Bentley Arnage Final Series Letzte Expedition ins Tierreich

Auf der Roten Liste für Autos steht der Bentley Arnage ganz oben. Das Luxusgeschöpf aus Britannien stirbt aus, die auf 150 Exemplare limitierte "Final Series" ist nahezu vergriffen. Kommende Woche wird der Nachfolger enthüllt - Zeit also für ein letztes, großes Abenteuer.

Aus dem Serengeti-Park Hodenhagen berichtet


Unter den automobilen Arten gehört der Bentley Arnage zu den ganz großen Tieren. Besonders gilt das für die 150 Exemplare der Final Series, mit der die britische Marke aus dem VW-Konzern ihren Trumm nach elf Jahren Bauzeit Farewell sagt. "Das Modell Final Series zelebriert noch einmal die Ära des Arnage", sagt Bentley-Chef Franz-Josef Paefgen weihevoll; es tut dies mit einem V8-Doppelturbomotor mit 507 PS und 1.000 Nm, der den Zweieinhalbtonner auf bis zu 288 km/h treibt und nach offizieller Darstellung im Schnitt knapp 20 Liter Benzin verbraucht.

Vor allem aber trumpft die letzte Auflage der wuchtigen Limousine noch einmal mit dem auf, wofür Bentley bekannt ist: verschwenderische Motorleistung gepaart mit überbordenem Luxus. Auf dem Kühlergrill thront ein versenkbares Flying-B-Markenemblem, die Pedale sind aus gelochtem Aluminium, der Innenraum ist - wo nicht gerade Edelholzfurnier oder Lambswool-Teppich verlegt sind - vollständig mit Leder ausgekleidet. Es gibt Picknicktische im Fond, ein Barfach sowie diverse Plaketten, die darauf aufmerksam machen, dass dieser Wagen limitiert ist.

Um den Arnage nach elf Jahren Bauzeit angemessen zu verabschieden, trieb SPIEGEL ONLINE das Pkw-Großwild in den Serengeti-Park nach Hodenhagen, einer Art Drive-in-Zoo. Dort kommen sich Auto und Tiger, Nashorn, Bison oder Giraffe so nahe wie sonst höchstens auf Safari-Trips im fernen Afrika.

Die größten Autofans in den Wäldern bei Hodenhagen sind übrigens die Paviane: Mitunter entern die vorwitzigen Affen sogar die Dächer der vorbeizuckelnden Fahrzeuge. Mit dem Kronjuwel des britischen Autobaus umkurvten wir die sprungbereiten Horde daher etwas zügiger. Ein Test, ob der makellos schimmernde Lack im Farbton "Porcelain" einer Pavian-Kralle standhält, war nämlich nicht vorgesehen.

Spezielles Extra: Ein Futtereimer fürs liebe Vieh

312.851 Euro kostet das Auto in der Standardversion. Mehr als 80 Prozent der Arnage-Käufer aber ordern Extras, die den Preis weiter in die Höhe treiben. Der Testwagen war unter anderem mit einer 1100 Watt starke Musikanlage des Herstellers Naim, vier Massagesitzen, abgedunkelten Fondscheiben, einer DVD-Anlage und eine iPod-Schnittstelle bestückt. Die großen Tiere, denen wir auf unserem Trip begegneten, interessierten sich aber mehr für einen Eimer, der während der Gehege-Passage vorübergehend auf der Mittelkonsole stand. Im Behälter: Bananen und Äpfel, um mit den Gesellen im Tierpark leichter in Kontakt zu kommen.

Während Giraffe, Hirsch und Esel vorwitzig die Köpfe durch die Seitenfenster reckten, um das Interieur zu bestaunen, verständnislos auf die Tachoskala zu glotzen und an die Leckerein zu gelangen versuchten, reagierten Nashörner und Löwen eher gelangweilt. Der bengalische Tiger wiederum gab sich kennerhaft. Sobald der V8-Motor, normalerweise ein überaus kultivierter und ruhiger Bursche, im Stand auf Drehzahl gebracht wurde und den Wagen sanft erzittern ließ, hob die schläfrige Großkatze den Schädel, spitzte die Ohren und fuhr sich mit der Zunge ums Maul.

Ein V8-Motor, der schon seit 50 Jahren im Dienst ist

Der Motor ist tatsächlich ein Leckerbissen. Seit 50 Jahren wird das Aggregat von Bentley gebaut, nun aber wird mit dem Arnage auch das Traditionstriebwerk eingestellt.

1959 debütierte die Maschine mit 6,23 Liter Hubraum und einer Leistung, die kokett als "angemessen" bezeichnet wurde; inzwischen ist bekannt, dass damit 203 PS gemeint waren. Über die Jahrzehnte wurde das Grundkonzept der Maschine nie verändert, wohl aber die Details - schon um die strenger werdenden Abgasnormen zu erfüllen. Die letzte Ausbaustufe des Triebwerks schöpft aus 6,75 Liter Hubraum die schon erwähnten 507 PS und erfüllt die Euro-4-Abgasnorm. Mehr ist nicht mehr drin.

Und so wird der neue große Bentley, der an diesem Sonntag schon einmal vorab einem kleinen Publikum beim Concours d'Elegance im kalifornischen Pebble Beach gezeigt wird, einen ganz und gar neuen Antrieb erhalten. Wie der Wagen in der Großwildszene ankommen wird, kann ab Mitte nächsten Jahres ermittelt werden, dann nämlich sollen die ersten Exemplare auf den Markt kommen.

Ein majestätisches Auto mit einigen Schwachpunkten

Was bleibt vom Arnage? Die Erinnerung an ein majestätisches Auto, in dem man vor einer Armaturentafel sitzt, die aufragt wie eine Schlossmauer, und das bei durchgetretenem Gaspedal losstürmt wie ein Gepard mit der nächsten Mahlzeit im Blick.

Es gab allerdings auch Schwachpunkte. Wir wollen jetzt nicht über den erschütternd hohen Verbrauch und den damit verbundenen CO2-Ausstoß lamentieren, denn ein Privatjet wäre wesentlich umweltschädlicher. Aber: Die Plastiktasten auf der Armaturentafel wirken knickrig, der ausfahrbare Bildschirm hat ein unwürdiges Format, und der Kofferraum ist mit 374 Liter Volumen lächerlich klein.

Die Kundschaft schien das bislang nie zu stören - und den Tieren im Park war es auch egal. Die interessierten sich am Ende nur noch für das Futter in dem großen rollenden Ding, das da durch ihr Revier schlich. Ein Esel schnappte sich schließlich das finale Sandwich aus der Final Series. Es ist ihm hoffentlich wohl bekommen.

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