Aston Martin V12 Vantage Mit dem Herz eines Riesen

Mercedes CL, Bentley Continental, Ferrari 612: In der Luxusklasse gelten Zwölfzylindermotoren als Ritterschlag. Aston Martin zwängt ein solches Kraftpaket nun unter die Haube des vergleichsweise zierlichen Vantage - das Ergebnis ist ein fast perfekter Sportwagen.


Dieses Trumm von einem Motor soll in diesen schlanken Bug passen? Die Entwickler bei Aston Martin waren anfangs nicht sicher, ob sich die Idee von Firmen-Chef Ulrich Bez umsetzen lässt. Und so hat das Team um Projektleiter Paul Barrit lange gewerkelt und sogar gehobelt, bis der 30 Zentimeter längere Zwölfzylindermotor aus dem Modell DBS auch unter die Haube des zierlichen Vantage passte. Mit sechs Litern Hubraum, 517 PS und 570 Nm wird der neue V12 Vantage für einen Aufpreis von 50.000 Euro gegenüber dem bisherigen Achtzylindermodell zu einem außergewöhnlichen Sportwagen. So ein kleines Auto mit so einem großen Motor gibt es sonst nirgends.

Schon der V8 Vantage galt als vollwertiger Porsche-911-Konkurrent. Doch mit dem Zwölfzylindermotor fährt der 4,38 Meter lange Brite dem Schwaben locker davon. Kaum größer als ein Porsche Cayman und entsprechend handlich, wird der Vantage zum wendigen Kraftmeier.

Sehr schnell ist man schneller, als die Polizei erlaubt

Zwölfzylinder stehen normalerweise für gediegenes Fahren - für den Vantage gilt das eher nicht. "Zum gemütlichen Gleiten ist dieser Wagen nicht gemacht", sagt Aston-Chef Bez. Wer zum Start den Schlüssel in die sogenannte Emotion Control Unit schiebt und danach mit der Sporttaste Motorcharakter und Sound verschärft, verfällt umgehend in einen Rausch, der fast zwangsläufig in hohe Drehzahlen und noch höhere Geschwindigkeiten mündet.

Das Auto ist eine Gefahr für jede Fahrerlaubnis. Denn viel zu oft probiert man den schnellen Sprint und vergisst dabei, dass der Wagen schon nach 4,2 Sekunden bei Tempo 100 ist und ungezügelt weiter rast bis 306 km/h. Steigern ließe sich der Spaß wohl nur noch mit einem Doppelkupplungsgetriebe, das Projektchef Baritt aber wegen des höheren Gewichts ablehnt. Deshalb ragt aus dem Mitteltunnel ein konventioneller Schalthebel aus massivem Metall, der schnell durch die Schaltkulisse gleitet. Allerdings liegen die geraden Gänge so weit hinten, dass man beim schnellen Wechseln beinahe mit dem Ellbogen gegen den Sitz donnert.

Der Sechs-Liter-V12, der nun im Vorderwagen sitzt, wird bei Ford in Köln montiert und wiegt rund hundert Kilogramm mehr als der 4,7 Liter große V8, dessen Platz er einnimmt. Dennoch ist das gesamte Auto um lediglich 50 Kilogramm schwerer als das Basismodell, erklärt Projektleiter Baritt. Der Grund dafür sind leichtere Räder samt einer Bremsanlage mit Karbon-Keramik-Scheiben, außerdem Sitzschalen und Türkonsolen aus Kohlefaser. Deshalb bleibt der obendrein um zwei Zentimeter tiefer gelegte Vantage überaus agil und ausbalanciert, folgt willig den Kursvorgaben am Alcantara-Lenkrad und bremst mit der gebührenden Entschlossenheit.

Dicker Motor, aber Verzicht auf jede Provokation

Auch das Fahrwerk vermittelt direkte Härte. Wo sich sanftere Gemüter nach mehr Abroll- und Federungskomfort sehnen, ruft der Sportler im Vantage "Grip, Grip Hurra!" Der Wagen liegt erstaunlich gut auf der Straße und hält auch auf groben Wellen stoisch die Spur. Bequemlichkeit kommt dabei natürlich nicht auf, doch das nehmen echte Fans wohl ebenso billigend in Kauf wie den grotesken Praxisverbrauch von mehr als 20 Litern.

Trotz der immensen Kraft setzt Aston Martin auch beim sportlichsten Vantage nicht auf Protz und Provokation. Zwar ist die Motorhaube nun von Luftschlitzen aus Karbon durchzogen, aus denen beim Ampelstopp flirrend heiße Luft aufsteigt, und vorn wie hinten gibt es Kohlefaser-Spoiler, die sich jedoch dezent unter der Gürtellinie verstecken. "Wir wollen kein aggressives Design", sagt Bez über den Sportler im Smoking. Man soll nicht peinlich berührt wegschauen oder den Wagen einfach ignorieren, sondern bewundernd den Kopf nach ihm drehen.

Für rauchende Raser gibt es einen Aschenbecher aus Glas

Das Ideal von sportlicher Schönheit zieht sich auch durch den Innenraum. So sind die Schalensitze weich beledert, der Dachhimmel ist mit Alcantara ausgeschlagen, und viele metallene Zierteile sind aus dem Vollen gefräst. Die Krönung ist aber der Aschenbecher, der bei Aston Martin tatsächlich aus Glas gefertigt ist - so sieht Liebe zum Detail aus. Da ist es fast ein schöner Trost, dass es auch Makel gibt inmitten des Glanzes: Die Armaturentafel spiegelt sich in der Frontscheibe, und die Abdeckung für den Navigationsmonitor erinnert an eine lustlose Arbeit mit der Laubsäge.

Normalerweise heuert Aston Martin für die Jungfernfahrt keinen geringeren als James Bond an. Doch nachdem 007 gerade erst den DBS ins Rampenlicht chauffierte, musste diesmal der Chef höchstselbst einen heißen Reifen auf die Piste legen. Seine Premiere erlebte der V12 Vantage am Wochenende beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring - unter anderem mit Ulrich Bez am Steuer. Im Gesamtklassement landete das Aston-Team auf dem 21. Rang - und in seiner Wagenklasse auf dem ersten Platz.

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