Bentley Arnage T Blick aus der Taucherbrille

Seit die englische Traditionsmarke zum VW-Konzern gehört, ist wieder Geld da, um sich um Superlative zu kümmern. In diesen Wochen rollen die ersten Bentley Arnage T zu den Händlern. Es handelt sich um die stärkste Serienlimousine der Welt.

Von Jürgen Pander


Bentley Arnage T: Das Dornröschen unter den Luxuslimousinen

Bentley Arnage T: Das Dornröschen unter den Luxuslimousinen

Vermutlich würde man an dem Wagen einfach vorbeigehen, stünde er irgendwo am Straßenrand geparkt. Da ist nichts Protziges, nichts besonders Auffälliges, nichts wirklich Außergewöhnliches. Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis der Marke, die jahrelang im Schatten von Rolls-Royce stand und nun wieder ihre eigenen Wurzeln entdeckt. Denn seit 1998 gehören Bentley und Rolls-Royce zu VW, ab Anfang 2003 jedoch wird Rolls-Royce zu BMW wechseln.

Seit der Transfer absehbar ist, haben sich die Wolfsburger ausschließlich auf Bentley gestürzt, um das Dornröschen unter den Luxuslimousinen wach zu küssen. Das geschah mit einer Menge Geld und einem Modernisierungssprung in die Gegenwart des Autobaus. Aus der Kreativabteilung, in der früher vier Mitarbeiter beschäftigt waren, wurde ein Design-Zentrum mit jetzt 40 Leuten. Eine Abteilung für Aerodynamik wurde aus der Taufe gehoben, denn früher interessierte sich niemand in der Fabrik in Crewe bei Manchester für Dinge wie Luftwiderstand oder Verwirbelungen. Und schließlich wurde die Entwicklungsabteilung auch mit neuester Computertechnik ausgestattet.

Im Innenraum sehr viel exklusive Handarbeit

Im Innenraum sehr viel exklusive Handarbeit

Das Ergebnis: Das jüngste Modell, der Bentley Arnage T, ist der erste Wagen des Hauses, der komplett am Computer entwickelt wurde und an dem Designer und Aerodynamiker Feinarbeit leisteten. Die dezent in den Kofferraumdeckel eingefügte Abrisskante mag als Beleg dafür stehen.

Die Hauptaufgabe des neuen Modells aber ist es, "die Leistungsgrenze für Limousinen neu zu definieren", wie Chef-Kommunikatorin Sarah Perris sagt. Verrückt nach Leistung war schon Firmengründer W.O. Bentley, und an diese Tradition soll jetzt angeknüpft werden. Schon aus Gründen der Abgrenzung zu den eher behäbig-barocken Luxusschiffen von Rolls-Royce und der im Herbst debütierenden Riesenlimousine Maybach von DaimlerChrysler.

Bentley soll der Supersportwagen für Superreiche sein. Also wurde der bekannte V8-Motor grundlegend überarbeitet. Wer das Alu-Gaspedal beherzt durchtritt, kann das rund 2,6 Tonnen schwere Monstrum in weniger als sechs Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen. Erst bei 270 km/h riegelt die Motorelektronik den Vorwärtsdrang ab. Wie man sich am Steuer dieses Autos fühlt? Souverän, erhaben - und auch ein bisschen schuldig.

Bentley soll der Supersportwagen für Superreiche sein

Bentley soll der Supersportwagen für Superreiche sein

Denn wenn man es nicht gewohnt ist, in jeder Hinsicht verschwenderisch zu agieren, glaubt man beim Beschleunigen das Geräusch des Superbenzins zu hören, wie es durch die Ansaugkanäle rauscht. Und man fragt sich, weshalb Motoren 875 Newtonmeter Drehmoment erzeugen müssen, wenn die nächste Ampel oder ein gemütlich Vorausfahrender ja doch wieder den Sturm und Drang des Bentley-Kapitäns zügeln.

Überhaupt drängt sich die Frage nach dem Sinn eines solchen Autos auf. In der Stadt kommt man im Bentley nicht schneller voran als in einem Opel, allerdings verbraucht man mit durchschnittlich 30 Liter Sprit (Werksangabe für Stadtverkehr) etwa das Fünffache an Kraftstoff. Die Parkplatzsuche ist mit einem 5,40 Meter langen Auto ebenfalls kein Spaß.

Und in den Kofferraum des Riesen aus Stahl, Holz und Leder passen gerade mal 374 Liter. Zum Vergleich: Ein VW-Golf-Gepäckabteil fasst 330 Liter. Optisch immerhin leistet sich Bentley einige Eigenarten. So gucken die beiden Rundscheinwerfer auf jeder Seite des mächtigen Kühlergrills scheinbar durch große Taucherbrillen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Bentley
Typ: Arnage T
Karosserie: Limousine
Motor: V8-Benziner
Hubraum: 6.750 ccm
Leistung: 456 PS (335 kW)
Drehmoment: 875 Nm
Von 0 auf 100: 5,8 s
Höchstgeschw.: 270 km/h
Verbrauch (ECE): 20,6 Liter
CO2-Ausstoß: 488 g/km
Kofferraum: 374 Liter
Preis: 263.070 EUR
Im Innern, auf der mit Aluminium verkleideten Armaturentafel, finden sich gleich sieben Rundinstrumente. Es gibt einen schwarzen Start-Knopf (neben 39 weiteren Schaltern) in der Mittelkonsole und einen ledernen, Baseball-großen Griff am Wählhebel der Viergang-Automatik. Und das Lenkrad, so wird von Bentley versichert, wird in 16-stündiger Handarbeit zusammengebaut und mit feinem Connolly-Leder ummantelt.

Was aber wirklich zählt, ist die unbedingte Exklusivität eines Bentley. Zwölf Händler gibt es in Deutschland die etwa 120 Autos pro Jahr verkaufen. In dieser Dosierung ist so ein Wagen durchaus verkraftbar. Aber die Briten möchten, befeuert aus Wolfsburg, ihre Stückzahlen deutlich nach oben treiben. Mit Hilfe eines "kleinen" Modells, eines jetzt noch GT Coupé genannten Fahrzeugs, das ab Ende 2003 zum Preis von etwa 150.000 Euro feilgeboten werden soll.

Arnage-T-Fahrer können sich trotz der Konkurrenz aus dem eigenen Hause locker in die Ledersitze fallen lassen. Den Superlativ, die stärkste Limousine der Welt zu bewegen, wird ihnen so schnell keiner nehmen.



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