Bentley Azure Die Sommerresidenz

Rational ist ein Bentley nicht, gibt der Technikvorstand der britischen Marke zu. Und er hat Recht. Zum neuem Bentley Azure - dem teuersten Seriencabriolet der Welt - passen viel eher Adjektive wie kolossal, maximal, phänomenal.

Von Jürgen Pander


Der Highend-Automarkt ist ein sensibles Gebilde. Kunden, die horrende Summen für ein Fahrzeug ausgeben, wollen natürlich auch fürstlich bedient werden. Man muss sie umschmeicheln, verwöhnen, ihre Neugier wecken und vor allem ihren Besitztrieb wecken. Das ist nicht einfach bei Leuten, die materiell aus dem Gröbsten heraus sind, doch dem Automobilhersteller Bentley gelingt das in letzter Zeit vortrefflich. Im vergangenen Jahr verkaufte die britische Nobelmarke des VW-Konzerns rund 8500 Autos weltweit, so viele wie noch nie zuvor. Nun steht ein weiteres Novum der 87-jährigen Firmengeschichte an: Erstmals bringt Bentley binnen einen Jahres zwei Cabriolets auf den Markt.

Das ökonomisch wichtigere Modell - schon alleine deshalb, weil bereits 3000 Vorbestellungen vorliegen - ist der Bentley GTC, der 190.000 Euro kosten wird und im Herbst debütiert. Für das Image der Marke mit dem geflügelten "B" jedoch ist der Bentley Azure weitaus bedeutender. Das Luxuscabrio genießt eine Alleinstellung auf dem Markt der Millionärs-Karossen, denn weder Rolls-Royce noch Maybach haben derzeit ein Fahrzeug mit Faltdach im Angebot. Bentley schließt mit dem Azure also eine sehr schmale, doch ebenso prestigeträchtige wie lukrative Lücke. Das Auto kostet 325.600 Euro ohne Extras, und Marketing-Direktor Mark Tennant verkündet, dass rund 300 Exemplare schon "bestellt und angezahlt" seien.

Das es dabei nicht mit rationalen Dingen zugeht, wurde schon erwähnt. Was aber macht einen Bentley so begehrenswert? Zunächst ist es gerade der exorbitante Preis, der wiederum eine hohe Exklusivität garantiert. Sodann handelt es sich um ein Auto, das an Solidität und Seriosität nichts zu wünschen übrig lässt. Schon die bloße Erscheinung des 5,41 Meter langen Trumms beeindruckt. Drinnen herrscht Salonatmosphäre mit Walnussholzvertäfelungen, zarten Lederauflagen, flauschigem Teppich und formschönen Chromelementen. Klar, modern sieht das nicht aus, aber in seiner fast schon antiken Gestaltung wirkt der Wagen ebenso stilvoll wie romantisch.

Technisch hingegen befindet sich Bentley in der Gegenwart. Vorstand Eichhorn weist beispielsweise auf Kohlefaserverstrebungen im Unterboden hin, die beim Azure weltweit erstmals eingesetzt werden und für eine enorme Steifigkeit der massigen Karosserie sorgen. Die Klimaanlage bietet spezielle Einstellungen für die Fahrt mit offenem oder geschlossenem Dach, und der 6,75-Liter-V8-Motor mit Doppelturbo und 456 PS Leistung ist tatsächlich als "low emission vehicle" eingestuft - in den USA ein wichtiges Verkaufsargument.

Die Entdeckung der Langsamkeit des Verdecks

Gern erklärt Eichhorn auch die Besonderheiten des Verdecks des Azure. Entwickelt wurde das Faltdach von der Firma Edscha aus Remscheid. "Es besteht aus fünf Lagen inklusive einer Polsterung, die über eine Konstruktion aus sieben Spriegeln gespannt sind; außerdem hat es eine eine integrierte Leseleuchte im Fond." Wer die richtige Taste in der Mittelkonsole drückt, aktiviert zwei Elektromotoren, die das Dach versenken oder aufspannen. 25 Sekunden dauert die Prozedur. "Wir hätten das auch schneller erledigen können", erklärt Eichhorn, "aber dann hätte die Bewegung an Eleganz verloren."

Das Beispiel illustriert ganz gut, wie bei Bentley Autos entwickelt werden. Hightech, ja bitte - aber Würde und Stil müssen unter allen Umständen gewahrt bleiben. Der Wagen ist ein Butler auf vier Rädern, stets zu Diensten, doch niemals aufdringlich. Die Kunden schätzen diese Einstellung. Denn wenn die Grundlagen klar sind, kann man sich viel besser um die Details wie etwa die Holzauswahl kümmern. Vogelaugenahorn, Walnuss, Eiche, Olive oder Birne stehen zur Wahl, außerdem gibt es auf Wunsch auch schwarzen Pianolack auf den Oberflächen; das Leder ist in 39 Farbvarianten zu haben, und sogar der Teppich in mehreren Varianten.

Ist die Einrichtung geklärt, kann es endlich losgehen. Sobald der Motor brabbelt, offenbart die fahrbare Sommerresidenz ihren zweiten Charakter. Zur Gediegenheit tritt die Vehemenz - und die Überraschung. Denn wer hätte es diesem Dickschiff zugetraut, so flink und agil über die Bodenwellen zu flutschen. In 6,3 Sekunden lässt sich der Azure von 0 auf Tempo 100 prügeln, erst bei 270 km/h geht dem Motor die Puste aus. Und dass in den Tiefen des Blechberges wackere Sporttechnik steckt, beweist Vorstand Eichhorn höchstpersönlich, als er das Auto mit kreischenden Reifen (255er Pirelli-Gummis auf 19-Zoll-Felgen) durch die Spitzkehren des Schweizerischen Maloja-Passes wirft.

Man kann einen Bentley auch so fahren, und gewiss wäre Firmengründer Walter Owen Bentley, der ein Faible für hochmotorisierte Sportwagen hatte, begeistert von solcher Gangart. Doch kaum jemand wird ein Auto zum Preis eines Einfamilienhauses tatsächlich derart rannehmen. Den allermeisten Kunden reicht es zu wissen, dass ihr Wagen das könnte. Mit diesem Wissen schippern sie dann im Azure über die Luxus-Boulevards dieser Welt. Das ist zwar nicht im mindesten rational, aber sehr elegant.



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