Autogramm Audi A4 Der Streber

Er ist der Bestseller von Audi. Doch die große Beliebtheit des A4 ist auch Ballast - wie das neue Modell beweist.

Audi

Der erste Eindruck: Der A4 sieht aus wie ein Hemd, das gerade aus der Reinigung kommt - gebügelt und gestärkt. Bis auf Dach und Haube wurden alle Blechteile erneuert, der Grill ist flacher, und die Scheinwerfer haben mehr Charakter. Trotzdem erkennt man den Bayern auf Anhieb wieder.

Das sagt der Hersteller: "Eine Stütze der Firma" - so nennt der technische Projektleiter Roland Hudler den A4. Denn dem ganzen SUV-Boom zum Trotz steht das Mittelklasse-Modell für ein Fünftel des Absatzes der Bayern - und für eine lange Tradition. Immerhin gibt es den A4 und seinen Vorgänger Audi 80 jetzt schon seit 37 Jahren. Hudler verweist deswegen stolz auf bislang 7,5 Millionen A4-Kunden.

Aber genau darin liegt für ihn auch ein bisschen das Problem. Auf der einen Seite rechtfertigt der Erfolg ungewöhnlich hohe Investitionen in die Modellpflege. Der Projektleiter hatte entsprechend mehr Handlungsspielraum als seine Kollegen in weniger erfolgreichen Baureihen. Auf der anderen Seite zwingen so viele Bestandskunden zu einer gewissen Behutsamkeit, sodass Hudler die Hände für wirklich große Änderungen gebunden waren.

Das ist uns aufgefallen: Außen mag Audi tatsächlich einiges geändert und den Charakter vorsichtig geschärft haben. Innen ist und bleibt der A4 in seinem Streben nach Perfektion so kühl und langweilig, dass er den Fahrer fast sediert. Alles funktioniert tadellos und unkompliziert, es gibt nichts, woran man sich reiben könnte. Keine schwülstigen Designdetails wie etwa die Lüfterdüsen in der Mercedes-C-Klasse und keine Verwirrspiele wie um den Schaltknauf des neuen Dreier-BMW.

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Autogramm Audi A4: Der brave Bayer

Selbst das Infotainment folgt dieser streberhaften Attitüde und antizipiert sogar Verfehlungen der Kunden: Wer beim Konfigurieren des Wagens irgendwas vergessen hat, kann das jetzt zum ersten Mal bei Audi nachträglich ordern und freischalten lassen wie ein kostenpflichtiges Dienstprogramm aus dem App-Store des Telefons. "Function on demand" nennt Audi dieses neue Angebot. So können auch neue Funktionen wie etwa die Ampelinformationen oder die automatische Parkplatzsuche nachgeladen werden.

Wenn überhaupt etwas irritiert bei diesem Auto, dann ist es der Bildschirm des Bediensystems. Als größte Änderung im Innenraum hat Audi den viel zu kleinen Klappmonitor im Cockpit der Vorgänger gegen einen feststehenden Bildschirm von 10,1 Zoll Diagonale ausgetauscht. Als Touchscreen macht er das leidige Drehrad in der Mittelkonsole überflüssig, stattdessen gibt es dort nun ein bisschen mehr Platz für Becher und Kleinkram. Gleichzeitig wirkt der Bildschirm im Gegensatz zu den perfekt integrierten Systemen der Konkurrenz genauso, wie er ins Auto gekommen ist - nachträglich hinein geschraubt.

Verwunderlich ist auch, dass in Zeiten des Abgasskandals ausgerechnet ein Diesel an der Spitze der Motorenpalette rangiert. Denn das Topmodell S4 gibt es jetzt nur noch als TDI. Immerhin wird schon in den S-TDI-Modellen von A6, A7 und Q5 der Sechszylinder gleich doppelt elektrifiziert. Denn die Entwickler kombinieren den 3,0-Liter zum einen mit einem elektrischen Starter-Generator, der nicht nur besser rekuperiert und so den Verbrauch theoretisch um bis zu 0,4 Liter senkt, sondern auch das Anfahrdrehmoment spürbar erhöht. Zusätzlich verkürzt ein elektrischer Verdichter, der dem Turbo vorgeschaltet wird, die ohnehin schon kurze Gedenksekunde beim Kickdown.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Audi A4 - mit unserem 360-Grad-Foto:

Das muss man wissen: Die Auslieferung des überarbeiteten A4 startet im September, die Preise beginnen bei 33.600 Euro für die Limousine, der Avant startet bei 35.250 Euro, und die ausschließlich mit den stärkeren Motoren lieferbare Geländeversion Allroad Quattro ist ab 50.100 Euro zu haben.

Unter dem S4 für mindestens 62.600 Euro gibt es schon zum Verkaufsstart vier weitere Diesel - drei davon sind Vierzylinder mit 2,0 Litern Hubraum und 136, 163 oder 190 PS, einer nutzt den V6 des S4, beschränkt sich aber auf 231 PS. Bei den Benzinern gibt es aktuell nur drei Varianten eines ebenfalls 2,0 Liter großen Vierzylinders mit 150, 190 oder 245 PS. Damit erreicht selbst der langsamste A4 ein Spitzentempo von 214 km/h, und die Verbräuche liegen auf dem Prüfstand zwischen 3,8 Litern Diesel und 6,8 Litern Benzin. Geschaltet wird von Hand, mit Doppelkupplung oder Automatik. Wie immer gibt es für eine ganze Reihe von Motorvarianten auch einen Allradantrieb.

Das werden wir nicht vergessen: Die 580 Kilometer Reichweite, die der Bordcomputer im S4 selbst nach über 100 Kilometern flotter Fahrt über Autobahnen und Alpenpässe noch anzeigt. Natürlich ist das weit weniger, als es die Theorie des Prüfstands verspricht, wenn man 58 Liter Tankvolumen durch 6,2 Liter Normverbrauch teilt. Aber es ist mehr, als einem jeder Benziner bieten würde - so wird selbst der vorlaute Sportler wieder zum Streber und passt damit doch ins Bild.

Fahrzeugschein
Hersteller: Audi
Typ: S4
Karosserie: Limousine
Motor: V6-Turbodiesel-Direlteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 2.967 ccm
Leistung: 347 PS (255 kW)
Drehmoment: 700 Nm
Von 0 auf 100: 4,8 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 6,2 Liter
CO2-Ausstoß: 161 g/km
Kraftstoff: Diesel
Kofferraum: 420 Liter
Gewicht: 1.780 kg
Maße: Länge/Breite/Höhe in mm: : 4750/1842/1407
Versicherung: 19 (HP) / 29 (TK) / 25 (VK)
Preis: 62.600 EUR
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insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
jkbremen 18.07.2019
1.
Furchtbares Design für viel zu viel Geld. Alles was Audi kann, kann Skoda auch, bei mehr Platzangebot und modernerem Ambiente. Audi ist nur noch Streber, die Könner sind VW Passat, Skoda Superb und inzwischen auch Seat.
neptun680 18.07.2019
2. Anachronismus!
Bei diesem Auto zeigt sich die Absurdität des heutigen Hubkolbenmotors besonders auffällig. Da wird ein im Kern vorsintflutliches Antriebskonzept, dessen Wirkungsgrad eine bessere Dampfmaschine nie ganz hinter sich lassen konnte, mit allerlei modernen Helferlein aufgepeppt. Am Ende drückt dann so ein A4 beachtliche 700 Nm raus und wiegt so viel wie eine Oberklasse vor 30 Jahren. Was soll`s! Nach uns die Sintflut!
Mach999 18.07.2019
3.
"Als Touchscreen macht er das leidige Drehrad in der Mittelkonsole überflüssig" Ein Touchscreen ist im Auto kein Fortschritt gegenüber einem Drehrad. Ein Drehrad kann ich beim Fahren bedienen, einen Touchscreen nicht. Bei einem Drehrad muss ich nur kurz auf den Bildschirm schauen, bei einem Touchscreen deutlich länger, weil ich die Bedienelemente nicht erfühlen kann. Während der Fahrt unbenutzbar. Ein Touchscreen zusätzlich zum Drehrad ist positiv - als Ersatz ist das Unsinn. Am besten ist immer noch Sprachsteuerung, aber die ist bisher in keinem Fahrzeug ausgereift.
michiansorge 18.07.2019
4. Audi, Nein Danke
Und zwar nicht nur wegen des Abgasskandals. Der A4 schwächelt. Und zwar massiv. Daher war Audi bereits jetzt zum Handeln gezwungen. Schliesslich steht inzwischen der neue 3er beim Händler, sportlich, scharfkantig gezeichnet, mit einem Infotainmentsystem, an das Audi bei Weitem nicht herankommt. Aber statt auf Vorsprung durch Technik zu setzen, ersetzt man einfach den zentralen Bildschirm auf dem Armaturenbrett durch einen noch überdimensionierteren Fremdkörper, macht ihn berührungsempfindlich und entfernt im Gegenzug den MMI Dreh-/Drückregler. In meinen Augen ein absoluter Rückschritt. Ich kann meinen Audi Dank MMI fast blind bedienen. Mit einem Touchscreen unmöglich. Ausserdem muss ich mich beim MMI nicht ständig nach vorne beugen um überhaupt erst an den Bildschirm ranzukommen. Wenigstens kann man in diesem Modell noch die Klimaanlage per Drehregler bedienen. Das Schlimmste ist für mich aber das Design. Alles was am Vorgänger ansehnlich war, haben sie verschlimmbessert. Und alles, was sie hätten überarbeiten müssen, haben sie praktisch unverändert gelassen. Z.B. waren zwar die "Tränensäcke" der Scheinwerfer des Vorgängermodells nicht wirklich notwendig, aber sie waren zumindest scharfkantig gezeichnet, was durch die enbenso scharfkantig gezeichneten Tagfahr-LEDs unterstrichen wurde. Die Scheinwerfer des Facelifts? Plump und unförmig. Rundlich. Wülstig. Das ganze Auto wirkt dadurch pausbäckig im Vergleich zum Vorgänger. Dann die herrlich dezente, durchgehende Toronadolinie des Vorgängers. Schlicht und einfach. Wunderbar. Keine Änderung erforderlich. Passt zum Design und Charakter des Fahrzeugs. Und jetzt? Das absolute Graus. Unförmige Falten ins Blech gepresst, unharmonisch unterbrochen und durch eine weitere, tiefer liegende, durch die Türgriffe gehende Falte komplettiert. Man könnte meinen, jemand hätte das erste Mal eine Anzughose gebügelt und die Bügelfalte unterbrochen. Man muss nicht an allen Modellen vermeintliche Ur-Quattro-Elemente zu zitieren versuchen, lieber Herr Lichte. Oder die Lufteinlässe der S-Modelle in der Frontschürze. Ein wenig unspektakulär beim Vorgänger. Aber schlicht, elegant, harmonisch, gut proportioniert. Beim Facelift? Die silberfarbenen bzw. schwarzen Einsätze sehen aus wie Fremdkörper. Als hätte jemand im Zubehörhandel eine Chromspange gekauft und einfacht an das Auto geklebt. Das hat glaube ich eine gewisse Klientel in den 90er gerne getan, irgendwelches Chromzeug auf alle Türfalze, Kofferraumdeckel und andere Stellen zu kleben. Und hinten, am Heck, die umförmigen, unharmonisch gestalteten Rückleuchten, deren oberer Teil wie ein - sag ich nicht - über den unteren Teil herausragt? Hier hätte man dringend nachbessern und sich ein Stück von der Limousine oder dem A5 abschneiden müssen. Deutlich harmonischer. Deutlich sportlicher. Aber Nein, statt den Stummel zu bereinigen, wurde er optisch durch die neuen LED Bänder noch stärker betont. Design ist Geschmackssache. Keine Frage. Aber trotzdem kann ich nur sagen: Audi, Nein Danke. Audi hat seit Walter da Silva keinen schönen Autos mehr gebaut. Schade eigentlich. Potential war da.
Fragende_Leere 18.07.2019
5. Okay okay
Für mich sind eher die Fragen offen, ob man sich bei der Konfiguration im Menü immer noch an den Fahrmodi vorbeimogeln muss, oder diese endlich als Top-Punkt verschwunden sind. Ärgerlich war bei dem Vormodell auch das Abfallen des Tempomaten auf 155km/h, wenn das Abstandsradar vorausfahrende Autos scannt. Und über die "winzige" Gedenksekunde beim Turbolader hatten wir schon im Skodaforum diskutiert.
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