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18. Mai 2018, 00:04 Uhr

Autogramm Audi A6

Pflichtübung

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Den Generationswechsel der Baureihe A6 hat sich Audi geschmeidiger vorgestellt. Die Produktion des aktuellen Modells musste wegen Abgasmanipulationen gestoppt werden. Ein unbelasteter Nachfolger ist nötiger denn je.

Der erste Eindruck: Kennt man einen, kennt man alle. Audi-Designchef Marc Lichte hat zwar damit begonnen, die einzelnen Audi-Modelle optisch mehr zu differenzieren, doch nach wie vor sehen sich A6, A7 und A8 erschreckend ähnlich.

Das sagt der Hersteller: Audi spricht beim A6 gern vom "Upgrade für die Business-Klasse" und suggeriert den Firmen- und Vielfahrern damit den Aufstieg in die Oberklasse. Damit nehmen die Bayern den Mund zwar ziemlich voll, liegen aber nicht ganz daneben. Denn immerhin nutzt der neue A6 die gleiche Architektur wie das vor Jahresfrist eingeführte Flaggschiff A8 mitsamt dessen Hightech-Infotainment und den drei Dutzend Assistenzsystemen. Nur vieles, was im A8 Standard ist, kostet im A6 happige Aufpreise.

Das ist uns aufgefallen: Der neue A6 wirkt bei der ersten Begegnung wie ein Einstiegsmodell - schick aber schlicht, luxuriös aber leer. Genau das ist der Clou des neuen Interieurs. Mit einem innovativen Anzeige- und Bedienkonzept versucht Audi endlich nicht mehr, mit möglichst vielen Schaltern Eindruck zu schinden.

Ein digitales Cockpit und zwei große Touchscreens in der Mittelkonsole - viel mehr braucht es nicht, um drei Dutzend Assistenzsysteme, die Klimazentrale und ein üppiges Infotainment-Angebot zu bedienen. Kaum ein Dutzend realer Tasten hat überlebt, die meisten als Sensorfelder ohne mechanische Funktion. Selbst der Schlüssel wird überflüssig, weil man die Befehlsgewalt über das Auto aufs Smartphone übertragen kann. Überhaupt hat Designchef Marc Lichte die Gestaltungselemente ungewöhnlich sparsam eingesetzt. Weniger ist mehr - auf kein anderes Auto dieser Klasse trifft das so sehr zu, wie auf den neuen A6. Und je länger man in der Limousine sitzt, desto mehr genießt man die optische Stille und erfreut sich an der gelungenen Reduktion auf das Wesentliche.

Zugleich wirkt der A6 weniger bedrückend und beengend als die Konkurrenten. Dass Leere zugleich auch Weite bedeutet, spürt man natürlich vor allem vorn. Doch auch im Fond bietet die Limousine das bessere Raumgefühl. Obwohl die Länge nur um ein paar Millimeter zulegte und mit 4,94 Metern im Rahmen bleibt, bietet das Auto hinten die größte Beinfreiheit im Segment.

Der A6 nimmt sich angenehm zurück, er übergießt die Insassen nicht mit übertriebenem Komfort wie die Mercedes E-Klasse, und er stachelt sie nicht permanent zur Sportlichkeit an wie ein 5er BMW. Stattdessen ist der A6 ein neutraler Begleiter für Firmen- und Vielfahrer, der sich auch beim Antrieb nicht in den Vordergrund spielt. Zwar ist ausreichend Leistung vorhanden, doch macht der drei Liter große V6-Motor daraus kein großes Aufheben und klingt - auch wegen der ungewöhnlich leisen Windgeräusche - als wäre er in Watte gepackt.

Das ist auch gut so. Denn unter der Haube steckt ein Motor, der gerade bei Audi zuletzt immer wieder in Verruf geriet: ein Diesel. Dabei ist der Sechszylinder auf dem Papier mit 286 PS Leistung, 620 Nm Drehmoment und einem Normverbrauch von 5,5 Litern über alle Zweifel erhaben und schlägt sich auch in der Praxis wacker. Das Aggregat hat einen ordentlichen Punch, ohne zu provozieren, beschleunigt in 5,5 Sekunden von 0 auf 100, erreicht mühelos 250 km/h, und schickt - im Verbund mit Allradantrieb, Achtgang-Automatik und der optionalen Luftfederung - die Insassen ins Schlaraffenland der Kilometerfresser: Fahren, fahren, fahren - und nicht mehr drüber nachdenken.

Allerdings kann der A6 auch anders. Zwar gibt es Modelle, bei denen die elektronische Charakterreglung der verschiedenen Fahreinstellungen weiter gespreizt ist, denn auch im Dynamikmodus wird aus dem Gleiter kein Fighter. Doch immerhin dringt dann ein kleines Knurren aus den Tiefen des Motorraums und man lernt die Segnungen der Allradlenkung von einer anderen Seite kennen. Denn während die Hinterräder bei hohem Tempo auf der Autobahn parallel mitlenken und so Spurwechsel spürbar beruhigen, schlagen sie auf der Landstraße entgegen der Vorderräder ein und lassen den A6 damit, genau wie beim Rangieren im Parkhaus, viel handlicher wirken, als er eigentlich ist.

Das muss man wissen: Wenn der A6 ab Juli in den Handel kommt, startet die Preisliste bei 58.050 Euro für den hier getesteten 50 TDI. Ab 59.850 Euro gibt es den A6 mit dem vorerst einzigen Benziner, einem V6-Motor mit 340 PS. Schon bald werden zwei weitere Diesel folgen, die den Preis auf etwa 50.000 Euro drücken könnten; eine 231 PS-Version des V6-Antriebs und ein 2,0 Liter großer Vierzylinder mit 204 PS und Frontantrieb.

Alle A6 sind in der Lesart von Audi "elektrifiziert" - selbst wenn man keinen Meter rein elektrisch fahren kann. Stattdessen verfügen sie anstelle eines konventionellen Anlassers über einen starken Elektromotor, der über einen Riemen mit der Kurbelwelle verbunden ist. Dazu kommt eine leistungsstärkere Batterie und eine Spannung von 48 Volt. Die E-Maschine hilft beim Anfahren, verlängert die Start-Stopp-Phasen und kann mehr Energie rekuperieren. Im Alltag bringt das rund 0,7 Liter Spritersparnis auf 100 Kilometer, sagt Audi.

In der Modellfamilie ist die Limousine - zumindest aus europäischer Perspektive - eher eine Pflichtübung. Für die USA und Asien mag das Stufenheck die interessantere Variante sein, und in China wird deren Langversion erwartet. Aber hierzulande wird es erst nach den Sommerferien so richtig spannend, wenn als nächste Neuheit die Kombi-Variante Avant antritt. Statt 530 Litern bietet die dann zwischen 565 und 1680 Liter Stauraum.

Das werden wir nicht vergessen: Die beleuchteten Gurtschlösser bei Nacht. So wird aus der Pflichtübung des Anschnallens ein Aha-Erlebnis - und das lässt sich leicht auf die gesamte Limousine übertragen.

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