Autobianchi, Baujahr 1984 Vom Fahrersitz aus die Heckscheibe wischen

Der Fahrzeugpark in Deutschland altert. Ob aus Nostalgiegründen oder Geldmangel: Immer mehr Menschen fahren ihre alten Kisten einfach weiter. SPIEGEL-ONLINE-Leser Peter Irion schildert Freud und Leid mit seinem nicht mehr ganz taufrischen italienischen Kleinwagen.


Auf deutschen Straßen sind betagte Autos klar in der Mehrheit, das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw liegt bei knapp acht Jahren. So alt war der Fahrzeugpark hierzulande noch nie. SPIEGEL ONLINE testet mit Hilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Peter Irion aus Schwäbisch Hall von seinem 40 PS starken Veteran.

Passanten finden ihn oft niedlich und fragen, was das denn für ein Wagen sei und wie viel ich dafür gezahlt habe. Mein 22 Jahre alter Autobianchi A 112 Junior aus dem Hause Fiat profitiert meines Erachtens von einer Art Tretauto-Sympathie-Bonus. Der letzte Vorbesitzer fuhr ihn nur drei Wochen lang, weil er körperlich nicht hineinpasste. Jedenfalls fand er keine annehmbare Sitzposition. Einen Augenblick hatte er überlegt, den Fahrersitz auszubauen und von der Rückbank aus zu lenken, doch siegten dann doch die Vernunft und die Einsicht, dass ihm seine drei Mercedes eigentlich genügten.

Klein ist dieses Auto tatsächlich: Lehnt man sich etwas nach hinten, kann man vom Fahrersitz aus die Heckscheibe wischen, obwohl das Auto als Fünfsitzer zugelassen ist. Nach vorn blickt man über eine Motorhaube, an deren Ränder sich die Kotflügel nach oben wölben wie bei Donald Ducks Auto. Der Wagen ist straff gefedert, hat aber weiche, stark federnde Sitze, so dass man auf unebener Straße unbeabsichtigte Bewegungen hinter dem Lenkrad durchführt, die – je nach Temperament des Fahrers – durchaus zu Erheiterung führen können.

Dieses Auto ist aber nicht nur selten und nett anzusehen, es kann auch mit einer Reihe praktischer Vorzüge punkten: Fahrer größerer Autos sagen mit Blick auf den Wendekreis des Autobianchi, dieser drehe sich auf der Stelle. Der nur angedeutete Kofferraum lässt sich durch Umklappen der Rücksitzlehne erheblich vergrößern. Die Lenkung ist herrlich präzise, wobei sich das Auto auf engen Landstraßen natürlich wohler fühlt als auf lang gezogenen Autobahnkurven. Auf letzteren ist die Geräuschkulisse beeindruckend: Mehr als 110 km/h will man dem Auto und sich auf Dauer kaum zumuten (die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 130 km/h). Würde man nicht sogar von Lkw überholt, hätte man durchaus das Gefühl, rasant unterwegs zu sein.

Bei etwas gemütlicherer Fahrweise lassen sich Verbrauchswerte um fünf Liter pro 100 km realisieren. Das wirft die Frage auf, wo der technische Fortschritt in dieser Hinsicht geblieben ist – immerhin wurde der Motor, der in diesem Auto werkelt, schon in den 1950er Jahren konzipiert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Konstrukteure später vor allem versucht haben, Autos bei annähernd konstantem Verbrauch schneller und sicherer zu machen. Bei einem alten Kleinwagen wie diesem ist dagegen schon der Gedanke an einen Zusammenstoß gesundheitsschädlich.

In einer Kaufberatung der Oldtimerzeitschrift "Markt" war zu lesen, Autobianchi könnten eigentlich überall rosten. Weiter hieß es, wenn dem Kaufinteressenten beim Schließen des Kofferraums der Griff der Heckklappe in der Hand bleibe, sei dies ein Zeichen für fortgeschrittene Korrosion. Zum Glück hat es mein Exemplar noch nicht so schlimm erwischt. Ganz im Gegensatz zur berüchtigten Rostanfälligkeit der Karosserie genießt der Motor den Ruf, unverwüstlich zu sein. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen: In sieben Jahren bin ich kein einziges Mal liegen geblieben. Ein altes und seltenes Auto zu fahren, muss nicht teuer sein und einem den letzten Nerv rauben. Aber natürlich verlangt es etwas mehr Fingerspitzengefühl als moderne Autos.



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