-Spielern oder Computern, die dann über die Bedientasten am Lenkrad gesteuert werden können. 350 Euro Aufpreis verlangt Alfa für diese Neuerung.

Fahrzeugschein
Hersteller: Alfa Romeo
Typ: 159 Sportwagon 2.2 JTS
Karosserie: Kombi
Motor: Vierzylinder-Benzin-Direkteinspritzer
Hubraum: 2.198 ccm
Leistung: 185 PS (136 kW)
Drehmoment: 230 Nm
Von 0 auf 100: 9,0 s
Höchstgeschw.: 220 km/h
Verbrauch (ECE): 9,5 Liter
CO2-Ausstoß: 225 g/km
Kraftstoff: Superbenzin
Kofferraum: 445 Liter
umgebaut: 1.235 Liter
Versicherung: 18 (HP) / 22 (TK) / 22 (VK)
Preis: 29.350 EUR
Alfa bietet für den Sportwagon drei Diesel- und drei Benzinmotoren an (120 bis 260 PS/ 88 bis 191 kW), alles Direkteinspritzer, die Selbstzünder ausnahmslos mit Rußpartikelfilter. Zwar hat Alfa nach eigenen Angaben den höchsten Diesel-Anteil aller Pkw-Hersteller in Europa (rund 70 Prozent), doch können sich auch die Benziner sehen lassen. Wir fuhren mit dem voraussichtlich begehrtesten Ottomotor dieser Baureihe, dem 2,2-Liter-Vierzylinder mit 185 PS (136 kW), der ab Werk mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe ausgeliefert wird. Ein spritziges, bei hohen Drehzahlen wild fauchendes Aggregat mit guten Anzug und ordentlichen Fahrleistungen. Der Durchschnittsverbrauch liegt offiziell bei üppigen 9,5 Litern je 100 Kilometer, etwas mehr, nämlich 9,7 Liter, zeigte der Bordcomputer nach unserer Testfahrt an.

Auf der Straße macht der Wagen einen prima Eindruck. Die Abstimmung ist knackig wie ein italienischer Mandelkeks, das Getriebe verlangt etwas Gefühl, und die Lenkung macht immer wieder Lust auf die nächste Kurve. Alfa Romeo hat es auch bei diesem Auto geschafft, das spezifische Fahrgefühl - ein bisschen rau, ein wenig laut, aber vor allem sehr unmittelbar und ehrlich - entstehen zu lassen.

Die deutsche Dependance rechnet damit, dass sich noch in diesem Jahr 7000 Käufer von den Formen und dem Flair des Sportwagon einnehmen lassen. Es wird diese Leute nicht stören, dass zum Beispiel die Sicht nach hinten miserabel ist. Sie werden über den formschönen Schaltknauf streicheln, mit dem Startknopf den Motor wecken und dann begeistert zusehen, wie im Cockpit auf dem digital simulierten Walzentacho die Kilometer abgewickelt werden. Da geht es den Alfa-Fahrern wie Alfa-Direktor Mehling: Sie wollen vorwärts kommen.



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