Audi RS4 Cabriolet Im Auge des Sturms

Audi macht Schluss mit halbherzigen Kompromissen. Damit die sportlichsten Kunden der Marke künftig weder auf einen praktischen Laderaum noch auf den freien Blick zum Himmel verzichten müssen, bieten die Bayern den 420 PS starken RS4 nun auch als Kombi und Cabrio an.


Das Wettrüsten in der Mittelklasse geht munter weiter. Nachdem Audi in nur wenig mehr als einem halben Jahr schon mehr als 4000 RS4 verkauft hat, legen die Herren der Ringe jetzt noch einmal nach und stellen der Limousine nach den Werksferien auch einen Kombi und ein Cabriolet zur Seite. Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte gibt es damit gleich drei potente Kraftmeier in dieser Klasse von der Quattro GmbH. Und zum ersten Mal nehmen sich die Werkstuner dabei auch des Cabrios an, das auf diese Weise zum stärksten Open-Air-Modell wird, das Audi bislang in Serie gebaut hat.

Im Zentrum der Kraft steht auch hier der 4,2 Liter große V8-Motor, der mit einem Starterknopf auf der Mittelkonsole zum Leben erweckt wird. Er bollert schon im Leerlauf tief und kehlig und dreht beim kleinsten Gasstoß munter auf. Weil Audi wie bislang nur BMW und neuerdings auch Mercedes bei diesem Aggregat auf einen Lader verzichtet, läuft der Motor mit bis zu 8250 Touren und bringt seine Maximalleistung von 420 PS erst bei 7800 Umdrehungen der Kurbelwelle.

"Mehr als 500 Mal in der Sekunde wird in den Zylindern Luft angesaugt, Kraftstoff eingespritzt und gezündet", schwärmt Entwickler Jürgen Krauth und zieht Parallelen zur Formel 1, die – so ein Zufall – gerade auf jener italienischen Rennstrecke ihre Testrunden abspult, die auch Audi zur Präsentation der neuen Sportmodelle ausgewählt hat. Allerdings drehen die Motoren von Schumi & Co beinahe doppelt so hoch und machen mindestens fünfmal so viel Lärm wie der Achtzylinder von Audi.

Während die Profis zur Mittagspause in der Boxengasse verschwinden, darf der Audi auf einem Handlingkurs beweisen, wie viel Sportwagen in ihm steckt. Und das ist eine ganze Menge. Weil nach einer Fastenkur mit Karosserie- und Fahrwerksteilen aus Aluminium jedes PS gerade noch vier Kilo zu bewegen hat und mindestens 90 Prozent des maximalen Drehmoments von 430 Nm auf dem gesamten Drehzahlband zwischen 2250 und 7600 Touren zur Verfügung stehen, muss man nicht einmal viel schalten, wenn man zwischen den rot-weißen Hütchen nach der Ideallinie sucht.

Wer es trotzdem tut und den Wagen mit dem kurz gestuften Sechsganggetriebe immer schön am idealen Betriebspunkt hält, der kann im RS4 etwas erleben. In nur 4,9 Sekunden stehen 100 auf dem Tacho, bei 200 km/h ist der Wagen nach 17,5 Sekunden, und selbst beim elektronischen Limit von 250 km/h hat das Cabrio noch so viel Dampf, dass es beinahe die Tachonadel zu verbiegen droht. Fast ebenso schnell wie Tacho und Drehzahlmesser bewegt sich auch die Tankanzeige – allerdings in der Gegenrichtung: Schon im Normalzyklus gibt Audi den Verbrauch mit 13,9 Litern an; auf der Rundstrecke ist das Doppelte für den Achtzylinder eine leichte Übung.

Armdicke Auspuffendrohre ragen unterm Heck hervor

Zum starken Motor gibt es ein strammer abgestimmtes Fahrwerk mit drei Zentimetern weniger Bodenfreiheit, stärkere Bremsen mit der Option auf Keramikscheiben und eine automatische Dämpferkontrolle, die Nick- und Wankbewegungen der Karosserie bei schnellen Lastwechseln ausgleicht. Und damit man dem RS4 sein Potenzial auch ansieht, haben die Designer den Wagen optisch getunt. Der wuchtigere Stoßfänger bläht förmlich die Nüstern auf, die verbreiterten Schweller und die ausgestellten Kotflügel geben der Flanke einen muskulösen Anstrich und am Heck prangen unter dem dezenten Spoiler zwei armdicke Endrohre.

Im Auge des Sturms herrscht dagegen Ruhe. Während draußen ein Orkan tobt und die Landschaft im Zeitraffer vorbei jagt, zieht bei aufgestelltem Windschott drinnen nur ein leises Lüftchen an der Tolle. Dennoch wird man den Ausritt im offenen RS4 auch bei gemächlichem Tempo nicht mit der Fahrt in einem gewöhnlichen S4 oder gar dem normalen A4 Cabrio verwechseln. Denn die Designer haben den Viersitzer eingerichtet wie das aktuelle Sportstudio. Das unten abgeflachte Lenkrad mit dem breiten Lederkranz ist griffiger als sonst, die Sitze bieten mehr Seitenhalt als gewöhnlich und die Füße ruhen auf einer Alu-Pedalerie mit rutschfesten Noppen.

Außerdem ist da ja noch der tiefe Bass des Achtzylinders, der mit einem sonoren Grundton und ein paar heißeren Fanfaren gerade bei offenem Verdeck so wunderschön in den Wagen bollert, dass man auf die serienmäßige Musikanlage fast verzichten könnte. Trotzdem gehört sie ebenso zur erweiterten Ausstattung wie die Klimaautomatik, die Einparkhilfe, die Bi-Xenon-Strahler und das Akustikverdeck, das in geschlossenem Zustand viel von der Arbeit der Motorsound-Komponisten wieder zunichte macht.

Obwohl die beiden Sportler mit einem Grundpreis von 71.500 Euro für den Kombi und 82.900 Euro für das Cabrio ein teures Vergnügen sind, müssen sich die Bayern über den Erfolg der beiden Neuheiten keine Gedanken machen: Ohne dass bislang ein Kunde auch nur einen Meter damit gefahren ist, wurden für Cabrio und Kombi in nur wenigen Tagen schon mehr als 1000 Kaufverträge unterschrieben.



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