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Fahrbericht Audi RS 5: Es fehlt die Leidenschaft

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Fahrbericht Audi RS 5 Drück mich, ich kick dich

Ein Sportcoupé, dem man die brachiale Leistung von 450 PS nicht sofort anmerkt - das ist das Konzept des Audi RS 5. Und tatsächlich gibt sich der Wagen sowohl im Alltag als auch auf der Rennstrecke souverän. So souverän, dass man die Leidenschaft auf Knopfdruck zuschalten muss.

Im neuen Audi RS 5 kann man sich mit einem Klick zum Horst machen. In der Mittelkonsole von Audis Sportcoupé, irgendwo zwischen den Knöpfen fürs Radio und denen für die Klimatisierung, sitzt der sogenannte "Drive-Select"-Button. Mit dem kann man den Charakter des Autos verändern, zum Beispiel die Härte des Fahrwerks, die Schaltpunkte des Getriebes und vielerlei mehr.

Der sogenannte Comfort-Modus hält, was der Name verspricht. Wenn man ihn anwählt, ist der RS 5 fast ein ganz normaler Audi, nur eben mit ausgezeichnetem Sprintvermögen, der V-8-Motor bietet immerhin bis zu 450 PS. Der Auto-Modus regelt, auch wenn es der Name nicht unbedingt vermuten lässt, die Parameter ein wenig mehr in Richtung Sportlichkeit, Audi nennt es die Werkseinstellung.

Tja. Und dann gibt es noch den Dynamic-Modus. Nicht Sport, Race oder Extreme, heißt er, sondern Dynamic. Man denkt dabei sofort an Manager in gut sitzenden Sakkos, Audi-Klientel. Tatsächlich befördert man sich mit der Aktivierung des Dynamic-Modus aber nicht in die Boss-, sondern in die Ballonseiden-Trainingsanzug-Fraktion.

Röhren wie ein Hirsch zur Brunftzeit

Dass das Fahrwerk auf einmal knüppelhart wird - kein Problem. Dass die Lenkung spürbar straffer wird - angenehm. Dass der Motor schneller Gas annimmt und das Getriebe später schaltet - macht Spaß. Dass der Auspuffsound schlagartig doppelt so laut ins Innere wummert, wirkt irgendwie künstlich, ist aber auch kein Drama.

Wirklich schlimm am Dynamic-Modus aber ist die künstlich hervorgerufene Untermalung der Runterschaltvorgänge durch den Motor. Immer mal wieder, wenn das Doppelkupplungsgetriebe einen Gang runterschaltet, jagt die Motorsteuerung die Drehzahl nämlich ein paar hundert Umdrehungen nach oben.

Im Alltag sieht das dann so aus: Man rollt an eine rote Ampel heran. Rund 30 Meter davor schaltet der RS 5 vom Dritten in den Zweiten, begleitet von einem Röhren wie ein Hirsch zur Brunftzeit. Rund 10 Meter vor der Haltelinie wiederholt sich das Schauspiel, wenn der erste Gang eingelegt wird. Und dann steht man da wie ein Halbstarker und wird von den Passanten auch so gemustert wie einer. Es ist einfach nur peinlich.

Perfektion ist das Problem

Das traurige daran ist, dass man das Aufröhren auch im sogenannten Individual-Modus nicht wegbekommt. Dort kann man zwar für alle einzelnen Parameter, also zum Beispiel das Fahrwerk, individuell anwählen, ob man es Comfort, Auto oder Dynamic haben möchte. Aber wenn man sich den Punkt Motor sportlich wünscht, bekommt man das Röhren immer mitgeliefert.

Noch trauriger aber ist, dass dieses kleine Detail wie ein Brennglas das wahre Dilemma des RS 5 aufzeigt. Denn der Wagen ist in dem, was er machen will, beinahe perfekt. Er wandelt mühelos zwischen den Welten. Wer sich in der Extraliste vom Performance-Zierrat fernhält und auf die RS-5-Schriftzüge verzichtet, kann den meisten Menschen vorgaukeln, in einem ganz normalen Audi A 5 unterwegs zu sein. Wenn man den Wagen im Comfort-Modus und mit zartem Gasfuß bewegt, rangiert man auch zumindest annähernd in den vom Hersteller angegebenen Verbrauchsregionen.

Der RS 5 kann ein ganz normales, alltagstaugliches Coupé sein, mit dem man eine Familie (solange der Nachwuchs nicht allzu lange Beine hat) komfortabel fortbewegen kann. Selbst ein Kinderfahrrad lässt sich dank der teilbar klappbaren Rückbank problemlos verstauen. Dabei gibt es kaum etwas, das nervt oder stört.

Tanz die Rechts-Links-Kombi, Baby!

Das Multimedia-System ist schlüssig konzipiert und intuitiv bedienbar, die Verbindung zum iPhone blitzschnell hergestellt. Die Schalter, Hebel und Tasten fühlen sich solide an, so wie fast alles im Auto, von dem etwas verspielten Wählhebel für das Doppelkupplungsgetriebe und die ein wenig klapperig wirkenden Einlagen aus gebürstetem Aluminium mal abgesehen. Aber stören tut das nicht, das ist jetzt wirklich Haarspalterei. Nein, man sitzt in dem Auto, sucht den Fehler, und findet ihn nicht.

Genauso makellos gibt sich der RS 5, wenn man ihn so bewegt, wie er es will und verdient hat. Auf dem Handling-Kurs des Contidroms  in der Nähe von Hannover tanzt der Audi souverän durch die Rechts-Links-Kurvenkombinationen, quittiert allzu beherztes Einstechen in die Kurven höchstens mit einem leichten Untersteuern. Beim Herausbeschleunigen spielt der Allradantrieb seine Trümpfe aus, maximaler Grip, maximale Beschleunigung, es ist herrlich. Und die Bremsen, in diesem Fall die Wave-Ausführung mit einer eigenartig gezackten Bremsscheibe, verdauen selbst heftige Verzögerung ohne Murren.

Ein Auto wie ein Beckham-Freistoß

Das ESP bleibt bei all dem dezent im Hintergrund, man ist als Fahrer auf der Suche nach dem optimalen Flow an der langen Leine. Wenn man den gefunden hat, was beim RS 5 relativ schnell geht, fährt sich der Wagen fast wie im Autopilot, so groß ist das Vertrauen in das Fahrwerk, das sich nie zickig zeigt und immer berechenbar bleibt.

Es ist, als würde man beim Fußball einen Beckham-Freistoß reinzirkeln, über die Mauer hinweg genau oben ins obere Toreck, unhaltbar. Oder als würde einem beim Tischtennis der perfekte Schnippelball gelingen, den man so lange geübt hat. Nur ohne langes Üben - und danach immer und immer wieder.

Genau das ist das Problem. Alles am Audi RS 5 zeugt vom unbedingten Willen der Entwickler zur Perfektion. Aber es ist eine kühle Perfektion, eine technische Perfektion, keine emotionale. Der RS 5 hat keine Schrullen, keine Defizite, wegen derer man ihn ins Herz schließt.

Es fehlt dieses kleine Quentchen Unberechenbarkeit, dieser Hauch von Irrsinn, der ein Auto mit 450 PS im eigentlich umwehen sollte, der "komm, zähme mich, ich bin ein Biest!"-Zuruf. Es fehlt ganz einfach die Herausforderung. Der RS 5 macht Spaß, aber Leidenschaft entfacht er nicht.

Und jetzt sind wir wieder beim Anfang der Geschichte. Vielleicht haben die Entwickler dem RS 5 genau deshalb dieses seltsame "Wroooamm" beim Runterschalten verpasst. Vielleicht haben sie bemerkt, dass der RS 5 ein wenig zu perfekt ist, zu kühl, und wollten dem Auto einen Moment der Unvernunft gönnen. Ja, es ist wirklich irre, so an die Ampel zu rollen. Aber es ist Leidenschaft auf Knopfdruck. Und die hat ja bekanntlich noch nie funktioniert.

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