Audi 80, Baujahr 1989 Der treue Sklave

Die klassische Form und der geräumige Innenraum werden beim Audi 80 oft gelobt. Doch SPIEGEL-ONLINE-Leser Florian Dingler hat bei seinem Exemplar aus dem Jahr 1989 noch etwas Wichtigeres festgestellt: Der Wagen ist zuverlässig wie ein Diener - bis zu einem bestimmten Punkt.

Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, einige Autos sind noch viel älter. SPIEGEL ONLINE testet mithilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Florian Dingler aus Frankfurt am Main über seinen Audi 80 aus dem Baujahr 1989.

Florian Dingler:
Erinnert sich noch jemand an die Audi-Fernsehwerbung aus den 1980ern? Damals wurde für Procon-Ten geworben, so eine Art Vorläufer des Fahrer-Airbags. Und zwar mittels einer Hand, die eine kleine, aufgeschobene Streichholzschachtel mit einem aus einer Büroklammer gebogenen Lenkrad über den Tisch schob. Beim Aufprall auf ein Hindernis zog sich das "Lenkrad" nach vorne vom Fahrer weg, so dass dieser nicht mit dem Kopf daran anschlug. Ich fand die Werbung damals klasse, wobei ich bis heute nicht verstanden habe, wie das technisch vor sich geht.

Im Sommer 2002 erbte ich das Auto meiner Großmutter, die ihren Führerschein zurückgegeben hatte: einen feuerroten Audi 80 mit 1,8 Liter Einspritzer Automatik aus dem Jahr 1989. Mein erstes Auto! Es tankte bleifreies Benzin, hatte viel Platz im Innenraum (zum Beispiel für das linke Bein, das man ja dank der Automatik nicht braucht) und fuhr zügige 180 km/h Spitze. Ich bin eher 130 km/h damit gefahren, denn darüber hinaus begann der Wagen, sehr durstig zu werden. Und 7,5 Liter auf 100 Kilometer waren ein guter Wert, fand ich.

Öl mochte der Audi auch gerne, nämlich alle 1000 Kilometer etwa zwei Liter. Keine Ahnung, wo er die verdaut hat, denn unten drunter gab es keine Flecken, und hinten bläute auch nichts. Ich habe immer fleißig nachgefüllt - und mein Auto dankte mir diesen Service mit fast sklavischer Zuverlässigkeit.

Dreimal musste ich allerdings Hand anlegen: Einmal war eine Rückleuchte zu tauschen, die mir jemand beim Parken zerstört hatte. Dann lief mir auf der Autobahn A5 ein Reh vor die Motorhaube, zum Glück hatte ich es rechtzeitig gesehen und konnte scharf bremsen. Getroffen habe ich es dann aber leider doch noch. Ergebnis: Blinker und Scheinwerfer links sowie Stoßfänger kaputt. War aber beides nicht schwierig, weil so viele Audi gebaut wurden; Ersatzteile gibt es reichlich und günstig, zum Beispiel im Internet. So konnte der Wildschaden mit Schraubenzieher, Zange und Hammer sowie knapp 130 Euro für Ersatzteile gerichtet werden. Die Rückleuchte gab es gebraucht schon für 18 Euro, der Einbau dauerte zehn Minuten.

Irgendwann röhrte es verdächtig von unten

Selbst die defekten Lämpchen in den Schaltern und im Armaturenbrett konnte man damals beim Audi 80 leicht selbst reparieren: Vier Schrauben gelöst, und schon hatte man das ganze Bord in der Hand. Versuch mal einer, heute, eine Scheinwerferlampe selbst zu wechseln!

Irgendwann röhrte es dann allerdings verdächtig von unten. Auspuff kaputt, dachte ich und fuhr in die Werkstatt. Dort meinten sie, dass der Krümmer zwischen Motor und Katalysator ein Loch habe und dass er getauscht werden müsse. Das Teil gebe es aber nur in der Fachwerkstatt. So ein Ärger, das drohte teuer zu werden.

Aber mein Nachbar guckte dann mal kurz aus Neugier nach und stellte fest, dass nur der Flansch am Kat lose war. Drei Muttern, drei Federringe, drei Scheiben und drei Schrauben - das war's. Ich hatte drei Tage lang Muskelkater im Nacken, denn unter dem Auto liegend arbeitet es sich doch etwas unbequem. Zum Thema kompetente Werkstatt schweige ich lieber.

Wo wir gerade unter dem Auto sind: "An diesem Auto wird eines Tages alles kaputt gehen, aber nicht die Karosserie", sagte ein Mann vom TÜV bei der Prüfung zu mir. "Pflegen Sie die Technik, und Sie werden lange Freude dran haben." Ich ließ also pflegen, in diesem Fall die hinteren Bremsschläuche, eine notorische Stelle. Das war preiswert - und Rost gab es an diesem Auto bis zum Schluss nicht.

Noch mal dasselbe Modell

Mit der Zeit begann der Audi dann allerdings etwas zu stinken, die Zylinderkopfdichtung tat nach knapp 230.000 Kilometern nicht mehr zuverlässig ihren Dienst. Zudem quietschte eine der vorderen Bremse manchmal. Beim Rückwärts-Einparken fuhr ich dann jemandem auf seinen nagelneuen BMW drauf. Ergebnis: Mein Kotflügel war wellig, am BMW war fast nichts. Nur eine Zierleiste war dort abgefallen. Als mir dann ein paar Tage später im Stau ebenfalls jemand drauffuhr, sah das Heck des Wagens wirklich sehr alt und faltig aus. Ich verkaufte ihn für 50 Euro an einen Exporteur. Wahrscheinlich hat jemand in Nordafrika noch Freude daran.

Weil ich so zufrieden war, kaufte ich dasselbe Modell noch einmal. Diesmal in Silber, aber auch mit 1,8 Liter Automatik, mit nur 105.000 Kilometern auf dem Tacho, Erstzulassung 1988. Nach weiteren knapp 1.000 Kilometern gab das Automatikgetriebe leider komplett seinen Geist auf. Der Händler tauschte es aufgrund seiner Gewährleistungspflicht nach einigen Diskussionen gegen ein funktionstüchtiges gebrauchtes Getriebe aus. Die Stoßdämpfer ließ ich auch machen, ebenso den Anlasser, der eines Tages nicht mal mehr klickte, geschweige denn zündete.

Mitte dieses Jahres habe ich nun einen Dienstwagen bekommen und den Audi für 1.000 Euro verkauft. Schade eigentlich, denn ich hatte ihn wirklich lieb gewonnen. Ich werde ihn vermissen.

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