Autogramm Audi A8 Smartphone zum Fahren

Im Wettkampf der Luxuslimousinen zog Audi bisher den Kürzeren. Doch der neue A8 soll die Konkurrenz von BMW und Mercedes endlich in den Schatten stellen. Auch mithilfe eines Assistenten, der noch auf Freigabe wartet.

Audi

Der erste Eindruck: Ein Auto, das erst bei Nacht seine Wirkung entfaltet. Die Frontscheinwerfer arbeiten mit Laserlicht, am Heck leuchten superdünne OLED-Leuchten und quer über den Heckdeckel zieht sich eine glutrote Lichtlanze. Unverwechselbar!

Das sagt der Hersteller: Dem Markenspruch "Vorsprung durch Technik" wieder ein Gesicht geben - das ist die Botschaft, die Audi-Chef Rupert Stadler, Chefdesigner Marc Lichte und Technik-Vorstand Peter Mertens mit dem neuen A8 verbreiten wollen. Zuletzt hatte die Glaubhaftigkeit des Slogans durch den VW-Dieselskandal gelitten.

Das ist uns aufgefallen: Die revolutionäre Veränderung fand im Innenraum des A8 statt. Kaum ein Schalter ist zu sehen und nur wenige Anzeigen, dafür hochwertige Materialien wie Lack, Holz, Aluminium und Leder. Ein Interieur - fast wie bei einem Oldtimer. Auch die Lüftungsgitter der Klimaanlage scheinen zu fehlen. Doch sobald man den Startknopf drückt, beamt der A8 den Fahrer in die Zukunft. Die schwarzen Paneele entpuppen sich als Touchscreens oder Sensorfelder, hinter dem Lenkrad flimmert ein hochauflösendes Display. Streift der Finger übers Klimamenü, klickt es ganz leise und surrend öffnen sich die Blenden vor den Lüftungsschlitzen, und fächeln Luft ins Auto. Dank integriertem Parfümspender - auf Wunsch auch mit Duft.

Tom Grünweg

So modern ist die Armaturentafel nicht mal bei Tesla oder Volvo. Autos wie der BMW 7er oder die Mercedes S-Klasse, die mit dem A8 um Käufer konkurrieren, wirken dagegen wie von gestern. "Unser Vorbild war das Smartphone", sagt Projektleiter Peter Dlab und demonstriert, wie man die Anzeigen mit den bekannten Fingergesten kippen, zoomen oder wegwischen kann. Nur dass es im Auto für jede Bedienung auch eine haptische und akustische Rückmeldung gibt.

Umso bedauerlicher ist es, dass von der Revolution im Fond relativ wenig ankommt - zumal bei einer Luxuslimousine der Eigner oft hinten rechts statt vorne links Platz nimmt. Auf der Rückbank kann er zwar die Beine übereinanderschlagen, sich in der um 13 Zentimeter gestreckten Langversion sogar die Füße massieren oder wärmen- , generell den Rücken klimatisieren und durchkneten lassen und mit dem Ambientelicht spielen. Doch abgesehen vom kleinen Tablet-Computer mit eigenen Apps für die Beleuchtung, Klimaregelung und dem Zugang zum Infotainment-System der ersten Reihe geht es dort vergleichsweise nüchtern zu.

Der A8 sieht nicht nur aus wie ein Smartphone auf Rädern, er ist auch genauso schlau. So lassen sich rund 400 Funktionen individualisieren. Das gilt unter anderem für den Tempomaten, der vor Kurven oder Kuppen genauso bremst wie bei einem Tempolimit. Auch die Navigation bietet kurz vor dem Erreichen des Ziels schon einmal an - falls gewünscht - nach einem Parkplatz zu suchen.

Noch mehr Eigeninitiative wird der A8 entwickeln, wenn Audi die neuesten der mehr als 40 Assistenzsysteme alle freischalten darf - für einige fehlt noch die Freigabe des Gesetzgebers. Ist diese erfolgt, unterstützt die Elektronik nicht nur etwa die Abstandsregelung und Spurführung, sondern der A8 kann dann sogar im Stau auf der Autobahn bis Tempo 60 von ganz allein fahren. Auch beim Rangieren oder Einparken muss kein Fahrer mehr an Bord sein.

Generell fährt der A8 besser denn je. Nach BMW baut jetzt auch Audi auf Wunsch eine Hinterachslenkung ein, mit der sich die 5,17 Meter lange Limousine vergleichsweise handlich und agil anfühlt. Ein paar Grad Einschlag an den Hinterrädern genügen, um den Wendekreis auf das Niveau eines Audi A4 zu drücken. Wahlweise gibt es ein elektromechanisches Aktivfahrwerk, das sämtliche Nick- und Wankbewegungen ausgleichen soll und sich dank der Daten von Radar und Kamera im Voraus der Straße anpasst.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Audi A8 - mit unserem 360-Grad-Foto:

Das neue Fahrwerk ist im Prinzip ein Abfallprodukt des 48-Volt-Bordnetzes (dazu später mehr) und bietet zwei weitere Vorteile. Die elektrischen Steller sind so stark und schnell, dass sie den Wagen vor einem Crash in einer halben Sekunde um acht Zentimeter anheben und so den Aufprall besser in den stabilen Wagenboden statt in die weiche Flanke leiten. "Das reduziert das Verletzungsrisiko um 50 Prozent", sagt Dlab. Und vor dem Ein- und Aussteigen heben die Stellmotoren die Limousine um fünf Zentimeter an, um den Vorgang zu erleichtern. Wenn das mehr Autos könnten, würden viele SUVs wohl überflüssig.

Das muss man wissen: Wenn der A8 im November auf die Straße kommt, beginnt für Audi auch bei der Nomenklatur eine neue Ära. Denn künftig erhalten alle Modelle eine zweistellige Ziffer, die bedingt mit der Leistung korreliert. Der 286 PS starke V6 TDI mit drei Litern Hubraum läuft dann als A8 50 TDI; und der Benziner mit 340 PS und ebenfalls drei Liter Hubraum aus unserem Testwagen wird zum A8 55 TFSI. Der 4-Liter-Achtzylinder mit 460 PS, der im nächsten Jahr kommt, heißt dann A8 60 TFSI. Das Plug-in-Hybridmodell mit einer Systemleistung von 449 PS, 50 Kilometer elektrischer Reichweite und Induktionsladung, wird A8 60 e-tron heißen. Und damit es vollends wirr wird, bleibt es beim Zwölfzylinder mit künftig 585 PS wie bisher beim Kürzel W12.

Die Preise zeugen von Selbstbewusstsein und liegen, nicht zuletzt wegen des serienmäßigen Allradantriebs, der Achtgang-Automatik und des Digital-Cockpits, über denen von BMW und Mercedes. So startet der A8 mit dem Diesel bei 90.600 Euro, der V6-Benziner kostet 93.500 Euro und für die um 13 Zentimeter gestreckte Langversion verlangt Audi jeweils 3500 Euro mehr.

Das werden wir nicht vergessen: Die Opulenz von kleinen, charmanten Technik-Lösungen wie etwa die Matrix-Leseleuchte im Fond, deren Lichtverteilung man per Touchpad steuern kann. Oder die Fußmassage für die Passagiere auf der Rückbank. Alles überflüssig. Aber ist das nicht die Definition von Luxus?

Fahrzeugschein
Hersteller: Audi
Typ: A8 55 TFSI
Karosserie: Limousine
Motor: V6-Benzindirekteinspritzer mit Turbo
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 2.995 ccm
Leistung: 340 PS (250 kW)
Drehmoment: 500 Nm
Von 0 auf 100: 5,6 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 7,5 Liter
CO2-Ausstoß: 171 g/km
Kofferraum: 505 Liter
Maße: 5172 / 1945 / 1473
Preis: 93.500 EUR
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insgesamt 101 Beiträge
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Seite 1
chrismuc2011 24.10.2017
1.
Würde ich im Segment Luxusautos ein Auto suchen, wäre der Audi ja interessant. Aber da er seit gefühlten 20 Jahren immer das gleiche Maul hat, das immer breiter und hässlicher wird, würde er bei mir ausscheiden. Das gilt übrigens für BMW genauso, von den schwülstigen Mercedes mal ganz abgesehen. Das ist Design für dekadente Protzer, von dezentem eleganten Design Lichtjahre entfernt. Ganz im Gegensatz zu den eleganten BMW 7er E38, Mercedes W126, gar nicht zu reden von den Jaguar XJ6.
Grübler 24.10.2017
2. Die Audifront!
Alle Audis sehen seit Jahren von vorne fast gleich aus. Das ist natürlich auch Markenbildung, aber schon seit einer ganzen Weile finde ich es einfach nur noch altbacken und langweilig.
leoneo 24.10.2017
3. Ein bisschen enttäuscht...
...war ich nach der Prologue Studie von Audi zum neuen A8. Er sieht recht langweilig aus. Mehr erhoffe ich mir beim A7, der durchaus mein nächster Wagen sein könnte. Jedoch auch hier, wie beim A8, gefallen mir die nur angedeuteten Auspuffblenden nicht wirklich.
topsykrett 24.10.2017
4. Aufgeholt, aber noch lange nicht überholt
Mit dem neuen A8 hat Audi den Rückstand zu den Konkurrenten größtenteils verringert, aber die meisten Features haben die Konkurrenten längst, z.B. aktives Fahrwerk mit Kameraunterstützung oder vorausschauendes ACC, das vor Kurven abbremst. Einzig beim vollautonomem Stauassistenten könnte Audi vorn liegen, sofern der überhaupt fertig entwickelt ist. Auf der IAA hatte ich darüber mit Audi einige Gespräche und es klang nicht so, als wäre das Feature bereits serienreif - unabhängig von der Gesetzeslage. Fällt also eher wieder in die Kategorie "Ankündigungsweltmeister". Trotzdem ist es sicherlich ein gutes Auto..
schlauchschelle 24.10.2017
5. Nach wie vor lässt sich über Geschmack
stundenlang streiten (@ jener Forist, welcher mir an anderer Stelle nachsagte, ich gäbe diese Aussage falsch wieder: Ich bleibe dabei ^_^ ), aber die Front der aktuellen Audis -- uuuuaaargggh o.O . Hier sind den Formgestaltern gründlich die Ideen ausgegangen, also blasen wir den ehemals eleganten Singleframe zur hässlichen Fratze auf, der Rest ist, für mich, belanglose Blechdengelei. Wie dem auch sei, der A8 wird seine Käufer finden, und solange das der Fall ist, wird sich am Dinosaurierkonzept mit Verbrenner nichts ändern ;)
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