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24. März 2016, 08:12 Uhr

Autogramm Ford Ranger Wildtrak

Die Rampensau

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Wer das automobile Raubein geben will, kommt mit Softie-SUVs nicht mehr weit, in jeder Hinsicht. Abhilfe versprechen Pritschenwagen wie der Ford Ranger: Robust und geländegängig - und wenigstens passt noch was rein.

Der erste Eindruck: Ein Playmobil-Auto für große Jungs.

Das sagt der Hersteller: Pick-ups sind auf dem deutschen Markt ein Nischenprodukt mit großen Wachstumsraten, sagt ein Ford-Pressesprecher. Vor allem gewerbliche Zulassungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Für die Marke zählt sich das Engagement in diesem Segment kräftig aus: Liegt Ford bei den PKW abgeschlagen hinter dem Erzrivalen VW, verkauft sich der Ranger besser als das Konkurrenzmodell Amarok. Nicht nur in Deutschland, sondern europaweit führt Fords Pick-up das Segment an.

Im Video: Rundgang um den Ford Ranger Wildtrak

Das ist uns aufgefallen: So rustikal und verwegen der Ranger aussieht - innen ist er jetzt vergleichsweise modern und angepasst. Im Cockpit gibt es neben dem analogen Tacho zwei große Displays für Navigation und Bordcomputer, auf dem Touchscreen in der Mittelkonsole läuft das Infotainmentsystem Sync mit Sprachsteuerung und einer Smartphone-Integration. Beim Fahren wird der Koloss durch Assistenzsysteme wie einem Tempomat mit Abstandsregelung, einer elektronischen Spurführung, einem Auffahrwarner und einer Verkehrszeichenerkennung unterstützt.

Wäre die Starrachse unter der Pritsche nicht ganz so bockig, würde der Ranger damit fast schon als geräumiges und kommodes Langstreckenauto taugen. Dass man trotzdem in einem Nutzfahrzeug sitzt, merkt man allerdings an den Oberflächen im Cockpit. Da ist zwar alles hübsch anzusehen, wirkt aber trotzdem zwei Nummern schlichter als etwa im Geländewagen Ford Kuga. Der Innenraum macht den Eindruck, als könne man ihn zur Not auch mal mit dem Dampfstrahler ausputzen.

Den Rollenwechsel zwischen Spielzeug für Großstadt-Cowboys und echtem Arbeitstier regelt ein schlichter Drehschalter auf der Mittelkonsole. Mit ihm aktiviert man den Allradantrieb. Wenn nur der Heckantrieb arbeitet, ist der große Wagen überraschend handlich und damit auch in der Stadt gut zu fahren - auch dank einer neuen elektrischen Servolenkung. Im Allradmodus verspannt er sich aber, wird steif und kämpft sich eher mühsam um enge Kurven. Doch dafür hat er im Gelände guten Halt und wühlt sich tapfer auch dort durch, wo viele sogenannte Geländewagen stecken bleiben.

Überhaupt hat der Pick-up das Zeug zum neuen SUV: Mit den aufgebockten Autos ist ja mittlerweile jeder Zweite unterwegs. Wer auf der Straße gern mal die Rampensau gibt, braucht auch ein Auto, auf der die Rampe was stauen kann.

Das muss man wissen: Der aufgefrischte Ranger kommt aus einem Werk in Südafrika und rollt in diesen Tagen zu den Händlern. Zu Preisen ab 27.846 Euro gibt es ihn mit einer Nutzlast von rund einer Tonne in drei Karosserievarianten: als Einzelkabine mit zwei Türen und zwei Sitzen. Als Extrakabine mit gegenläufig angeschlagenen Türerweiterungen und zwei Notsitzen im Fond. Oder als geräumige Doppelkabine mit vier Türen und fünf Plätzen.

Als Motorisierung bietet Ford drei Dieselaggregate zur Auswahl. Es gibt einen 2,2 Liter großen Vierzylinder mit künftig 130 oder 160 PS oder einen Fünfzylinder mit 3,2 Litern Hubraum, 200 PS und einem Drehmoment von 470 Nm. Der Fünfzylinder ist ziemlich knurrig, und wer die Hand länger auf den zitternden Schaltknauf legt, riskiert eine Sehnenscheidenentzündung. Dafür entwickelt das Triebwerk auch Bärenkräfte, die man vor allem beim Anfahren am Berg oder im Gelände spürt.

Als offizielle Verbrauchswerte gibt Ford je nach Karosserie und Motorisierung zwischen 6,6 und 8,8 Liter an. Für ein Trumm von 5,30 Meter Länge und zwei Tonnen Gewicht ist das nicht schlecht. Durch eine serienmäßige Start-Stopp-Automatik und einer veränderten Übersetzung ist der neue Ranger um 17 Prozent sparsamer als der Vorgänger.

Das werden wir nicht vergessen: Die unterschiedlichen Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer auf den Ranger. In engen Altstadtgassen schütteln manchen Passanten den Kopf, und wenn man den Wagen in der Innenstadt abstellt und dem Wagen nicht in Arbeitskleidung entsteigt, erntet man eher abschätzige Blicke.

Doch je weiter man raus aufs Land fährt, desto größer wird die Neugier. Auf dem Parkplatz vor dem Genossenschaftsmarkt ist man dann der König. Dort gilt das Mitleid dem Porsche-Fahrer, der gerade mühsam einen Sack Blumenerde im Bug seines Neunelfers unterbringen will; der Ranger-Besitzer aber wird beneidet, weil auf der Rampe seines Pick-ups eine ganze Palette davon Platz hat.

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