Audi S6 Avant Mehr Freiraum im Terminkalender

Große Kombis stehen beim mittleren Management und bei Handlungsreisenden hoch im Kurs. Für Autofahrer in ewiger Zeitnot baut Audi jetzt wieder einen S6 Avant. Mit zehn Zylindern und 435 PS schafft der Renntransporter neue Freiräume im Terminkalender.

Audi festigt in diesem Sommer den Platz auf der Überholspur. Denn beinahe zeitgleich mit dem neuen S8 bringen die Bayern im Juni auch die dritte Auflage des S6 in den Handel. Der vornehme Kraftmeier startet gleichzeitig als Limousine und Kombi und wird ab 79.800 Euro (Limousine) oder 82.000 Euro (Kombi) zu haben sein. Auch er wird angetrieben von dem bei Lamborghini entlehnten und in Ingolstadt gründlich weiterentwickelten V10-Motor, der mit Rücksicht auf das Flaggschiff S8 freilich etwas verhaltener ans Werk geht. So müssen sich die Abteilungsleiter in der Business-Klasse mit 435 PS (320 kW) begnügen, während die Chauffeure der Vorstandsvorsitzenden auf 450 PS (331 kW) zugreifen dürfen.


Der minimale Leistungsverzicht jedoch ist auf der Straße kaum wahrnehmbar. Schließlich geht das Zehnzylinder-Kraftwerk, das den Motorraum ausfüllt wie ein durchtrainierter Bizeps einen schmal geschnittenen Hemdsärmel, auch in der "gedrosselten" Version mit einer beeindruckenden Vehemenz zur Sache: Nur sanft das Gaspedal gestreichelt, schon schießt der Kombi schneller davon, als es die Polizei erlaubt. Insbesondere in der Innenstadt ist Feingefühl gefragt, wenn man die Fahrerlaubnis nicht riskieren möchte. Denn wer mit Kickdown in 5,3 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt, ist bereits nach drei Sekunden reif für einen Eintrag in Flensburg.

Für diesen ausgesprochen spontanen Antritt stehen maximal 540 Newtonmeter Drehmoment bereit, die Audi, anders als die Konkurrenz aus München oder beim kleinen V8-Bruder RS4, nicht erst bei einer besonders hohen Drehzahl erreicht. "Wir haben den V10 bewusst sehr kultiviert und elastisch ausgelegt", sagt Jürgen Jablonski aus der Motorenentwicklung. Der V10 erreicht sein Drehzahlmaximum bereits zwischen 3000 und 4000 Touren und stellt 90 Prozent seiner Anzugskraft zwischen 2250 und 5850 Umdrehungen zur Verfügung. Jablonski: "Das ermöglicht eine sehr elastische und dynamische Fahrweise ohne viele Schaltvorgänge." Naturgemäß schluckt so ein Triebwerk viel Sprit. Doch immerhin wurde der 5,2-Liter-Motor mit Benzindirekteinspritzung ausgestattet, so dass der einen Liter weniger verbraucht als der 340 PS starke V8-Motor des Vorgängermodells. Es sind im Schnitt 13,4 Liter - ein Wert aus einer anderen Zeit.

Auch wenn Audi den S6 mit Blick auf die verwöhnte Kundschaft betont kultiviert ausgelegt hat und sogar die serienmäßigen Sportsitze mit ihren integrierten Kopfstützen bequemer sind als in mancher normalen Limousine , zeigt der Wagen seine Zähne. Die Tiptronic schaltet etwas schneller, der Quattro-Antrieb ist im Normalfall ein wenig hecklastig ausgelegt, so dass der S6 etwas flotter um die Kurven fegt, und das ESP bremst den Spieltrieb später ein, als es im normalen A6 der Fall ist. Dazu singt der Motor ein heiseres Lied von der Lust an der Leistung. Zwar klingt der Audi lange nicht so giftig wie ein Lamborghini. Doch eine sogenannte Soundpipe überträgt die Ansauggeräusche des Motors über spezielle Membranen direkt in den Innenraum und lässt den Fahrer genau jenes Röhren hören, das er von einem Zehnzylinder erwarten kann.

Weil die S-Modelle von Audi nach Angaben von Produktmanager Peter Hirschfeld mehr sind als nur der starke Motor, gibt es natürlich auch ein weiterentwickeltes Design, das den S6 im Rückspiegel unverwechselbar macht. Da sind der in der vertikalen stärker betonte Single-Frame-Kühlergrill, die größeren Lufteinlässe, die breiter ausgestellten Kotflügel und die kleinen Schwellerleisten an den Unterkanten der Türen; und da sind vor allem die neuen Tagfahrleuchten. Unterhalb des Stoßfängers haben die Designer Platz für je fünf LED-Elemente gelassen, die mit scharfem Lichtstrahl Linie in den Tag stechen. Unser Erlebnis nach den ersten Testkilometern: Das schindet mehr Eindruck als jede Lichthupe und signalisiert dem Vordermann nach den Worten eines Audi-Sprechers, "dass er jetzt besser Platz machen sollte".

Insgesamt gewinnen forsche Dienstwagenfahrer und eilige Privatleute mit dem S6 also gleich doppelt Zeit. Denn zum einen hat der Zehnzylinder so viel Kraft, dass er die elektronisch abgeriegelte Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h in den stets kürzer werdenden Lücken auf der Autobahn auch erreichen kann. Und mit seinen neuartigen Tagfahrleuchten hat er genügend sogenanntes Überholprestige, dass er nicht mit einem A6 Diesel verwechselt werden kann und die Vorausfahrenden durchaus bereitwillig die Spur freimachen.

Dennoch treiben die Bayern das Spiel nicht vollends auf die Spitze: Während die Konkurrenten in Stuttgart und München bei ihren Kraftpaketen das Tempolimit auf Wunsch der Kundschaft im Einzelfall nachträglich wieder entfernen, gibt es den S6 auch für Geld und gute Worte nicht schneller - wenngleich natürlich der Begrenzer so tolerant ist, dass bergab und mit Rückenwind auf dem Tacho auch mal 270 Sachen stehen. Aber tatsächlich entriegeln will Audi den S6 nach Angaben von Produktmanager Maximilian Huber nicht: "Denn bei 250 km/h wird die Straße schon verdammt eng."

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