Fahrbericht Audi Q3 Ich, ich, ich

Anders, besser sein als andere - aus diesem Bedürfnis haben Autohersteller ein Geschäftsmodell entwickelt. Paradebeispiel ist der Q3, der sich umfassend individualisieren lässt. Natürlich aufpreispflichtig. Vor allem aber gaukelt er seine Größe nur vor.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Erinnern Sie sich noch an Schulterpolster? Jene Schaumstoffimplantate in Blusen, Jacken und Mänteln, die in den Achtzigerjahren viele Frauen erscheinen ließen wie Bodybuilderinnen? Ab und an heißt es, dieser "Power-Look" feiere ein Comeback - in der Autowelt ist das längst geschehen. Bestes Beispiel ist der Audi Q3. Man sieht das Auto und denkt "boa, ganz schön groß". Dann steigt man ein (oder belädt den Kofferraum) und fragt sich, warum trotz der wuchtigen Karosserie der Wagen innen so eng geraten ist.

Weil die Designer dick aufgetragen haben. Etwa so, als hätten sie dem braven Kompaktwagen A3 auf dem Weg zum Kompakt-SUV Q3 nicht nur Schulterpolster verpasst, sondern gleich eine komplette Eishockey- oder Football-Montur übergestreift. Das wirkt allerdings nur so lange beeindruckend, bis man eingestiegen ist - und sich völlig unerwartet in einem ganz normalen Kompaktauto wiederfindet. Einziger Unterschied: Man sitzt ein paar Zentimeter höher.

Wer SUVs sowieso nicht mag, hat damit ein weiteres Kontra-Argument. Menschen, die schon einen Q3 oder ein ähnliches Modell fahren, dürften sich davon kaum beirren lassen - denn ihnen geht es vermutlich gerade um die bulligere, präsentere Optik. Der Q3 ist der ideale Wagen, wenn man sich von der noch breiteren Masse absetzen, aber auf keinen Fall auffallen möchte. Etwa so, als trüge man eine Jacke mit Schulterpolstern.

Es wird wieder aufgerüstet

Für Audi ist diese hedonistische Einstellung ein Glücksfall, denn so lässt sich der Q3 - Werbeslogan "Unterwegs in Richtung Ich" - mit allerlei aufpreispflichtigen Extras anbieten und verkaufen. Individualisierung ist das Stichwort. Unser Testwagen lieferte ein Paradebeispiel für dieses Geschäftsmodell. Es handelte sich um die am schwächsten motorisierte Variante der Baureihe, mit Vierzylinder-Dieselmotor, Sechsgang-Schaltgetriebe und Frontantrieb zum Basispreis von 30.550 Euro. So wie es dastand, kostete das Testauto jedoch 45.990 Euro. Der Grund dafür waren 34 aufpreispflichtige Extras; vom Navigationsgerät MMI plus für 2725 Euro über die Lackierung in Gletscherweiß-Metallic für 650 Euro bis zum Aludekor im Innenraum für 300 Euro.

Die Kunden greifen offenbar gerne zu - ein bisschen möchte man sich ja schon abheben vom Nachbarn oder Kollegen; und außerdem sind manche Extras ja wirklich eine Erleichterung im Autoalltag, etwa der automatisch abblendende Innenspiegel für 280 Euro oder die Durchladeeinrichtung für 155 Euro. Es scheint ein universeller Trend zu sein. In Russland ist der Q3 das meistverkaufte Audi-Modell überhaupt, in China, dem größten Einzelmarkt des Modells, wurden im vergangenen Jahr 42.500 Exemplare verkauft, und ab Herbst diesen Jahres soll der Kompakt-SUV auch in den USA angeboten werden.

In Deutschland wurden 2013 mehr als 25.000 Audi Q3 neu zugelassen, in den ersten vier Monaten dieses Jahres waren es knapp 9000. Damit liegt der Q3 vor dem Dauerrivalen BMW X1 und natürlich auch noch vor dem erst seit Kurzem erhältlichen Mercedes-Kontrahenten GLA.

Braucht man wirklich eine Fahrwerksverstellung?

Diese Position ist nicht unverdient, denn die Enttäuschung über das Auseinanderklaffen von Außen- und Innenwirkung verfliegt, sobald man mit dem Auto fährt. Der Einstiegsdiesel mit 140 PS ist ein lebhafter Antreiber, das US-Automagazin "Car and Driver" lobte die Kraftentfaltung des Motors mit der Formulierung "it's so torquey" - das maximale Drehmoment liegt bei immerhin 320 Nm. Das Lenkgefühl ist griffig, die Fahrgeräusche sind nur ein feines Hintergrundbrummeln. Und dass lediglich die Vorderräder angetrieben werden, ist unter normalen Umständen gar kein Problem. Im Gegenteil: Gegenüber dem gleichermaßen motorisierten, allradgetriebenen Quattro-Modell ist der Fronttriebler um 90 Kilogramm leichter und laut Herstellerangabe um einen halben Liter sparsamer.

Die Individualisierung endet beim Q3 nicht mit den Sonderausstattungen, sondern steckt auch in der Technik, etwa durch das System "drive select". Man kennt das von etlichen anderen Autos: Fahrwerk, Lenkung und Gaspedalempfindlichkeit lassen sich per Knopfdruck variieren. Allerdings ist es im Fall des Q3 so, dass sich das Auto schon im "Comfort"-Modus recht straff anfühlt. Wählt man gar die "dynamic"-Einstellung, wird das Fahrwerk geradezu ruppig. Anders gesagt: Diese Einstellmöglichkeit ist überflüssig. Statt Individualität zu suggerieren, sollten sich die Entwickler auf eine einzige, wirklich optimale Abstimmung konzentrieren.

Fahrerisch überzeugt der Wagen dennoch, man kann ja durchaus bequem im "Comfort"- oder "Eco"-Modus dahinrollen. Auch die Abweichung vom Normverbrauch, den Audi mit 5,2 Liter je 100 Kilometer angibt, hält sich in den üblichen Grenzen: während unserer Testfahrten ermittelten wir einen Schnitt von 6,7 Liter. Und ja, wir haben die Schaltempfehlungen des Bordcomputers fast immer beachtet, die Start-Stopp-Funktion natürlich nicht ausgeschaltet und uns auch sonst bemüht, vorausschauend und unverkrampft zu fahren.

Hohe Ladekante, kleinliche Aufpreispolitik

Die Schwächen des Q3 liegen eher im praktischen Bereich. Die Nutzung des Kofferraums beispielsweise wird durch eine 78 Zentimeter hohe Ladekante erschwert; und wenn, wie bei unserem Testwagen, 18-Zoll-Räder auf den Achsen stecken (Aufpreis 1450 Euro), dann steigt die Ladekantenhöhe auf mehr als 80 Zentimeter. Besonders geräumig ist das Gepäckabteil eh nicht. 460 Liter Ladevolumen stehen zwar im Datenblatt des Autos, doch etliche davon befinden sich in einem mehrfach unterteilten Staufach unterm Ladeboden.

Wer sich grundsätzlich für ein etwas anderes Auto, also für einen SUV, entschieden hat, wird sich nicht daran stören. Und auch nicht daran, dass Audi beim Q3 auch noch Einstiegsleisten und Ladekantenschutz für 95 Euro und einen Zigarettenanzünder plus Aschenbecher für 30 Euro gesondert berechnet.

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truereader 21.05.2014
1. na
na, das war doch zu erwarten, dass der Q3 kein Platzwunder ist. Vorne ist er für große Menschen auch zu eng: "bis man eingestiegen ist - und sich völlig unerwartet in einem ganz normalen Kompaktauto wiederfindet." - es ist ein Auto für Blender - zeigt schon die Aufpreisliste - wie aber bitte soll man sich mit dem Allerweltsgesicht von Audi absetzen? Langweiliger Mainstream.
wilee19 21.05.2014
2. Audi A6 die selben Fehler
Diesen Artikel bringt es genau auf dem Punkt! Ich fahre ein Audi A6. Ebenfalls aussen zu groß, und innen zu klein. Genau so ist es! Wo bei meinem Mercedes Kombi seitlich ein ganzes Reserverad reinging, finde ich bei meinem Audi den Verstärker der HiFi Anlage und massiv verschwendete Platz. Das setzt sich überall so fort. Er fährt ebenfalls zu rüppelig, zu hart. Der ganze Artikel könnte für den A6 geschrieben sein :)
paysdoufs 21.05.2014
3. Da ich...
den TDI 140 persönlich kenne, stelle ich mir natürlich jetzt doch die Frage: Warum sollte man denn nun einen Q3 nehmen obwohl Skoda Yeti oder VW Tiguan das bessere Angebot sind? Von der, je nach Ausstattungslinie, bereits enthaltenen Serienausstattung, die bei Audi offensichtlich immer extra kostet, ganz zu schweigen... Vielleicht kann der Autor mal beim VAG Marketing nachhaken?
sorrento48 21.05.2014
4. Auf dieses Auto hat die Welt gewartet
Bei Audi und BMW arbeiten wahre Designgötter! Dort gibt es für jede Fahrzeugkategorie ein Basisdesign das je nach Fahrzeugklasse einfach nur gestreckt wird. Die Autos unterscheiden sich dann nur noch in Länge und Preis. Der A4 sieht genauso aus wie ein A6 oder ein A8. Das trifft auf Q3, Q5 und Q7 ebenfalls zu. Bei BMW ist das nicht anders. Wenn die Rosenheim-Cops einen Zeugen nach dem Typ des Täterfahrzeugs fragen, dann ist die Antwort heute nicht "es war ein weißer Audi Q3", sondern "es war ein weißer Audi Q3 bis Q7" oder "es war ein schwarzer BMW 3 bis 7". Bei Mercedes ist das zwar anders, allerdings ist es auch dort nicht wirklich besser. Dort wird totale Ideenlosigkeit durch vollkommen sinnlose Sicken an den unmöglichsten Stellen kompensiert. Die neue A-Klasse ist so ein abschreckendes Beispiel. Verglichen damit ist der neue Q3 dann doch ein wirklich schönes Auto......
ingnazwobel 21.05.2014
5. optional
ohne Frage, sicherlich ein gutes Auto. Aber leider vom Platzangebot nur ein Golf. Die gleichen Probleme hat man auch mit einem BWM X3 oder Mercedes GLK. Alles Familienuntaugliche Fahrzeuge für die Zahnarztgattin. Falls die sich noch ein solches überteuertes Auto leisten kann.
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