Aston Martin V8 Vantage Roadster Feine englische Art

Das Timing hätte besser nicht sein können. Kaum war bei Aston Martin der Besitzerwechsel unter Dach und Fach, präsentierten die Briten in Südfrankreich einen neuen Roadster. Das Auto soll das nächste Kapitel der noch jungen Erfolgsgeschichte der Marke schreiben.


"Power, Beauty, Soul" – diese drei Worte erscheinen auf dem kleinen Bildschirm im Cockpit, sobald die Zündung des Aston Martin V8 Vantage Roadster eingeschaltet wird. Zugleich schimmert rotes Licht durch den Startknopf aus Kristallglas. Ein Fingerdruck reicht aus, um zu kapieren, was es mit dem Wort Power auf sich hat. Denn wenn der 4,3-Liter-Achtzylinder erwacht, klingt das Grummeln aus dem Motorraum wie ein fernes Gewitter, und noch ohne einen Meter gefahren zu sein ahnt man, was gleich kommen wird: Furioser Vortrieb.

Das mit der Beauty leuchtet auch ein, denn der Wagen sieht umwerfend aus. Aus keiner Perspektive aggressiv oder arrogant, aus keinem Blickwinkel fad oder uninspiriert. Dies ist ein rundum eleganter, harmonischer, sportlicher Roadster – und das gilt auch dann noch, wenn die Elektrohydraulik das vom deutschen Hersteller Edscha entwickelte Stoffverdeck über den Innenraum gestülpt hat.

Kein Auto für die Massen

Und Soul? Nun ja, Seele ist ein großer Begriff für ein Auto, Aston Martin allerdings auch eine außergewöhnliche Marke. Zum Beleg hier ein paar Daten aus der mittlerweile 93-jährigen Firmengeschichte: Sieben Mal war das Unternehmen schon bankrott, und ebenso oft waren neue Geldgeber zur Stelle. Die Jahresproduktion betrug bisweilen nur wenige Dutzend Fahrzeuge – insgesamt wurden lediglich rund 35.000 Aston-Martin-Automobile gebaut. Doch inzwischen wird am neuen Firmensitz in Gaydon in Warwickshire in anderen Dimensionen gerechnet.

Vor sieben Jahren begann die neue Phase. Damals erklomm Ulrich Bez den Chefsessel bei Aston Martin. Bez, zuvor bei Porsche, BMW und Daewoo aktiv, verpasste dem Unternehmen, dessen Puls kaum noch zu spüren war, eine Intensivbehandlung. Wo möglich, nutzte er Synergien im großen Ford-Konzern, zu dem Aston Martin seit 1987 gehörte. Eine neue Fahrzeugarchitektur namens VH wurde entwickelt, die frischen Modelle DB9 und später V8 Vantage auf die Räder gestellt – beide übrigens mit offenen Zwillingen, dem DB9 Volante und dem jetzt gerade vorgestellten V8 Vantage Roadster.

Die Therapie schlug an. Die neuen Autos ernteten Lob – und gewannen das Vertrauen der Kunden. Aston Martin kam wieder zu Atem, im vergangenen Jahr wurden gut 7000 Modelle produziert und in Deutschland 498 Modelle neu zugelassen; damit ließen die Briten bereits Maserati (453 Neuzulassungen) hinter sich und sind Bentley (525 Neuzulassungen) dicht auf den Fersen. Erst vor wenigen Tagen trennte sich Ford von einem Großteil seiner Aston-Martin-Anteile, die neuen Besitzer sind der englische Rennsportunternehmer David Richards, der US-Bankier John Sinders und zwei kuwaitische Investmentgesellschaften.

Zweisitzer mit Rockstar-Sound

"Jetzt", sagt der alte und neue Chef Ulrich Bez, der gerade mit einem neuen Fünf-Jahres-Vertrag ausgestattet wurde, "können wir viel flexibler wachsen, souveräner agieren und dennoch auf die Ressourcen des Ford-Konzerns zurückgreifen." Sinnbild für die neue Freiheit des Unternehmens ist das frische Auto. Ein ebenso schlicht wie raffiniert designter Zweisitzer, der sich überaus rasant fahren lässt und dabei eine Selbstverständlichkeit an den Tag legt wie ein guter Butler. Das Fahrverhalten des prima ausbalancierten Roadsters ist erstaunlich neutral, die Lenkung vermittelt einen sahnigen Kontakt zur Straße, der V8-Motor hält ordentlich Schmalz bereit.

Das Tollste an diesem Auto aber ist die Gesamtwirkung aus sportlichem Fahrvermögen, stilvollem Ambiente und erfrischenden Kleinigkeiten: die Metallperle als Kofferraumöffner, die gegenläufig rotierenden Zeiger der Cockpitinstrumente, die originellen Drucktasten des Automatikgetriebes auf der Armaturentafel. Und über allem hängt ein faszinierender V8-Klang. Voluminös und dunkel bei niedrigen Drehzahlen, fauchend wenn es es schneller wird und brüllend wie ein Rocksänger bei mehr als 5000 Touren. "Ich liebe es, mit dem Gaspedal wie mit einem Klangregler zu agieren", sagt Firmenchef Bez. Es gibt nur wenige andere Autos, die ebenso schön und zugleich seriös klingen. Denn vulgäres Aufheulen oder Kreischen ist dem Briten fremd.

Das Gesamtkunstwerk Aston Martin V8 Vantage Roadster hat nur einen Fehler: es ist, wie eigentlich alle Sportwagen, ein völlig unzeitgemäßes Auto. Der durchschnittliche Benzinverbrauch liegt bei glatten 15 Litern, der CO2-Ausstoß bei 358 g/km. Da gibt es keine Argumente mehr außer jenem, dass dies ja kein Massenmobil ist, sondern in vergleichsweise verschwindend geringer Stückzahl produziert wird. "Und dann werden solche Autos ja auch viel seltener und über kürzere Strecken gefahren, als etwa eine Familienlimousine", sagt Bez.

Es gibt noch einen Grund, warum Autos wie sie Aston Martin baut, nicht nur nach ihrem CO2-Ausstoß beurteilt werden sollten: Es ist nämlich einfach schön, wenn Multikulturalität auf den Straßen herrscht und echte Typen aus dem Masseneinerlei hervorragen. Artenvielfalt in der Automobilwelt ist vielleicht auch ein Wert an sich.

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