Automobile Panzer Harte Schalen für den Luxus

Ein kleiner Kreis von Kunden definiert automobile Sicherheit nicht nur über Worte wie ESP oder Airbag. Vor allem im Osten Europas und in Südamerika stehen gepanzerte Limousinen hoch im Kurs. Die Autohersteller haben daher immer mehr Modelle mit einer besonders harten Schale im Programm.


Besonders weit gefasst ist die Produktpalette bei Mercedes, die unter dem Markennamen Guard vertrieben wird. Die Schwaben haben bereits 1928 mit dem Umbau zu automobilen Festungen begonnen und bezeichnen sich als Weltmarktführer in Sachen Sicherheit. Derzeit wird nach Angaben von Sprecher Olaf Meidt im Werk Sindelfingen nicht nur die aktuelle S-Klasse und deren Pullman-Version auf Wunsch umgerüstet, sondern auch die E-Klasse und das G-Modell.

S-Klasse: Schwer gepanzertes Flaggschiff der Mercedes "Guard"-Serie
GMS

S-Klasse: Schwer gepanzertes Flaggschiff der Mercedes "Guard"-Serie

Die Bandbreite reicht von leichter Panzerung gegen Vandalen und Diebe bis hin zu schwerster Armierung aus zentimeterdicken Stahlplatten, die sogar Terroranschlägen mit Sprengstoff Stand halten soll. Für zusätzlichen Schutz sorgen besonders gewappnete Tanks, Notlaufreifen und Kommunikationssysteme, die auch im Falle eines Falles den Kontakt zur Außenwelt ermöglichen. Durch all diese Maßnahmen steigt das Gewicht einer S-Klasse der höchsten Schutzkategorie um bis zu zwei auf knapp vier Tonnen an. Außerdem klettert natürlich der Preis, der bei den Einzelstücken nach Angaben aus Stuttgart oft nahe an der Millionengrenze liegt.

Bei BMW bewegt man sich in niedrigeren Preissegmenten. Dort ist es laut Sprecher Uwe Mahla gelungen, die Protection-Modelle weitgehend in die normale Produktion zu integrieren. Statt dicker Stahlplatten verwendet man für die Panzerung von 5ern und 7ern eine hochstabile Kunstfaser, in der sich Pistolenkugeln verfangen. Das mindert auch das Mehrgewicht. Die höchsten Schutzkategorien B6 und B7 aber lassen sich so nicht erfüllen, weshalb BMW auf besonderen Wunsch auch wieder Stahl verbaut. Für "leichte Fälle" bieten die Bayern - vorerst aber ausschließlich in Südafrika - einen gepanzerten 3er an.

Audi hat ebenfalls geschützte Fahrzeuge für den VIP-Verkehr im Programm. Sprecher Udo Rügheimer zufolge, wird vor allem das Flaggschiff A8 individuell nachgerüstet. Aber auch die Sicherheitsversion des "kleineren Bruders" A6 erfreue sich besonders in Brasilien größerer Beliebtheit.

Während Mercedes, Audi und BMW die Wagen direkt im Werk auf die hohen Schutzanforderungen trimmen, sind viele Mitbewerber - vor allem wegen der kleineren Stückzahlen - auf externe Betriebe angewiesen. So bietet neuerdings Volvo in Zusammenarbeit mit dem US-Spezialisten O'Gara-Hess & Eisenhardt eine gepanzerte Version des S80 an. Je nach dem Grad des Schutzbedürfnisses gibt es dort laut Sprecher Uli Andrée bis zu 46 Millimeter starkes Panzerglas, manganverstärkte Stahlplatten und einen armierten Unterboden. Damit hält das Auto auch Handgranaten und manchen Panzerfäusten Stand. Ähnliche Fahrzeuge gibt es - allerdings nur in Nord- und Südamerika - auch von Cadillac, Chevrolet und Lexus.

Treffer bleiben fast folgenlos: Mit Schusstests wird die Festigkeit der verwendeten Materialien überprüft
GMS

Treffer bleiben fast folgenlos: Mit Schusstests wird die Festigkeit der verwendeten Materialien überprüft

Doch der Schutz vor Waffengewalt ist nicht mehr nur ein Thema für die Limousinen der Oberklasse. So bietet Skoda jetzt sogar den Octavia in einer Sonderversion an. Konzipiert für Manager und Politiker im osteuropäischen Außendienst, wurde die unauffällige Limousine nach Skoda-Angaben mit speziellem Glas, dicken Stahlplatten in Flanken und Boden sowie Notlaufreifen gegen Faustfeuerwaffen gerüstet. Zwar soll dieses Modell vor allem im Osten verkauft werden, doch auf besonderen Wunsch gibt es den gepanzerten Octavia für einen Sicherheitsaufschlag von rund 60.000 Mark auch in Deutschland.

Zu den größten Exoten auf dem kleinem Markt der automobilen Panzer zählt sicherlich der Porsche 911 action-protection, den der Ludwigsburger Tuner TechArt 1999 vorgestellt hat. Der vermutlich einzige Sportwagen mit Panzerung bietet Schutz gegen Schussangriffe bis zum Kaliber 0.44 Magnum und ist nach Angaben von Sprecher Ralph Niese vor allem für die vom so genannten Carjacking - dem Autodiebstahl mit vorgehaltener Pistole - geplagten Regionen Südafrika und Südamerika konzipiert.

Damit der Fahreindruck trotz 350 Kilogramm Mehrgewichts nicht getrübt wird, gibt es ein neues Fahrwerk und einen getunten Motor. Trotz eines Preises von rund 350.000 Mark allein für die Aufrüstung eines Kundenfahrzeugs rechnet man in Ludwigsburg mit bis zu 20 Aufträgen im Jahr. Weil man aber bei Porsche immer mal wieder von einer eigenen Version mit Panzerung munkelt, haben sich die Tuner noch nicht zu einer Serienproduktion durchgerungen.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.