Audi RS6 Avant Der Bollerwagen

Da werden die Vollgasfreunde im Audi-Sportwagen R8 Augen machen: Zwar sitzen sie im spektakulärsten Modell der Ingolstädter, doch beim Auto-Quartett sticht sie fortan der 580 PS starke Kombi RS6 aus. Sinn macht der Wagen nicht, aber verkaufen wird er sich wohl trotzdem.

Für Klimaschützer ist es Teufelsmusik: Auf den Balkonen über der Boxengasse der Formel-1-Teststrecke im französischen Le Castellet vermischt sich das Geboller von 50 Zylindern, 25 Liter Hubraum und zusammen fast 3000 PS zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Quelle des Klanginfernos sind allerdings keine Rennwagen beim Training, sondern eine Flotte von fünf Kombimodellen, die auf den ersten Blick aussehen wie die Dienstwagen von Pharmareferenten oder Abteilungsleitern. Der Eindruck täuscht. Was da über die Start-Ziel-Gerade zischt, ist der der neue RS6, ein Familienauto mit 580 PS, das Audi als stärkstes Serienmodell der Firmengeschichte vermarktet. Unter der Haube des Renntransporters steckt der bekannte V10-Motor, den die Bayern von der Tochtermarke Lamborghini haben und mit einer Benzindirekteinspritzung bestückt auch in den Typen S6 und S8 einbauen. Im Falle des neuen RS6 allerdings kommen noch zwei Turbolader dazu, die dem fünf Liter großen Motor gewaltig Dampf machen.

So steigt die Leistung um 30 Prozent auf 580 PS und macht den RS6 zum stärksten Kombi der Welt. Der M5 Touring von BMW hat zwar auch zehn Zylinder, aber nur 507 PS. Und der hochdrehende Achtzylindermotor im Mercedes E63 AMG ist mit 514 PS auch nicht mehr das Nonplusultra. Für die irrwitzige Leistung und den Vorteil beim Große-Jungs-Geprahle muss die Kundschaft ordentlich in die Tasche greifen. Der RS6 kostet 106.900 Euro und ist damit fast drei mal so teuer wie das Basismodell.

Mit der Leistung steigt auch das Drehmoment, das nun bei 650 Nm gipfelt und über den gesamten Drehzahlbereich von 1500 bis 6250 Touren bereit steht. Im Klartext: Welchen Gang die atemberaubend schnelle Tiptronic auch eingelegt hat, der Wagen spurtet los wie auf der Flucht. Weil jedes PS lediglich 3,5 Kilo bewegen muss, sprintet der RS6 genauso flott p,wie der R8 auf Tempo 100 - in 4,6 Sekunden nämlich. Offiziell wird die Geschwindigkeit auf 250 km/h begrenzt. Für knapp 2000 Euro Aufpreis jedoch rennt Wagen auch 280 Sachen.

20 Liter Verbrauch bei artgerechter Bewegung

Ganz ohne Limit wären wohl 315 km/h möglich, verrät Stephan Reil, der die Entwicklung bei der Quattro GmbH leitet. Die Skala auf dem Tacho reicht jedenfalls bis 330. Muss das sein? Klare Antwort: nein. Doch könnte es schlimmer kommen: Schließlich liegt der Verbrauch mit 14 Litern im Normzyklus auf dem Niveau manch eines Geländewagens. Artgerecht bewegt wird der RS6 allerdings zum Säufer: 20 Liter und mehr auf 100 Kilometern sind dann der Normalfall.

Auf die Straße gebracht wird diese Kraft, wie immer bei den Leistungsträgern aus Ingolstadt, über einen Allradantrieb, der ein wenig hecklastig ausgelegt ist. Dazu gibt es für den richtigen Biss beim Bremsen auf Wunsch Keramikbremsen in den optionalen 20-Zoll-Reifen.

Für eine stramme Straßenlage sorgt das neue Sportfahrwerk, das mit der variablen Dämpferregelung Dynamik Ride Control rein mechanisch die Wank- und Nickbewegungen der Karosserie ausgleicht und den Bollerwagen beruhigt. So lässt sich der RS6 einerseits als brettharter Bolide über den Rundkurs prügeln. Und andererseits auf der Landstraße oder der Autobahn als komfortabler Gleiter einsetzen.

Getarnt ist der Kraftmeier im familienfreundlichen Gewand eines Kombis mit einem Laderaum von maximal 1660 Litern. Doch der RS6 ist wurde in diesem Rahmen auch optisch scharf gemacht. Die Luftöffnungen in der Frontschürze sind so groß, dass nicht einmal mehr Platz für Nebelscheinwerfer blieb. Die wurden deshalb zusammen mit den zehn LED-Punkten des Tagfahrlichts in die Frontleuchten integriert. An den Flanken deuten weit ausgestellte Radhäusern und in mattem Alu gehaltene Spiegelkappen auf die Muskeln unterm Blech hin. Und am Heck lassen der Diffusor und die beiden ovalen Auspuff-Endrohre keine Zweifel am sportlichen Ehrgeiz.

580 PS - sozialverträglich verpackt

Drinnen sind die Sitze kräftig konturiert und mit einer Kombination aus Leder und Alcantara bezogen. Wo sonst in dieser Klasse meist mit Holz vertäfelt wird, sitzen Zierteile aus Carbon und Aluminium. Und aus dem modifizierten Cockpit ragt ein Lenkrad, das wie bei Rundstrecken-Rennern unten abgeflacht ist.

Für Entwickler Reil ist der RS6 das nächste Kapitel einer Geschichte, die 1994 mit dem RS2 begann: "Von diesem Auto haben wir rund 2800 Fahrzeuge verkauft. Beim RS4 aus dem Jahr 2000 waren es schon 6000 und der letzte RS6 kam auf 8000 Exemplare." Und vom aktuellen RS4, der demnächst wohl auslaufen wird, dürften knapp 15.000 Autos zusammenkommen. "Das zeigt die Richtung", sagt Reil und ist zuversichtlich, dass auch der RS6 diesem Trend folgen wird - zumal dem Avant gegen Ende des Jahres auch eine Limousine zur Seite gestellt wird.

Dass die RS-Modelle so gut laufen, liegt für den Entwicklungschef vor allem in Deutschland an der höheren Akzeptanz der zivilen Hochleistungsmodelle. "Autos wie der RS6 Avant sind einfach sozialverträglicher als ein Sportwagen, der nur 1,20 Meter hoch ist." Ein Ferrari, Lamborghini oder R8 kommt eben beim Kundenbesuch weniger gut an, als ein ebenso so PS-starker Kombi. Es geht um Sportwagen im Schafspelz. Beim letzten RS6 bestellte jeder vierte Kunde das Auto sogar ohne Typenschild und mit Außenspiegelgehäusen und Zierleisten aus der Serie. So getarnt fährt der Bolide aus der Kritik. Perfekt ist die Maskerade allerdings nicht: Sobald der Motor bollert, ist das Versteckspiel vorbei.

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