Audi R8 V10 FSI Alles auf die Zehn

Vollgas trotz Kurzarbeit: Obwohl es in der Autobranche mächtig kriselt, hält Audi an seinen Wachstumsplänen fest. Nicht nur der Absatz soll weiter steigern - ein neuer R8 mit V10-Motor soll zudem das Rennwagen-Image der Ingolstädter stärken. SPIEGEL ONLINE saß schon am Steuer.


Audi-Finanzvorstand Axel Strotbek wirkt ein bisschen unglücklich. "Ich hätte mir für die Präsentation natürlich ein wirtschaftlich freundlicheres Umfeld gewünscht", sagt er. Auch Audi fällt es in diesen Tagen nicht mehr ganz so leicht, Autos für sechsstellige Beträge unters Volk zu bringen. Doch bislang können sich die Bayern nicht wirklich beschweren. Das Modell R8 etablierte sich aus dem Stand im Kreis der Spitzensportler und wurde in den ersten zwei Jahren schon mehr als 10.000-mal verkauft. Projektmanager Jochen Wagner hofft nun gar auf "eine neue Dimension der Dynamik".

Erreicht werden soll die durch eine geschärfte R8-Version, deren Motor einen weiteren Liter Hubraum, zwei zusätzliche Zylinder und ein Leistungsplus von mehr als hundert PS aufweist. Unterm Schaufenster im Heck sitzt dann, effektvoll beleuchtet, ein V10-Motor mit Direkteinspritzung, der es auf 525 PS und 530 Nm bringt und dem Fahrer beim Beschleunigen fast den Atem raubt: Nur 3,9 Sekunden vergehen bis Tempo 100, in kaum mehr als zwölf Sekunden bricht das Geschoss die Tempo-200-Marke, und Schluss ist jetzt erst bei 316 km/h – schneller war bislang noch kein Serien-Audi.

Mit der Leistung steigt auch der Preis: Statt 107.400 Euro wie bislang werden nun deftige 142.400 Euro fällig. Dass dafür dann neben dem auffälligeren Grill und den größeren Luftleitblechen, (Sideblades) auch Nappaleder, LED-Scheinwerder, 19-Zoll-Räder, eine Musikanlage von Bang & Olufsen und ein Navigationssystem an Bord sind, ist nur ein schwacher Trost.

Zumal Extras wie die sequentielle Schaltung R-Tronic (7400 Euro), Keramikbremsen (8820 Euro) oder das Carbon-Paket (8200 Euro) nach oben alle Möglichkeiten offenlassen. Außerdem braucht man bei einem Normverbrauch von 14,7 Litern und einem Alltagswert bei mehr als 20 Litern ja auch noch ein paar Groschen zum Tanken.

Enge Verwandtschaft mit dem Lamborghini Gallardo

Durch den neuen V10 wird die enge Verwandtschaft des R8 mit dem Lamborghini Gallardo noch deutlicher. Doch auch wenn der Motor im Grunde identisch ist, trennen die beiden Vollgas-Vettern mehr als jene 35 PS, 10 Nm und 30.000 Euro, die das italienische Modell dem R8 voraus ist. Auch der Charakter beider Autos ist völlig unterschiedlich. Wo der Lamborghini laut, wild und ungehobelt ist, gibt sich der R8 kultiviert und virtuos. Schnell und schön sind sie beide.

Zu den Glanzlichtern des Spitzensportlers zählen die neuen LED-Vollscheinwerfer, die hier erstmals serienmäßig verbaut werden. Sie geben dem optisch nur dezent weiterentwickelten Wagen nicht nur einen speziellen Augenaufschlag, sie sind auch kleiner, sparsamer und haltbarer als Halogen- oder Xenonleuchten. Es gibt laut Entwickler Stephan Berlitz noch einen weiteren Vorteil: Sie zünden deutlich besser als alle anderen Leuchtkörper. "Kein Auto hat eine so schnelle Lichthupe wie der R8", sagt Berlitz. Notorische Linksfahrer dürften solchen Unsinn zu schätzen wissen.

Der Sportler soll alltagskompatibel sein

Dass der R8 ein Sportwagen mit Ambitionen im Alltag ist, merkt man nicht nur am ordentlichen Raumangebot, sondern auch am gutmütigen und kalkulierbaren Fahrverhalten. Selbst von miserablem Wetter lässt sich der Wagen dank Allradantrieb nicht aus der Ruhe bringen. Zwar zwingen die knöcheltiefen Pfützen auf der Teststrecke zur Zurückhaltung, doch bremsen können sie die Flunder kaum. Nur wenn man wirklich voll auf dem Gas stehen bleibt, schüttelt sich der Wagen am Kurvenausgang kurz wie ein nasser Pudel, bevor er weiter stürmt.

Dass der R8 auch anders kann, zeigt er auf der Rennstrecke: Wer dort das Magnetic-Ride-Fahrwerk in die steife Stellung bringt und der sequentiellen S-Tronic mit der Sporttaste noch einmal ein paar Zehntelsekunden Schaltzeit abringt, fliegt regelrecht über den Kurs. Für den perfekten Start sorgt die Drehmomentkurve, die vom Leerlauf bis zum roten Bereich immer mindestens 80 Prozent der Anzugskraft ausweist. Und auf der Suche nach der Ideallinie hilft die präzise Lenkung.

Der Ausbau der R8-Palette verlangsamt sich etwas

Obwohl Finanzchef Strotbek das Echo auf den neuen Boliden rundum positiv wertet, tritt Audi beim R8 ein wenig auf die Bremse. Die Modellpalette wächst nämlich langsamer als geplant: Den angekündigten Spyder wird es frühestens 2010 geben, und die Zeichen für den bislang nur in einer Designstudie gezeigten V12-Diesel stehen derzeit eher schlecht.

"So eine Entscheidung passt nicht in die Zeit", hört man hinter vorgehaltener Hand. Doch natürlich hat Audi ein Herz für Heißsporne. Wem der R8 mit dem neuen V10-Motor noch zu brav ist, der kann für den doppelten Preis auch die Version R8 LMS bestellen. Der Motor im Grunde derselbe, doch mit ein paar Flügeln, Schwellern und Spoilern sieht der Wagen gleich viel böser aus. Nur ein Kennzeichen bekommt er nicht. Denn entwickelt wurde der Wagen nach dem Reglement der GT3-Serie – und nicht nach der Straßenverkehrsordnung.



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